Derzeit werden erst ausschließlich Menschen der obersten Priorität gegen Corona geimpft. Trotzdem gibt es immer wieder Menschen in Machtpositionen, die sich an der Schlange der wirklichen Berechtigten vorbeidrängeln. © picture alliance/dpa
Coronavirus

Vordrängeln beim Impfen entwickelt sich zum Trendsport der Chefetagen

Immer mehr Fälle kommen ans Licht, in denen Menschen gegen Corona geimpft werden, obwohl sie noch lange nicht an der Reihe gewesen wären. Essen, Dortmund, Münster: die Liste ist lang.

So langsam kann man den Überblick verlieren über all die Fälle, in denen sich Menschen gegen das Coronavirus haben impfen lassen, obwohl sie erst viel später an der Reihe gewesen wären.

Hohe Wellen hatte zu Beginn der Woche der Fall der beiden Vorsitzenden der Mathias-Stiftung in Rheine geschlagen, die sich impfen ließen, obwohl noch lange nicht alle Menschen aus dem ärztlichen und pflegerischen Bereich der sechs zur Stiftung gehörenden Kliniken eine Spritze erhalten hatten.

In Dortmund wurden der Hauptgeschäftsführer der Katholischen St.-Johannes-Gesellschaft und sein Stellvertreter mit einer ersten Dosis gegen das Coroanvirus geimpft.

Vorstandsmitglieder der Uniklinik Münster sind dabei

In den vergangenen Tagen wurde ebenfalls bekannt, dass auch die Mitglieder des Vorstands der Uniklinik Münster in die höchste Prioritätsstufe eingeordnet wurden. Dabei wären sie nach der Liste, die von der Ständigen Impfkommission in Abstimmung mit dem Deutschen Ethikrat erstellt wurde, frühestens in der dritten Prioritätsstufe, wenn nicht sogar noch später an der Reihe gewesen. Aktuell sind noch nicht einmal alle Menschen der höchsten Prioritätsstufe geimpft. Sie hätten also noch viele Wochen, wenn nicht gar Monate warten müssen.

Auch mehrere Verwaltungs-Mitarbeiter der vom Orden der Alexianer in Münster betriebenen Kliniken wurden bereits geimpft. Auch Vorstand und Pflegedirektion des Josefs-Hospitals in Warendorf, ja selbst Sekretärinnen, erhielt nach einem Bericht der Westfälischen Nachrichten das so heiß begehrte Serum.

Merkwürdige Ärztelisten in Essen

Über einen krassen Fall berichtete jetzt zudem die WAZ. In Essen sollten rund 1.300 niedergelassene Ärzte sowie deren Angestellte geimpft werden und sich dazu in Listen eintragen. Auf den Listen tauchten dann aber auch jede Menge Familienangehörige der Ärzte auf. Das wiederum ließ den Vorsitzenden der Kreisstelle Essen der Kassenärztlichen Vereinigung (KV), Ralph-Detlef Köhn, stutzig werden.

Köhn schrieb daraufhin nach Angaben der WAZ diese süffisante Mail an die Essener Ärzte: „Wir haben mit großer Freude feststellen können, wie viele Ehepartner, Schwiegereltern, ganze Familien offenbar in Euren Praxen beschäftigt sind.“ Und weiter: „Es ist nicht meine Aufgabe, das zu kontrollieren, aber Ihr solltet berücksichtigen, dass diese Liste an die KV, die Stadt, das Impfzentrum etc. geht und auch von vielen Kollegen eingesehen wird.“

Führungskräfte aus Bochumer Klinikum

Wie die WAZ ebenfalls berichtet, sind auch in den Augusta-Kliniken Bochum zum Impfstart für das medizinische Personal Führungskräfte ohne Patientenkontakt und sogar „betriebsfremde Personen“ geimpft worden. Das habe auch die Klinik eingeräumt.

Mitglieder der erweiterten Führungsebene des Hauses sowie ein Elternteil und ein Ehemann von Beschäftigten in der Augusta-Chefetage erhielten nach WAZ-Informationen den Impfstoff von Biontech in der Zeit vom 18. bis 20. Januar. Keine dieser Personen war zu diesem Zeitpunkt impfberechtigt. Augusta-Mitarbeiter werfen der Krankenhausleitung in einem anonymen Schreiben an die WAZ „klüngelhaftes Verhalten“ vor. Der Impfstoff werde quasi „unter der Hand“ vergeben.

Ein 31-Jähriger Bürgermeister in erster Reihe

Doch nicht nur Ärzte und Klinik-Verantwortliche haben das Vordrängeln bei der Corona-Impfung als ihren neuen Lieblingssport entdeckt, sondern auch Politiker. So wurde bereits der 31 Jahre alte Bürgermeister von Hennef ebenso geimpft wie sein Amtsvorgänger. Auch der Bürgermeister von Wachtberg hat den begehrten Piks schon erhalten.

Und selbst ein Kirchenoberhaupt der Neuapostolischen Kirche aus Oberhausen ließ sich samt seiner Frau bereits im Januar impfen, berichtete das ZDF-Magazin Frontal 21. Rainer Storck ist das Oberhaupt von rund 600.000 Gläubigen.

Pfarrer und andere Geistliche haben sich außerdem in zwei Seniorenheimen in Dorsten impfen lassen.

Und auch außerhalb von Nordrhein-Westfalen gibt es Menschen, die keine Scheu haben, ihre Machtposition auszunutzen, um sich an allen Wartenden vorbei in die vorderste Impf-Reihe zu stellen. Darunter befindet sich der Bischof von Augsburg ebenso wie der Landrat des Kreises Limburg-Weilburg, der sich schon am Neujahrstag impfen ließ. Oder der Landrat von Ostprignitz-Ruppin, der unter anderem auch die Mitarbeiter seiner Verwaltung zur Impfung einlud.

Rechtfertigungen sind immer die gleichen

Die Liste ließe sich noch lange fortsetzen. Sobald ein solcher Fall öffentlich bekannt wird, ist die Entrüstung groß. Gerade Menschen in Machtpositionen müssten doch Vorbilder sein. Dass sie jetzt so handeln, dafür hat kaum jemand Verständnis. Die Rechtfertigungen der erwischten Impf-Sünder lauten nahezu immer gleich: Die Vakzine seien eben an diesem Tag übrig geblieben und bevor man sie hätte wegwerfen müssen, habe man sich bereit erklärt, sich selbst impfen zu lassen.

Ethikrat übt Kritik

Auf Bundesebene ist das Vordrängeln beim Impfen inzwischen zum Thema geworden. Die Vorsitzende des Ethikrats, Alena Buyx, sagte in dieser Woche in in einem ZDF-Interview: „Grundsätzlich ist es ganz wichtig, dass man die Priorisierungsempfehlung der Ständigen Impfkommission und die rechtlich gültige Impfverordnung einhält. Denn wenn man das nicht einhält, dann führt das zu nachvollziehbaren Gefühlen von Unfairness und ungerechter Bevorzugung Einzelner. Und das zerstört das Vertrauen in das ganze Vorgehen.“

Eugen Brysch, Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz in Dortmund, fordert sogar harte Strafen für Impfvordrängler, bis zu 5 Jahren Freiheitsentzug.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat inzwischen erklärt, dass er die Möglichkeit von Sanktionen gegen Impfvordrängler prüfen will. Und Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte zu dem Thema: Sie werde sich impfen lassen – aber erst, wenn sie an der Reihe sei.

Über den Autor
Redakteur
Ulrich Breulmann, Jahrgang 1962, ist Diplom-Theologe. Nach seinem Volontariat arbeitete er zunächst sechseinhalb Jahre in der Stadtredaktion Dortmund der Ruhr Nachrichten, bevor er als Redaktionsleiter in verschiedenen Städten des Münsterlandes und in Dortmund eingesetzt war. Seit Dezember 2019 ist er als Investigativ-Reporter im Einsatz.
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