Aktuell prasselt ein Sturm der Entrüstung auf die Verantwortlichen ein, weil noch nicht genügend Corona-Impfstoffe zur Verfügung stehen. Unser Autor findet das unerträglich und fordert in seinem Kommentar: Hört endlich auf mit der elenden Besserwisserei, haltet die Politiker nicht länger mit euren Nörgeleien vom Job ab und lasst sie doch einfach mal in Ruhe arbeiten! © picture alliance / dpa
Meinung

„Wie Menschen beschimpft werden, macht mich fassungslos“

Selbst ernannte Corona-Experten wissen alles besser. Politiker werden bepöbelt, es wird gejammert und gezetert. Unser Autor hat die Nase gründlich voll. Und fleht den Himmel an.

Können wir bitte alle mal einen Gang runterschalten? Bei der Durchsicht dessen, was seit Wochen auf diversen Nachrichtenportalen, auf Twitter, Facebook und Co. in Sachen Corona so abgeht, wird mir zunehmend schlecht. Wie derzeit die für das Funktionieren unseres Gemeinwesens verantwortlichen Menschen als Idioten, Nieten und Versager, als Vaterlandsverräter und EU-Speichellecker angepöbelt, verunglimpft und beschimpft werden, macht mich fassungslos.

Das hat ein Ausmaß erreicht, das die Grenzen jeder berechtigten Kritik und jeder vernünftigen Diskussionskultur weit, weit überschritten hat. Wohin solche von jeder Realität abgehobene Ignoranz, Borniertheit und Dummheit führen kann, haben wir am Dreikönigstag in Washington erlebt. Und das macht mir Angst.

Es gibt zwei Bereiche, an denen ich all das Gesagte festmachen möchte: An der Kritik rund um das Thema Impfung einerseits und an den immer schriller werdenden Forderungen nach verlässlichen Perspektiven andererseits.

Der erste Punkt: Seit Wochen hagelt es in immer drastischeren Worten Kritik am Impf-Management in Deutschland. Man hätte viel früher mehr Biontech-Impfstoff bestellen müssen, man hätte der EU Dampf machen müssen, man hätte neue Produktionsstätten längst bauen können, man hätte, hätte, hätte. Ganz ehrlich: Diese Art von totalem Realitätsverlust, gepaart mit plötzlich grassierender massenhafter Demenz ist für mich unfassbar.

Niemand wusste im Sommer, welche Firma mit welchem Wirkstoff am Ende als erstes auf den Markt kommen würde. Klar: Mit dem Wissen von heute hätte man schon damals irgendwo eine neue, riesige Fabrik installieren und dort den Biontech-Impfstoff im Überfluss produzieren können. Aber: Warum haben eigentlich die Hätte-Hätte-Hätte-Schlaumeier von heute im Sommer keine Biontech-Aktien gekauft? Mit dem Wissen von heute hätte ich im Juni einen Kredit über 100.000 Euro aufgenommen und dafür am 24. Juni 2020 genau 2.122 Biontech-Aktien gekauft. Mit dem Börsenkurs vom 8. Januar 2021 hätte ich damit 65.000 Euro Gewinn gemacht.

Ich frage mich: Was wäre eigentlich gewesen, wenn die Politik alles auf Biontech gesetzt hätte und dann wäre das Biontech-Serum doch nicht als erster, sondern als letzter Corona-Impfstoff auf den Markt gekommen? Was, wenn er am Ende gar nicht zugelassen worden wäre? Nur auf die Karte Biontech zu setzen, wäre selbst jetzt noch riskant: Was, wenn sich in zwei Wochen herausstellt, dass deren Serum im Vergleich zu den Produkten anderer Hersteller gegen mutierte Viren deutlich weniger wirkt?

Was jetzt allein nottut

Vielleicht sind bei den Impfstoff-Bestellungen, bei den Vertragsverhandlungen, bei den Absprachen innerhalb der EU, bei der Organisation der Verteilung, bei der Festlegung der Prioritäten, bei der Kommunikation oder an anderen Stellen – von wem und in welcher Position auch immer – wirklich gravierende Fehler gemacht worden. Die sollte und muss man dann in Ruhe aufklären und die entsprechenden Konsequenzen für die Zukunft ziehen. Aber um Himmels willen endlich ohne diese geradezu absurde Besserwisserei aus dem Rückspiegel. Die hilft uns nicht weiter, sondern lähmt alle Verantwortlichen, das zu tun, was jetzt allein nottut: Dafür zu sorgen, dass jetzt so schnell wie möglich, so viel wie möglich an wirksamen Impfstoffen da ist und diese Seren auch sofort verimpft werden.

Und was den Gedächtnis- und Realitätsverlust angeht: Noch im Herbst hieß es, wenn alles glatt laufe, werde der erste Impfstoff im Januar 2021 zur Verfügung stehen. Die Impfungen aber begannen schon Ende Dezember. Jetzt wird geklagt, das sei alles viel zu spät und außerdem gebe es viel zu wenig Impfstoff. Das sei doch skandalös.

Impfstoffe fallen nicht vom Himmel

Kann sich wirklich niemand mehr daran erinnern, dass alle Verantwortlichen immer gesagt haben, am Anfang werde es nicht genügend Impfstoff geben? Impfstoffe fallen schließlich nicht vom Himmel, sondern müssen erst produziert werden. Und in diesem Fall soll am besten eine kleine, junge Firma aus Mainz innerhalb weniger Wochen die ganze Welt versorgen? Geht`s noch? Selbst wenn das Serum auf Bäumen wachsen würde, müsste man die Ernte abwarten.

Politikerinnen und Politiker haben sich ihren Job selbst ausgesucht. Deshalb habe ich kein Mitleid mit ihnen, auch wenn ich gerade nicht mit einem von ihnen tauschen möchte. Was auch immer sie tun, sie müssen sich für ihr Handeln in der Öffentlichkeit rechtfertigen. Das war so, ist auch jetzt so und das ist völlig in Ordnung. Auch meine Aufgabe als Journalist ist es, ihnen kritisch auf die Finger zu schauen und im Zweifelsfall auch mal Klartext zu sprechen. Wie im Moment aber mit ihnen umgesprungen wird, das ist in vielen Fällen grob unfair und zwingt sie, sich in Endlosschleifen absurder Hätte-Hätte-Diskussionen zu verlieren, statt sich voll und ganz auf die Eindämmung der Pandemie zu konzentrieren. Lasst sie doch einfach mal in Ruhe ihren Job machen!

Der zweite Punkt. Das Gejammere muss endlich aufhören. Ich kenne wirklich niemanden, der sich über diese Pandemie freut und nicht ein rasches Ende herbeisehnt. Es war im Dezember. Zwei Tage, nachdem angekündigt worden war, dass die Impfungen direkt nach Weihnachten beginnen und nach den Heimbewohnern und Pflegekräften zuerst die Älteren an der Reihe wären, da erhielt ich einen Anruf. Ein freundlicher älterer Herr klagte mir sein Leid: Er habe bei seinem Hausarzt, beim Gesundheitsamt, bei der Kassenärztlichen Vereinigung und bei der Bezirksregierung angerufen und niemand habe ihm sagen können, wann er an der Reihe sei und wo er seinen ganz persönlichen Termin erfahren könne. Das sei doch ein absolutes Unding, meinte er.

Ich kann die Ungeduld und die Fragen „Wann bin ich denn dran?“ gerade älterer und vorbelasteter Menschen wirklich gut verstehen, aber solche Drängeleien sind für die Verantwortlichen nicht nur nervtötend, sondern sorgen höchstens dafür, dass alles nur noch länger dauert. Ich möchte in diesen Situationen am liebsten flehend gen Himmel schreien: „Herr, schenk mir Geduld. Aber sofort!“

Am Donnerstag zeterte im Radio eine Lehrerin, dass man in den Schulen doch jetzt bitteschön endlich eine verlässliche Perspektive brauche. Bis Ende Januar sei ja jetzt Klarheit da, aber man müsse doch wissen, wie es ab Februar bis zum Sommer weitergehe. In solchen Momenten kocht es in mir hoch. Wer hätte nicht gern Gewissheit, wie die Lage im Sommer aussieht?

Ineffektives Krisenmanagement der Schulen

Ich bin zwar durchaus der Überzeugung, dass gerade in unseren Schulen in den vergangenen zehn Monaten längst nicht alles getan worden ist, was man etwa in Sachen Digitalisierung hätte tun können. Das aus meiner Sicht transusige, träge und vollkommen ineffektive Krisenmanagement ist ein eigenes Kapitel und böte in der Tat mehr als ausreichend Anlass für eine wirklich radikale Untersuchung. Aber das nur am Rande.

Jetzt aber Planungssicherheit bis zum Sommer zu fordern, das ist schon extrem abstrus. Auf welcher Basis soll man denn jetzt planen? Soll man bis zum neuen Schuljahr nur auf Distanzunterricht setzen? Was aber ist, wenn dank Impfungen und anderer Faktoren Anfang März problemlos Präsenzunterricht möglich ist? Soll man das dann sein lassen, nur weil man im Januar langfristig geplant hat? Umgekehrt: Was bringt es, jetzt für den Mai wieder normalen Unterricht anzusetzen und dann gibt es noch immer mehr als 1000 Tote und 20.000 Neuinfektionen am Tag?

Herr, gib uns allen Geduld, am besten flächendeckend und sofort.

Über den Autor
Redakteur
Ulrich Breulmann, Jahrgang 1962, ist Diplom-Theologe. Nach seinem Volontariat arbeitete er zunächst sechseinhalb Jahre in der Stadtredaktion Dortmund der Ruhr Nachrichten, bevor er als Redaktionsleiter in verschiedenen Städten des Münsterlandes und in Dortmund eingesetzt war. Seit Dezember 2019 ist er als Investigativ-Reporter im Einsatz.
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