Der Angeklagte Lars H. zu Beginn des Prozesses. © dpa
Landgericht Bochum

Vermisster Junge im Schrank: Richter befragen Marvin als Zeugen – 16-Jähriger belastet Lars H.

Knapp ein Jahr nach seinem Zufallsfund im Schrank eines Sexualstraftäters aus Recklinghausen hat der jahrelang vermisste Marvin aus Duisburg am Dienstag eine erste Aussage gemacht.

Im Prozess um den Fall Marvin haben die Bochumer Richter am Dienstag damit begonnen, den 16-jährigen Belastungszeugen in nicht-öffentlicher Verhandlung zu vernehmen. „Der Nebenkläger hat dabei die erhobenen Vorwürfe gegen den Angeklagten im Wesentlichen bestätigt“, erklärte Gerichtssprecher Michael Rehaag. Abgeschlossen ist die Zeugenbefragung aber noch nicht.

Für die Vernehmung Marvins war am Bochumer Landgericht extra ein separater Sitzungssaal mit Videotechnik ausgestattet worden. Eine direkte Konfrontation mit seinem mutmaßlichen Peiniger Lars H. in ein und demselben Saal war so vermieden worden.

Befragung in einem gesonderten Zimmer

In dem Zeugenzimmer befanden sich neben Marvin noch eine psychosoziale Prozessbegleiterin, außerdem eine Wachtmeisterin. Alle anderen Prozessbeteiligten saßen während der Befragung nur wenige Meter nebenan im eigentlichen Verhandlungssaal A.015.

Dort waren vor dem Richterpult ein Bildschirm und ausgerichtete Kameras aufgebaut worden. Bild und Ton aus dem Raum, in dem Marvin saß, wurden via Beamer auf eine abgehängte Leinwand übertragen.

Vernehmung wurde nach zweieinhalb Stunden unterbrochen

„Technisch hat bisher alles reibungslos funktioniert“, so Gerichtssprecher Michael Rehaag. Weil Marvin nach etwa zweieinhalb Stunden allerdings Ermüdungserscheinungen gezeigt habe, sei die Vernehmung um 14.35 Uhr unterbrochen worden. Die Befragung soll am 7. Dezember fortgesetzt werden.

Geht es nach der 8. Strafkammer, dann soll der am 5. Juni gestartete Prozess möglichst noch in diesem Jahr mit einem Urteil beendet werden. Aktuell sind Sitzungstage bis zum 18. Dezember anberaumt.

Marvin soll in mehr als 450 Fällen missbraucht worden sein

Der vorbestrafte Lars H. soll den anfangs 13-jährigen Marvin in seiner Wohnung im Süden von Recklinghausen jahrelang beherbergt, mit Geld und Zigaretten belohnt und in mehr als 450 Fällen sexuell missbraucht haben. Entdeckt worden war der seit seinem Verschwinden aus einer Wohngruppe im Sommer 2017 als vermisst geltende Marvin Ende 2019 bei einer Kinderporno-Razzia in der Wohnung des Angeklagten in einem Kleiderschrank.

Lars H. schweigt zu den Vorwürfen. Einen Antrag seiner Verteidiger auf eine wörtliche Protokollierung von Marvins Aussage, lehnten die Richter ebenso ab die Einholung eines Glaubwürdigkeitsgutachtens. „Dafür sehen wir im Moment keinen Anlass“, hieß es am Dienstag.

Ahaus, Heek und Legden am Abend

Täglich um 18:30 Uhr berichten unsere Redakteure für Sie im Newsletter über die wichtigsten Ereignisse des Tages.

Informationen zur Datenverarbeitung im Rahmen des Newsletters finden Sie hier.

Lesen Sie jetzt