Ralf Fährmann auf der Schalker Ersatzbank in Rostock (im Hintergrund Team-Manager Gerald Asamoah): Vor der Saison zur klaren Nummer eins erklärt. © dpa
Schalke 04 / Kommentar

Fraisl für Fährmann: Schalkes Trainer Grammozis pokert hoch

Mit dem Torwartwechsel hat der S04-Caoch zunächst einmal zumindest nichts falsch gemacht. Aber die Personalie birgt weiterhin allergrößte Brisanz.

Die Sache schien eindeutig zu sein: Ralf Fährmann wurde nicht nur zur Nummer eins erklärt, sondern auch in den Mannschaftsrat berufen. Und damit Schalkes Torhüter sich auch rundum wohl fühlt, wurde der ehrgeizige Konkurrent Markus Schubert an Vitesse Arnheim abgegeben. Blieb zunächst „nur“ noch Michael Langer übrig, mit dem die hierarchischen Verhältnisse klar geordnet sind: Erst kommt Fährmann, dann Langer.

Baustelle neu eröffnet

Es sollte im Schalker Tor keine Störgeräusche mehr geben, es sollte endlich Ruhe in der Kiste herrschen. In den vergangenen Monaten gaben sich mit Fährmann, Nübel, Schubert, Rönnow und Langer die Torhüter die Klinke auf Schalke in die Hand, stabilisiert hat dieses Torwart-Wechsel-Spiel die Mannschaft nicht, eher immer noch weiter verunsichert. Ausgerechnet Schalkes Trainer Dimitrios Grammozis, der Fährmann vor der Saison mit Vertrauen geradezu überschüttet hatte, machte die Baustelle nun wieder neu auf.

Dabei hatte sich Fährmann bislang gar nichts groß zuschulden kommen lassen. Natürlich ging das 0:1 gegen Karlsruhe vor allem auf seine Kappe, und selbstverständlich wird Fährmann fußballerisch nicht mehr das anbieten können, was von den Torhütern der heutigen Generation möglicherweise verlangt wird – gerade beim von Grammozis gewünschten Pass-Spiel von hinten heraus ist Fährmann nun mal nicht der Sicherste. Aber das wusste Grammozis ja auch vorher.

Fährmann rettete und patzte

Fährmann hat Schalke umgekehrt in dieser Saison aber auch schon Punkte gerettet. Gegen Düsseldorf beispielsweise sorgte er in der zweiten Halbzeit dafür, dass das Spiel nicht in die aus Schalker Sicht falsche Richtung kippte. Doch letztlich war das Vertrauen in Fährmann anscheinend nie so groß, wie es öffentlich verkündet wurde.

Dafür gibt es zwei deutliche Indizien. Schalke verpflichtete einen neuen Torwart-Trainer, die Zusammenarbeit mit dem langjährigen Fährmann-Vertrauten Simon Henzler wurde beendet. Und als Fährmann nach einem positiven Corona-Test zwei Wochen lang – also eine überschaubare und berechenbare Zeit – ausfiel, wurde nicht etwa ein junger Nachwuchskeeper quasi als Aushilfe befördert, sondern mit Martin Fraisl ein überaus ehrgeiziger und ambitionierter Torhüter („Ich bin kein Daumendrücker“) verpflichtet. Damit war der interne Konkurrenzkampf wieder eröffnet.

Die Wurzel des Übels?

Es werden nicht nur die beeindruckenden Trainingsleistungen von Fraisl gewesen sein, die Grammozis nach Aussage des Chefcoachs zu dem Torwartwechsel bewogen haben. Grammozis, auf Schalke selbst unter Dauer-Druck, wird insgesamt unzufrieden gewesen sein – nicht nur mit der Punkte-Ausbeute, sondern auch mit den spielerischen Darbietungen seiner Mannschaft, und eine Wurzel des Übels dafür sah er wohl in Fährmann als erstem „Aufbauspieler“.

Es ist Grammozis‘ gutes Recht und im Prinzip sogar seine Pflicht, die eigene Entscheidung von vor Saisonbeginn dann zu korrigieren, wenn er zu einer neuen Überzeugung gelangt ist. Auch ein Torwartwechsel, für Trainer oft die „letzte Patrone“, darf kein Tabu sein. Wenn Grammozis wirklich der Meinung ist, mit Fraisl sei Schalke stärker als mit Fährmann, dann muss er Fraisl auch spielen lassen – losgelöst von allen Sentimentalitäten, die sich Fährmann aufgrund seiner langjährigen Vereinszugehörigkeit verdient hat.

Fraisls gutes Debüt

Ob die Rechnung von Grammozis wirklich aufgeht, muss sich erst noch zeigen. Zunächst einmal hat er mit dem Torwartwechsel zumindest nichts falsch gemacht. Gegen einen Zu-Null-Sieg gibt es keine Argumente. Fraisl verhinderte mit einer Glanztat früh den Rostocker Rückstand, segelte einmal an einer Flanke vorbei spielte ansonsten solide. Auch mit Fährmann hat Schalke in Kiel und in Paderborn zu Null gewonnen. Es wäre unredlich so zu tun, als sei bei Fährmann jeder Schuss ein Treffer gewesen.

Grammozis pokert hoch – denn er hat auf einer Position für eine Personal-Rochade gesorgt, die viele Außenstehende bislang gar nicht als die Ursache für das oft noch vorhandene Stottern im Schalker Motor ausgemacht hatten. Sollte Fraisl patzen, wird auch Grammozis gleich mit angezählt. Auf jeden Fall muss auch für den Österreicher gelten, was Fährmann offenbar zum Verhängnis wurde und was seiner Meinung nach nicht unbedingt leistungsfördernd ist: Dass jede seiner Aktionen mit Argusaugen beobachtet wird. Die sind nun auf Martin Fraisl gerichtet. Und damit auch auf Dimitrios Grammozis.

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