Bitte warten: Bei der Schalker Mitgliederversammlung spielte die Technik nicht mit. Aber auch sonst war die digitale Version dieser Veranstaltung irgendwie „Kokolores“. © Spernol/RW Media
Schalke 04

Digital ist Mist: Warum Schalke die persönliche Aussprache braucht

Ein ganz subjektiver Rückblick auf die verpfuschte Schalker Mitgliederversammlung. Selbst wenn die Technik mitgespielt hätte - die Sehnsucht nach einer Präsenz-Veranstaltung wächst.

Reden wir mal Klartext und halten es mit Franz Müntefering, der die Perspektiven seiner SPD mal in dem legendär gewordenen Satz einst so zusammenfasste: „Opposition ist Mist!“ Übersetzt auf den FC Schalke 04 und die verpfuschte Mitgliederversammlung am Sonntag lässt sich mit etwas Bedenkzeit nun sagen: „Digital ist Mist.“ Und wäre es auch dann gewesen, wenn die Technik mitgespielt hätte.

Auge in Auge

Der eine meldete sich aus dem heimischen Swimming-Pool, der andere von der Dachterrasse, wieder andere hatten sich vor Schalke-Altaren mit königsblauen Devotionalien positioniert, um den S04-Bossen ihre Meinung zu sagen. So kultig und zum Schmunzeln diese Art der Beteiligung an der Versammlung auch gewesen sein mag, bleibt doch eines festzustellen: Ein Verein wie der FC Schalke 04, der bei aller Professionalität ja hoffentlich immer auch von seiner Emotionalität leben wird, braucht die persönliche An- und Aussprache. Vor Ort. Zwar nicht Zahn um Zahn, das ginge zu weit. Aber wenigstens Auge in Auge.

Denn so interessant es auch sein mag, die Reaktionen darauf hinterher in den sozialen Medien zu verfolgen – die direkte Antwort auf das, was da von den Protagonisten an den Mikrofonen so von sich gegeben wird, wäre für den vereinspolitisch so wichtigen Meinungsaustausch allemal wertvoller.

Direkte Reaktionen wichtig

Denn wie hätten beispielsweise die bei Präsenz-Veranstaltungen ansonsten regelmäßig anwesenden ca. 10.000 Schalker Vereinsmitglieder auf die fast schon unverschämt schmallippigen und dahin gezischten Antworten von Aufsichtsräten wie Dr. Jens Buchta oder Peter Lange reagiert? Dr. Buchta, immerhin seit fast einem Jahr Aufsichtsrats-Chef, schien geradezu empört, als er mit den Krisen-Ereignissen des vergangenen Jahres in Verbindung gebracht wurde („Das lasse ich unkommentiert. Und für die Route des Mannschaftsbusses bin ich nicht verantwortlich“), sein Stellvertreter Peter Lange hatte den Punkt „Aussprache“ offenbar völlig falsch verstanden, indem er auf mehrmalige Nachfrage beharrlich darauf hinwies, keine Antwort geben zu können oder zu wollen und stattdessen eher zu privaten Gesprächen einlud. Was natürlich die Frage provoziert, wofür eine Mitgliederversammlung dann überhaupt da ist…

Aber lassen wir das – bei Präsenz-Veranstaltungen hätte es in jedem Fall die direkte passende Quittung dafür gegeben, und die Verantwortlichen hätten die auch unmittelbar mitbekommen. Und das wäre auch gut so gewesen. Ein so großer Verein wie Schalke braucht auch eine Streitkultur – nicht damit wir Journalisten mit „Stoff“ versorgt werden (da braucht man sich auf Schalke ohnehin keine Sorgen zu machen), sondern damit aus dieser Streitkultur auch wieder etwas wächst, was den Klub nach vorn bringt.

Streitkultur kann konstruktiv sein

Die Technik tat natürlich ihr Übriges. Kein Vorwurf an die Schalker „Macher“ Ashkan Maleki und Sebastian Buntkirchen, die zusammen mit ihren Teams monatelang alles versucht hatten, um den Verein und seine Mitglieder auf diese Premieren-Versammlung vorzubereiten und dann doch vor der Technik kapitulieren mussten. Aber selbst wenn es funktioniert hätte: Diese digitale Form der Versammlung ist alleine schon deshalb eine schlechte Alternative zum persönlichen Treffen der Vereinsfamilie, weil man nie weiß, ob die Probleme, die man am heimischen PC gerade hat, Einzelfälle sind oder ob die ganze Versammlung davon betroffen ist. Zu oft gab es beispielsweise Standbilder, Zeitverzögerungen, und diverse andere Irritationen, die für Schulterzucken sorgten.

Schalke hatte keine Wahl (eine Präsenz-Veranstaltung war zumindest beim Zeitpunkt der Entscheidungsfindung nicht möglich) und ließ sich auf das digitale, sehr ambitionierte Experiment ein, das nun krachend gescheitert ist. Der Verein sollte jede Möglichkeit nutzen, um die nun erforderliche neue Versammlung wieder als Präsenz-Veranstaltung stattfinden zu lassen, ist dabei aber natürlich abhängig von der Corona-Entwicklung.

Mannschaft trifft auf Mitglieder

Vielleicht ist ja sogar eine Kombination aus digitaler und persönlicher Anwesenheit möglich – denn wenn das Ganze einen Vorteil hatte dann den, dass auch Schalke-Mitglieder aus fernen Ländern an der Versammlung teilnehmen konnten. Aber es gibt ein unschlagbares Argument dafür, warum Schalke die persönliche Begegnung braucht: Nur bei einer Präsenz-Veranstaltung ist es möglich, dass Mannschaft und Mitglieder direkt aufeinander treffen. Und das wäre dieses Mal hochinteressant gewesen – nicht nur, aber natürlich auch für uns Journalisten.

Also: Der digital-virtuelle Versuch war ehrenhaft, aber Schalkes Vereinsfamilie sollte sich einmal im Jahr dann doch lieber wieder persönlich treffen. Alles andere – um diesmal mit Otto Rehhagel einen anderen Klartext-Redner zu zitieren – ist Kokolores.

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