Dieter Schatzschneider: „Ich mag Simon Terodde - lieber er überholt mich als irgendeine Blaubirne.“ © imago
Schalke 04

Dieter Schatzschneider über Terodde und einen Schalker mit Rasierklingen

Der drohende Sturz vom Torjäger-Thron der Zweiten Liga, Simon Terodde, Hannover 96, DFB-Ausbildung, Märchenerzähler und seine Zeit auf Schalke: Dieter Schatzschneider (63) im Interview.

Auch wenn er derzeit wegen einer Impfung gegen Gürtelrose etwas geschwächt ist: Den Besuch des Zweitliga-Spiels Hannover 96 gegen Schalke 04 am Freitagabend wird sich Dieter Schatzschneider nicht nehmen lassen. Dabei droht dem 63-Jährigen ausgerechnet in seiner Heimatstadt der Sturz vom Torjäger-Thron der Zweiten Liga – ein Tor von S04-Stürmer Simon Terodde würde dafür reichen. Im Telefon-Interview mit den Ruhr Nachrichten findet Schatzschneider gewohnt klare Worte – auch über seinen Nachfolger in spe.

Hallo Herr Schatzschneider, haben Sie sich schon offiziell beim „Kicker“ beschwert oder gar Ihr Abo gekündigt?

Das nicht, aber ich weiß, worauf Sie anspielen. Der „Kicker“ hat ja wohl den Stein ins Rollen gebracht, dass aus meinen 154 Zweitliga-Toren 153 wurden. Nach über 40 Jahren wurde mir eins aberkannt.

Das nehmen Sie so einfach hin…?

Naja, ich finde das schon etwas seltsam, will mich aber nicht lange damit aufhalten. Überholen wird mich Simon wahrscheinlich so oder so. Auf alle Fälle habe ich mir die „Kicker“-Ausgabe von damals noch mal angeschaut, als wir mit Hannover in Bremerhaven spielten, Saison 1979/80, Drei Schatzschneider-Tore hat der Reporter notiert. Nun sind‘s zwei, weil eines angeblich ein Eigentor war. Dann hätte der Mann ja gar nicht für das Fachblatt arbeiten dürfen (lacht).

Ein Terodde-Tor am Freitag reicht, und er ist alleine auf dem Torjäger-Thron der Zweiten Liga. Tun Sie sich das live vor Ort an?

Na klar. Ich habe für Simon sogar ein Trikot vorbereitet, das ich ihm gern überreichen würde. Ohne eine Zahl aber, die kann sich ja noch weiter verändern. Aber eine kleine Widmung kommt noch drauf.

Wie werden Sie reagieren, wenn er wirklich trifft – oder überschätzen wir dieses Thema und Ihnen ist das völlig gleichgültig?

Nein, das ist es nicht. Es tut dann schon weh, ganz klar. Ich habe diesen Rekord sehr gerne gehabt, einfach auch, weil es über eine so lange Zeit niemand geschafft hat, ihn zu knacken. Aber wissen Sie was? Ich mag Simon, und mir ist es lieber, er überholt mich als irgendeine Blaubirne, die nichts kann und nur angeschossen wird.

Was schätzen Sie an Ihrem möglichen Nachfolger?

Simon kann was und hat sich das auch alles hart erarbeitet, das gefällt mir. Auch als Typen mag ich ihn, wir hatten neulich sogar mal Kontakt über Skype. Ich wünsche ihm auch noch ein paar gute Jahre mit weiteren Toren. Aber am besten in der Ersten Liga. Sonst hat er hinterher 250 Zweitliga-Tore und die Leute sagen: Was war der Schatzschneider mit seinen 153 Toren denn für eine Pfeife?

Wie stehen Sie zu der Diskussion: Terodde in die Nationalmannschaft!?

Es geht mir dabei gar nicht so sehr um Simon Terodde. Es geht einfach darum, dass aus meiner Sicht jede Mannschaft einen Mittelstürmer, am besten einen großgewachsenen, gut gebrauchen kann. Da hat Fußball-Deutschland jahrelang einen Fehler gemacht. Wir haben zwar viele technisch hervorragende, dribbelstarke, wendige, schnelle Stürmer. Aber in manchen Situationen brauchst du halt auch mal einen, der den Kopf hinhält. Beim DFB glauben Sie ja alle, sie seien die großen Ausbilder. Und sie können für den Nachwuchs noch so viele schicke Paläste bauen: Dafür haben wir jetzt keine Mittelstürmer, keine linken und keine rechten Verteidiger. Aber die brauchst du.

Dieter Schatzschneider im Gespräch mit Ex-Bundestrainer Joachim Löw (im Hintergrund rechts Martin Kind von Hannover 96): „Schicke Paläste für den Nachwuchs – aber keine Mittelstürmer, keine rechten und keine linken Verteidiger.“ © dpa © dpa

Vielleicht bleiben Sie am Freitag ja noch vom Sturz vom Zweitliga-Thron verschont – ist Hannover stark genug, um Terodde zu stoppen?

Auf jeden Fall können wir Schalke schlagen. Das ist möglich. Hansa Rostock hat ja in der ersten Halbzeit vorgemacht, wie man Schalke wehtun kann – auch wenn Schalke das Spiel dann gewonnen hat.

Aus der Distanz betrachtet wirkt Hannover immer ein wenig wie ein Verein, bei dem Ansprüche und Realität nur selten in Einklang zu bringen sind. Täuscht dieser Eindruck?

Der Eindruck mag da sein. Aber mir ist doch jemand lieber, der sagt, er will aufsteigen, als einer, der sich von vornherein mit Mittelmaß zufrieden gibt. Davon gibt es schon viel zu viele.

Sie sind mit Hannover 96 nicht immer im Reinen gewesen – aus dem Verein sind Sie sogar ausgetreten.

Aus dem e. V. bin ich ausgetreten, richtig. Dabei ist die Mitgliedschaft für uns als Traditionsspieler dort kostenlos… Wissen Sie, ich kann mit Gruppierungen wie den Ultras nichts anfangen. Da wird immer nur gemeckert und ein Mann wie Martin Kind wird zum Teil richtig angefeindet. Das geht mir alles zu weit. Und was Martin Kind betrifft: Er hat sicherlich ein paar Mal daneben gelegen. Aber die Fehler, die er macht, zahlt er aus seiner eigenen Tasche. Wer die fünf Millionen Schulden des e. V. zahlt, weiß ich nicht. Ich jedenfalls nicht.

Sind Sie noch Berater von Martin Kind, der bei Hannover 96 Geschäftsführer der Profigesellschaft ist?

Nein. Mit meinen 63 Jahren bereite ich mich nun so langsam auf die Rente vor. Und ich habe irgendwann gemerkt, dass die Stimme eines Ex-Fußballers dann nicht mehr so viel zählt, wenn das Kapital die Oberhand gewinnt. Dann schlägt oft die Stunde der Märchenerzähler. Und denen sind im Fußball leider oft auch starke Unternehmer wie Martin Kind oder wie auf Schalke Clemens Tönnies erlegen.

Stichwort Schalke: In Hannover wurde nun die 50 plus 1-Regel in den Statuten festgeschrieben selbst für den Fall, sollten Änderungen erlaubt sein. Auch über Schalke kreiseln nach wie vor Themen wie Ausgliederung. Auch in Hannover prallen da Welten aufeinander. Was raten Sie Schalke?

Ich möchte Schalkes nichts raten. Jeder Verein muss die Lösung finden, die er für sich als die beste betrachtet. Mein Eindruck in Hannover ist, dass da einfach auch ein paar Leute so abgestimmt haben, weil sie persönlich etwas gegen Martin Kind haben. Es muss einem Profi-Verein aber doch möglich sein, auch externe Wege der Finanzierung zu finden. Und wer das nicht will, der muss dann aber auch so ehrlich sein und akzeptieren, dass die sportlichen Ziele deutlich runtergeschraubt werden. Borussia Dortmund macht das aus meiner Sicht richtig stark und clever: Die tun immer so, als würden sie alle Traditionen hochhalten und schimpfen auf die Leipzigs und Hoffenheims dieser Welt, sind aber selbst eine Aktiengesellschaft.

Von 1984 bis 1986 spielten Sie selbst auf Schalke: Ärgert es Sie nicht besonders, dass Sie nun ausgerechnet von einem Schalker entthront werden können? Es lief hier ja nicht ganz so gut für Sie.

Nein, das spielt keine Rolle. Und überhaupt: Von meiner Schalker Zeit möchte ich eigentlich nur das zweite Jahr vergessen, das erste war mit neun Toren gar nicht so übel. Und das an der Seite von Klaus Täuber, der selbst ein hervorragender Stürmer, Vollstrecker und Vorbereiter war. Der hatte Rasierklingen unter den Armen. Aber in der zweiten Saison hatte ich ein paar richtig blöde Verletzungen. Dass man mir zum Teil unterstellt hat, ich würde simulieren – das tat weh. Denn ich bin und war ein großer Fan von unserem damaligen Trainer Didi Ferner und Manager Rudi Assauer. Auch für sie hätte ich auf Schalke gern mehr gezeigt.

Und für die Gesellschafter der legendären Torjäger-GmbH, die damals Ihren Wechsel vom Hamburger SV finanzierte, weil Schalke klamm war. Die Investoren – Privat- und Geschäftsleute – zahlten die Ablösesumme und hätten von einem Mehrerlös bei Ihrem Weiterverkauf profitiert, guckten aber dann in die Röhre, weil Sie zurück zu Fortuna Köln in die Zweite Liga gingen.

Richtig. Eine Million D-Mark Ablöse, das war damals eine enorme Summe. Schalke zahlte an den HSV genauso viel, wie der HSV vorher für mich bezahlt hatte. Dabei hatte ich mich beim HSV so ziemlich mit jedem angelegt, der Rang und Namen hatte. Felix Magath, Manni Kaltz – gekuscht habe ich vor keinem. Wenn ich heute ab und zu auf Schalke bin, treffe ich regelmäßig einen der damaligen Investoren, der mir sagt: „Ich will mein Geld zurück!“ Das meint er natürlich im Spaß. Hoffe ich jedenfalls…

Was trauen Sie Schalke in dieser Saison zu?

Den Aufstieg. Aber sie müssen sich steigern und personell eventuell nachlegen. Und Simon Terodde sollte sich nicht verletzen.

Kriegt er das Trikot von Ihnen denn auch, wenn er Freitag nicht treffen sollte?

Klar, das kann er mitnehmen. Irgendwann wird es ja soweit sein, dass er den Rekord alleine hat.

Jetzt mal Hand aufs Herz: Wie viele Tore würde Dieter Schatzschneider heute in der Zweiten Liga erzielen?

Das ist immer schwer zu vergleichen. Das Spiel hat sich verändert. Wir wurden damals als Mittelstürmer ja noch richtig in Manndeckung genommen. Und da waren schon ein paar Strategen dabei, da hast du dich vor dem Spiel erschrocken gefragt: ,Wieso ist der eigentlich noch auf freiem Fuß?‘ Da musstest du dich erst einmal durchbeißen. Wenn du als Stürmer heute merkst, dass der halbrechte Verteidiger gut drauf ist, versuchst du es halt über den halblinken. So gesehen glaube ich, dass wir es damals zumindest nicht einfacher hatten.

Ihnen bleibt im Vergleich mit Simon Terodde ja zumindest der Trost, dass Sie für die gleiche Anzahl an Toren weniger Spiele…

(Dieter Schatzschneider unterbricht mitten in der Frage) …Hören Sie auf. Damit wollte mich neulich schon ein befreundeter Professor trösten. Der rechnete mir meine Tor-Quote und die von Simon Terodde vor. Und wollte sich bei Zeitungen mit Leserbriefen darüber beschweren, dass Terodde nun als Mit-Rekordhalter geführt werde. Ich habe ihm gesagt: „Bleib mal locker. Die Quote interessiert mich nicht. Wenn Simon auch nur ein Tor mehr geschossen hat, steht er oben.“ So einfach ist das.

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