Schalkes Trainer Christian Gross: Signale in der zweiten Hälfte waren alles andere als mutig. © dpa
Kommentar

Große Differenz zwischen dem Optimismus an den Mikros und auf dem Platz

Schalke hat in Bremen eine prächtige Chance auf einen ersten Befreiungsschlag vergeben. Auch Trainer Christian Gross hatte dabei nicht das glücklichste Händchen.

Was der Punktgewinn in Bremen für Schalke wirklich wert war, zeigte sich am Sonntagnachmittag: Im Prinzip so gut wie nichts – denn durch den Kölner Sieg gegen Bielefeld ist der Rückstand auf den Relegationsplatz nun auf neun Punkte angewachsen, das dramatisch schlechte Torverhältnis schleppen die Blau-Weißen als zusätzliche Hypothek wie einen schweren Rucksack seit Saisonbeginn mit sich herum.

Eigentlich maßgeschneidert

Dabei war die Partie bei Werder Bremen lange genug maßgeschneidert, um einen wirksamen Befreiungsschlag im Kampf um den Klassenerhalt zu landen. Denn die Gastgeber fanden in Halbzeit eins überhaupt nicht statt, Schalke dominierte das Geschehen und führte völlig verdient mit 1:0. Kein Grund also, diesen Spiel-Stil nach dem Seitenwechsel komplett über Bord zu werfen. Aber genau das passierte.

Nun lässt sich von einer Profi-Mannschaft immer leicht und irgendwie ja auch völlig berechtigt verlangen, dass sie selbst in der Lage sein muss, auf gewisse Spielentwicklungen zu reagieren. Aber diese Schalker Mannschaft, das hat sie oft genug bewiesen, ist dazu halt nicht in der Lage, sie braucht Hilfe von außen. Ob Trainer Christian Gross in Bremen wirklich eine solche Hilfe war, muss zumindest diskutiert werden.

Gar nicht mutig

Denn Gross machte eigentlich genau das Gegenteil von dem, was er auf Schalke seit Wochen so überzeugend predigt und einfordert: Optimismus, Zuversicht, nicht nur nach vorn schauen, sondern auch spielen. Mutig sein. Ausgerechnet bei Gross gab es nun in Bremen eine große Differenz zwischen dem Optimismus an den Mikrofonen und dem auf dem Platz.

Die Signale, die Schalkes erfahrener Trainer der Mannschaft gab, waren nämlich alles andere als optimistisch, zuversichtlich oder gar mutig. Gross gefiel sich als „Riegel-Rudi“ – diese Taktik des legendären Rudi Gutendorf mag beim MSV Duisburg, der so 1963/64 Vize-Meister wurde, funktioniert haben, bei Schalke ging sie am Samstag gründlich in die Hose. Dass Amine Harit seine Auswechslung nicht gerade freudestrahlend zur Kenntnis nahm, mag zum einen seiner persönlichen Eitelkeit geschuldet gewesen sein – vielleicht ahnte Harit aber auch schon, dass sich Schalke bei dem offensichtlichen Versuch, das eigene Tor mit Mann und Maus verriegeln zu wollen, verheben würde.

Im Dauer-Druck überfordert

Hinterher ist man immer schlauer, kann man nun anmerken. Schon richtig. Aber Gross muss vorher schlauer sein. Dafür ist er Schalkes Cheftrainer, dafür hat er einen Stab von mittlerweile vier (!) Co-Trainern (Torwart- und die diversen Reha-Trainer gar nicht mit eingerechnet), mit denen solche Taktik-Fragen auch auf dem kurzen Dienstweg besprochen werden können. Dass die ohnehin labile Schalker Mannschaft dem Dauer-Druck eines nun munteren Gegners nicht standhalten kann, hat sie in dieser Saison schon zu oft gezeigt, als dass ein Trainer-Team das nicht vorher hätte erahnen können.

Diese Mannschaft muss den Gegner vom Tor fernhalten, wie auch immer. Sonst rappelt es immer weiter in der Schalker Kiste – dass sie in der Nachspielzeit sogar noch in die Verlegenheit kam, das 1:2 zu kassieren (zurecht wegen Abseits aberkennt), belegt außerdem, dass ihr selbst die taktische Reife fehlt, um bei totaler eigenen Offensiv-Enthaltsamkeit dann wenigstens noch den einen Punkt irgendwie nach Hause zu bringen.

Aufholjagd? So nicht

Der ist es nun immerhin geworden, aber er hilft Schalke nicht weiter. Es braucht Siege, um bis zum letzten Saison-Viertel irgendwie wieder in Schlagdistanz zur Konkurrenz zu kommen. Christian Gross hat Schalke zumindest wieder etwas stabilisiert und durch den Sieg gegen Hoffenheim immerhin die „Tasmanisierung“ Schalkes verhindert. Aber sein Punkteschnitt von knapp 0,7 ist noch längst nicht tauglich für die nötige Aufholjagd. Wie die doch noch funktionieren kann, sah Gross in Bremen in Halbzeit eins. Wie nicht, in Halbzeit zwei. Und daran war der Trainer selbst nicht unschuldig.

Über den Autor
freier Mitarbeiter

Der neue Lokalsport-Newsletter für das Münsterland

Immer dienstags und freitags um 18:30 Uhr das Wichtigste aus dem Lokalsport direkt in Ihr E-Mail-Postfach.

Informationen zur Datenverarbeitung im Rahmen des Newsletters finden Sie hier.