Mit seinem Mais-Labyrinth wirbt Landwirt Benedikt Lünemann in Cappenberg dafür, sich gegen das Coronavirus impfen zu lassen. Für die Bekämpfung der Pandemie ist das von entscheidender Bedeutung, wie auch die Wochenbilanz zeigt. © picture alliance/dpa
Corona-Wochen-Bilanz

Zahl der Corona-Fälle steigt, aber die Inzidenz als alleiniger Maßstab steht vor dem Aus

Der Druck auf die Politik, sich von der 7-Tage-Inzidenz als Maßstab der Corona-Pandemie zu verabschieden, wächst. Zugleich nimmt auch der Druck auf Ungeimpfte zu. Die Corona-Wochen-Bilanz.

Der Trend der beiden Wochen zuvor hat auch in der Woche vom 19. bis 26. Juli angehalten: Die Zahl der Neuinfektionen steigt weiter. Und das hat schon jetzt Folgen. In Nordrhein-Westfalen gilt ab sofort nicht mehr die Stufe 0, die bei weniger als 10 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern in den vergangenen sieben Tagen griff, sondern die Stufe 1, die bei einem Wert zwischen 10 und 35 gültig ist. Noch wichtiger aber ist, dass drei wichtige Themen jetzt erneut zur Diskussion stehen.

1. Wie aussagekräftig ist die Inzidenz für die Bewertung der Corona-Lage in Deutschland?

Um es ganz knapp zu sagen: Als alleiniger Maßstab taugt sie nicht mehr wirklich, denn: Bereits in der dritten Welle hat sich gezeigt, dass steigende Infektionszahlen nicht automatisch eine steigende Auslastung der Kliniken mit Covid-19-Patientinnen und -Patienten sowie Corona-Todesfälle nach sich ziehen. Hier macht sich bemerkbar, dass inzwischen rund 50 Prozent der Deutschen vollständig und rund 60 Prozent mindestens einmal gegen Corona geimpft sind.

Jetzt, wo die Infektionszahlen wieder steigen und viele von einer vierten Welle reden, ist das Bild ähnlich. Auch jetzt sind bisher weder auf den Intensivstationen noch bei den Todesfällen dramatische Änderungen zu erkennen.

Wie sinnvoll sind die aktuellen Regeln?

Damit stellt sich die Frage, wie sinnvoll die aktuell bis zum 5. August geltende Stufen-Regelung in Nordrhein-Westfalen überhaupt noch ist, denn dabei ist ja allein von der Inzidenz abhängig, was erlaubt ist und was verboten.

Das dürfte nicht länger haltbar sein, wie auch ein Blick nach Großbritannien zeigt. Im Vereinten Königreich wurden trotz steigender Infektionszahlen praktisch alle Schutzmaßnahmen aufgehoben. Trotzdem sinken jetzt die Zahlen: von einer Inzidenz von 501 am 21. Juli auf heute 395, in den Kliniken und bei den Corona-Todeszahlen hat es keinen dramatischen Anstieg gegeben.

2. Mittlerweile kann sich jeder, der das möchte, gegen das Coronavirus impfen lassen.

Impfstoff ist ausreichend vorhanden. Das verschärft die Diskussion um die Frage: Wie gehen wir mit Menschen um, die sich nicht impfen lassen wollen, obwohl keine gesundheitlichen Gründe dagegen sprechen?

Helge Braun und Armin Laschet sind sich nicht einig

Kanzleramtsminister Helge Braun hatte dazu gesagt, dass solche ungeschützten Impf-Skeptiker bei steigenden Inzidenzen eben nicht ins Restaurant, Stadion oder Kino dürfen. Ich halte diese Argumentation für sehr nachvollziehbar, CDU-Kanzlerkandidat Armin Laschet dagegen nicht.

Ich bin ziemlich sicher, dass diese Frage zu einem zentralen Wahlkampfthema werden wird.

3. Die dritte zentrale Frage lautet: Wie schaffen wir es, dass sich mehr Menschen impfen lassen?

Die Zahlen des Robert-Koch-Instituts zeigen, dass sich aktuell vor allem die 15- bis 34-Jährigen infizieren. Ich halte es daher für richtig, dass die Impfteams jetzt nicht länger in ihren Zentren auf Impfwillige warten, sondern dahin gehen, wo noch nicht geschützte Menschen sind: in die Schulen, Berufskollegs, Universitäten, Fachhochschulen, Discos, Stadien, Fitness-Studios etc.

Wer soll die Tests künftig selbst bezahlen?

Das dürfte besser sein als eine Impfpflicht. Dass in vielen Fällen der Zutritt für Geimpfte, Genesene und Getestete weiterhin möglich ist, mag sinnvoll sein. Allerdings sollte sich der Staat langsam aus der Finanzierung der Tests zurückziehen. Wer sich nicht impfen lassen will, obwohl er es aus gesundheitlichen Gründen könnte, sollte seinen Test künftig aus eigener Tasche bezahlen.

Es ist nicht fair, dass ein Mensch mit seiner Impf-Ablehnung nicht nur andere Menschen - etwa die, die sich nicht impfen lassen können, weil sie beispielsweise eine Chemotherapie absolvieren - gefährdet, sondern auch noch unnötige Kosten für die Allgemeinheit verursacht.

Die aktuellen Zahlen der Woche

Nach diesen drei Vorbemerkungen nun die aktuellen Zahlen. In der Woche zwischen dem 19. und 26. Juli gab es 11.629 Neuinfektionen mit dem Coronavirus. Das sind 2.891 neue Fälle mehr als in der Woche zuvor.

Die Situation auf den Intensivstationen ist weiterhin unspektakulär. Die Zahl der Covid-19-Patientinnen und -Patienten ist zwar nahezu unverändert bei 362 (-2), aber: Die Zahl der Beatmungs-Patienten ging weiter deutlich zurück: Von 231 am vergangenen Montag auf 192 am 26. Juli. 1.726 (-38) Spezialbetten zur Behandlung von Covid-Patienten sind als verfügbar gemeldet.

164 weitere Todesfälle meldete das Robert-Koch-Institut für die Woche vom 19. bis 26. Juli. Das ist zwar ein Anstieg um 33 Todesfälle gegenüber der Vorwoche, aber immer noch ein vergleichsweise sehr niedriger Wert.

Über den Autor
Redakteur
Ulrich Breulmann, Jahrgang 1962, ist Diplom-Theologe. Nach seinem Volontariat arbeitete er zunächst sechseinhalb Jahre in der Stadtredaktion Dortmund der Ruhr Nachrichten, bevor er als Redaktionsleiter in verschiedenen Städten des Münsterlandes und in Dortmund eingesetzt war. Seit Dezember 2019 ist er als Investigativ-Reporter im Einsatz.
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