Bremer Jubel nach dem Elfer-Geschenk gegen Schalke. Interimstrainer Danijel Zenkovic (r.) findet, sein Spieler habe das zuvor clever gemacht. © Tim Rehbein/RHR-FOTO
Schalke-Kolumne

Für die Täuschung gibt es noch Applaus!

Der Elfmeterpfiff für Werder war lächerlich – doch die Statements der Bremer und des DFB nicht viel weniger, meint unser Autor.

Ich will wirklich nicht zum Meckerrentner mutieren. Zuletzt habe ich mich hier über unnütze Statistiken echauffiert. Allerdings kann auch diese Kolumne nicht am Elfmeterpfiff für Bremen vorbei. Ich dachte bis Samstag, dass es mich nicht mehr schockieren könnte, Menschen bei falschen Entscheidungen zu beobachten.

Dafür war ich auf zu vielen Hochzeiten und stand neben zu vielen Leuten am Tresen, die mehrere Runden Jägermeister bestellten. Dann aber schenkten die Schiedsrichter Bremen in der neunten Minute der Nachspielzeit einen abstrusen Strafstoß …

Vorweg: Das Remis war verdient, gerade weil Schalkes Offensivspiel wieder einmal eine Farce darstellte. Und sowohl Victor Palsson als auch Danny Latza hätten einen Platzverweis kassieren können. Außerdem sind die rassistischen Pöbeleien gegen Bremens Roger Assale im Netz das Allerletzte und durch nichts, aber auch gar nichts zu rechtfertigen!

Genauso klar muss man aber auch sagen: Es war eine Schwalbe, es war ein Handspiel, es waren Fehlentscheidungen des Schiris und des VAR. Man hätte es dabei belassen können – menschliche Fehler, ärgerliche Punktverluste für Schalke, okay. Doch selbst zu diesem Statement waren die Verantwortlichen von Bremen und vom DFB nicht fähig.

Kontaktnachverfolgung führt hier in die Irre

1 – „Es war ein Kontakt da“ (Bremens Spieler Ömer Toprak bei Sky). Auch nach der hundertsten Superzeitlupe ließ sich dieser Kontakt nicht finden. Die gerade in anderen Bereichen lohnenswerte Kontaktnachverfolgung führt an dieser Stelle sowieso in die Irre. Eigentlich werden doch Foulspiele im Strafraum mit einem Elfer geahndet und nicht Kontakte.

Im derzeitigen Fußball aber sollen Verteidiger die Arme auf den Rücken binden, um nicht irgendwie an der Hand angeschossen zu werden, und gleichzeitig die Beine an den Bauch klammern, um den minimalsten Kontakt zu vermeiden. Seit wann ist der Fußball eigentlich zum Basketball geworden?

Applaus für zugegebenen Täuschungsversuch

2 –„Er macht das clever“ (Bremens Interimstrainer Danijel Zenkovic über seinen Spieler). Der Mann hatte einen stressigen Tag hinter sich, doch was er sagte, steht stellvertretend für die Glorifizierung von Missetaten: „Clever ein Foul ziehen“, „schlau das taktische Foul begangen“, „super den Elfmeter rausgeholt“. Selbst Freiburgs Vincenzo Grifo wurde am Sonntag beklatscht, weil er eine Schwalbe zugegeben hatte. Das war zwar ehrlich, aber es blieb weiterhin eine Täuschung – die aber augenscheinlich im Fußball nicht nur gebilligt, sondern fast erwartet wird.

3 – „Die TV-Bilder bringen hier keine Evidenz, die es erfordert, dass es klar und offensichtlich falsch war, dass es in dieser Situation keinen Strafstoß gegeben hat“ (DFB-Eliteschiedsrichter). Evidenz lieferten die Bilder sehr wohl, für ein Handspiel und eine Schwalbe. Man muss dafür nicht einmal Raketenwissenschaften studiert haben.

Wenn jemand vermeintlich am rechten Fuß getroffen wird, strauchelt das rechte Bein – der Bremer Spieler warf aber sein linkes Bein nach hinten. Wenn der DFB Evidenz für das menschliche Fallen nach einem Tritt gegen das Bein benötigt, wären sicher einige Schalker zur praktischen Vorführung bereit. Bevor es aber an dieser Stelle zu wild wird, verabschiede ich mich und ziehe clever das taktische Kolumnenende.

Über den Autor
Freier Journalist
Wuchs im Ruhrgebiet auf, studierte in Münster und arbeitete dann in Berlin zehn Jahre beim „Tagesspiegel“ und für „11Freunde“. Sein größtes berufliches Ziel bleibt ein ausführliches Interview mit Jiri Nemec. Hier schreibt der freie Journalist wöchentlich über Schalke 04.
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Ron Ulrich

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