Details über die geheime Kabinen-Ansprache von Schalke-Coach Grammozis sind öffentlich geworden. © Tim Rehbein/RHR-FOTO
Schalke-Kolumne

Wenn die Kippen in der Kabine brennen

Die geheimen Kabinen-Ansagen von Schalkes Trainer Dimitrios Grammozis sind öffentlich geworden. Über den (falschen) Mythos der Halbzeitansprache.

Vor einigen Tagen prangte in großen Lettern vom Zeitungsstand: „Was Grammozis in der Kabine schreit“. Interessant, dachte ich, und kaufte mir die „Sport-Bild“ in Erwartung der großen Enthüllung, wie Schalkes Trainer seine Spieler heiß macht.

Ich stellte mir vor, wie er mit blauer Schminke im Gesicht als schottischer Freiheitskämpfer William Wallace seine Mannen über Scherben laufen lässt und das Mantra von Al Pacino aus dem Film „An jedem verdammten Sonntag“ schreit: „In jedem Kampf gewinnt nur der, der für ein Stückchen Erde sein Leben einsetzt.“ Und als dann schon Ranftl und Palsson voller Adrenalin mit dem Kiefer malmen, legt Grammozis noch das Zitat von Friedrich dem Großen an seine Soldaten vor der Schlacht nach: „Brechen Sie auf zum Rendezvous mit dem Ruhm.“

„Die fressen wir auf“

Doch ganz so schilderte es der Text dann doch nicht; um ehrlich zu sein: überhaupt nicht so. „Die fressen wir auf“, lautete angeblich die Ansage von Grammozis. Viel mehr Details waren dem Artikel nicht zu entnehmen. Wir fressen die auf – das lässt nicht unbedingt die Venen pochen.

Aber so ist das mit den sagenumwobenen Traineransprachen: Seit dem Sommermärchen-Film und Jürgen Klinsmanns emotionalem Gejapse erwarten Fans, dass Trainer regelmäßig zur Brandrede ansetzen. Ich habe in den vergangenen Jahren auch sehr viele Profis danach gefragt, was denn der Trainer in der Kabine Bedeutungsschweres gesagt habe.

In 95 Prozent der Fälle erzählten sie mir von taktischen Anweisungen und nicht von „Blut-Schweiß-und-Tränen-Reden“ der Coaches. Den großen Motivationsappell gab es demnach maximal einmal pro Hinrunde. Und klar: Grammozis kann auch schwer von einem Rendezvous mit dem Ruhm reden, wenn eigentlich ein Rendezvous mit Jahn Regensburg ansteht.

Zigarette in der Halbzeitpause

Früher mögen die Reden griffiger gewesen sein, aber da waren auch nicht alle Spieler in der Kabine anwesend. Unvergessen bleibt, wie S04-Torhüter Norbert Nigbur in den Siebzigern eine Halbzeit auf dem Klo verbrachte und zu spät zum Spiel zurückkehrte. Vor kurzem berichtete mir eine Vereinsmitarbeiterin aus der Liga, wie sie einst vom ehemaligen Nationalspieler Bernd Schneider auf eine Zigarette angeschnorrt wurde – wohlgemerkt in der Halbzeitpause.

Auch die Schalker Jörg Böhme oder Tomasz Hajto sollen da gerne gedampft haben. Man stelle sich vor, wie heute Trainer in der Kabine ihre Präsentation von „Laufdistanzen“ oder „Intensiven Läufen“ an die Wand werfen, während die Spieler zustimmend nicken und sich erst einmal eine Ernte 23 anstecken. Das ergäbe dann eine ganz eigene Heatmap.

In den Neunzigerjahren sagte Schalkes Trainer Jörg Berger den Spielern immer wieder, sie sollten rausgehen und kämpfen wie der seinerzeit populäre Boxer Henry Maske. Berger führte S04 vom Abstiegskandidaten zu einem Europapokalteilnehmer; die Spieler schenkten ihm einen Bademantel mit dem Autogramm von Maske. In der Folge allerdings trug Berger den Bademantel wohl einmal zu oft. Er weilte angeblich in der Sauna, während die Spieler Extraschichten schieben wollten. So wurde Berger später auf Geheiß der Kicker entlassen.

Dimitrios Grammozis sollte also einfach bei der Losung „Die fressen wir auf“ bleiben. Zumindest solange er keinen Spieler wie Luis Suarez in seinem Kader hat. Der könnte das zu wörtlich nehmen.

Über den Autor
Freier Journalist
Wuchs im Ruhrgebiet auf, studierte in Münster und arbeitete dann in Berlin zehn Jahre beim „Tagesspiegel“ und für „11Freunde“. Sein größtes berufliches Ziel bleibt ein ausführliches Interview mit Jiri Nemec. Hier schreibt der freie Journalist wöchentlich über Schalke 04.
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Ron Ulrich

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