Olaf Scholz (SPD), Annalena Baerbock (Grüne) und Armin Laschet (CDU, v.l.) stritten beim Triell um die Gunst des Publikums, die anschließend bei Blitzumfragen oder parallel zur Sendung live per Debat-O-Meter abgefragt wurde. Unser Autor fragt sich, was von alledem zu halten ist. © picture alliance/dpa/WDR
Meinung

Zur Prognose des Wahlergebnisses wenden Sie sich an einen Propheten oder Ihre Wahrsagerin!

Das zweite Triell um den Chefsessel im Kanzleramt hat Olaf Scholz gewonnen. Das sagen Blitzumfragen von ARD und ZDF und auch das Debat-O-Meter. Unser Autor sagt: Das kann man auch anders sehen.

Nach dem zweiten TV-Dreikampf von Annalena Baerbock (Grüne), Olaf Scholz (SPD) und Armin Laschet (CDU) vor der Bundestagswahl frage ich mich: Welchen Wert haben eigentlich die „Blitzumfragen“, die anschließend den einen zum Sieger und den anderen zum Verlierer abstempeln? Und wie ist das von der Uni Freiburg entwickelte Debat-O-Meter einzuschätzen, das auch unsere Redaktion jetzt erstmals getestet hat?

Um eines gleich am Anfang klarzustellen: Einen sicheren Blick in die Zukunft gewähren weder die Blitzumfragen noch das Debat-O-Meter. Ich würde auf keiner der im Turbo-Tempo veröffentlichten Daten eine Wette abschließen.

Umfragen liegen oft gründlich daneben

Zu oft schon haben Umfragen am Ende gründlich daneben gelegen. 2017 beispielsweise: Zwei Wochen vor der Wahl versprach Forsa der CDU noch 37 Prozent. Es wurden nur 32,9. Die SPD sollte 23 Prozent bekommen, erhielt aber nur 20,5. Oder die AfD. Ihr traute Forsa 9 Prozent zu, heraus kamen 12,6 Prozent. Und die Forsa-Umfrage war keine Befragung unter extremem Zeitdruck wie die vom Sonntagabend.

Sonntagabend befragte die Forschungsgruppe Wahlen für das ZDF am Telefon 753 repräsentativ ausgewählte Menschen innerhalb weniger Minuten. Können Sie sich vorstellen, wie groß die Lust von Menschen ist, die nach eineinhalb Stunden Politik-Kabbelei am Sonntagabend um kurz vor zehn angerufen werden, um irgendwelche Fragen zu beantworten? Zudem: Weil alles holterdipolter gehen musste, gab es auch nicht die geringste Chance, in die Tiefe zu gehen. Wer wo die besseren Argumente geliefert hat, wer bei welchem Thema besser und bei welchem schlechter war? Kein Chance auf Antworten zu solchen Fragen.

Das gilt auch für die von Infratest dimap im Auftrag der ARD erstellte repräsentative Blitzumfrage. Dabei wurden zwar mit 1.750 per Telefon und online mehr als doppelt so viele Menschen zu ihrer Meinung befragt, aber: Im Prinzip gelten die selben Bedenken, was die Aussagekraft der Blitzumfrage angeht wie beim ZDF.

642.000 Einzel-Bewertungen zur detaillierten Auswertung

Etwas anders sieht die Sache beim Debat-O-Meter aus. Zum einen war die Zahl der Menschen, die hier ihre Bewertung abgegeben haben, ungleich höher. Sie lag am Sonntag bei 12.000 um ein Vielfaches höher als in den Blitzumfragen von ARD und ZDF. Diese Teilnehmerinnen und Teilnehmer wurden zwar nicht repräsentativ ausgewählt, sondern das Portal stand jedem offen, aber: Die von diesen 12.000 Menschen abgegebenen 642.000 Einzel-Bewertungen ermöglichen schon eine viel detaillierte Einschätzung, wie die Kandidatin und die beiden Kandidaten bei den Zuschauenden vorm Fernseher angekommen sind.

Wofür das wichtig ist? Ich weiß es nicht. Diese Frage müssen Sie ebenso für sich selbst beantworten wie die Frage, wem sie denn am 26. September Ihre Stimme geben werden. Da zählen weder Umfrageergebnisse, noch das, was Ihr Nachbar, Ihr Kollege oder Ihr Tankwart wählt. Sie entscheiden.

Und noch eines: Selbst wenn das Debat-O-Meter genauere Einschätzungen als eine Blitzumfrage liefern kann, steht eines ebenso fest: Dass das Ergebnis des Debat-O-Meters auch tatsächlich am Wahltag so eintritt, darauf würde ich auch jetzt nicht wetten. Es bleibt dabei: Bei der Prognose von Wahlergebnissen wenden Sie sich lieber an einen Propheten oder eine Hellseherin Ihrer Wahl.

Über den Autor
Redakteur
Ulrich Breulmann, Jahrgang 1962, ist Diplom-Theologe. Nach seinem Volontariat arbeitete er zunächst sechseinhalb Jahre in der Stadtredaktion Dortmund der Ruhr Nachrichten, bevor er als Redaktionsleiter in verschiedenen Städten des Münsterlandes und in Dortmund eingesetzt war. Seit Dezember 2019 ist er als Investigativ-Reporter im Einsatz.
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