Als ganz Schalke um eine treue Seele trauerte

Mein S04-Moment des Jahres

Es war der 7. Juni dieses Jahres, als ich mich am frühen Abend auf den Weg ins Medienzentrum der Veltins-Arena machte. Diesmal nicht, wie sonst üblich zu einer Pressekonferenz des FC Schalke 04, sondern zur beliebten Veranstaltungsreihe "90 Minuten – Ein Abend unter Schalkern." Doch die launige Runde wurde von einer plötzlichen Schockstarre eingeholt.

GELSENKIRCHEN

26.12.2016, 08:35 Uhr / Lesedauer: 2 min
Beim Auswärtsspiel in Frankfurt am 27. August widmeten die Schalke-Fans "Rudi" eine Choreographie.

Beim Auswärtsspiel in Frankfurt am 27. August widmeten die Schalke-Fans "Rudi" eine Choreographie.

Es waren die Aufstiegshelden von 1991 mit Trainer Peter Neururer an der Spitze zu Gast und es wurde, wie eigentlich immer bei solchen Veranstaltungen dieses traditionsbewussten Kultklubs, ein Abend, in dem die Zeit rasend schnell verging. Erst nach drei Stunden und unzähligen Anekdoten war Feierabend. Und doch war dieser 7. Juni für die meisten der rund 150 Gäste kein Tag der ausschließlichen Freude über das Wiedersehen mit ihren früheren Fußball-Helden.

Fassungsloses Entsetzen

Moderator Jörg Seveneick hatte nämlich kurz vor dem Beginn der Talkrunde eine Nachricht erhalten, die sämtliche Anwesende für mehrere Minuten in Schockstarre versetzte. Einer der treuesten Fans der Königsblauen war an jenem 7. Juni verstorben. Hans-Jörg Reichl, auf Schalke nur „Rudi“ genannt, wurde nur 51 Jahre alt. Als Seveneick diese traurige Nachricht verkündete, herrschte fassungsloses Entsetzen.

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Auch bei mir, der ich zwar kein intimer Kenner oder gar Freund von Reichl war. Aber wir hatten einige Male beim Training oder in Trainingslagern miteinander gesprochen und mir hatte immer die Freundlichkeit und das Interesse imponiert, mit der Reichl auf Menschen zuging, mit ihnen sprach oder ihnen zuhörte. Berührungsängste waren „Rudi“ vollkommen fremd.

Fast 1600 Auswärtsspiele

Fast 1600 Schalker Auswärtsspiele hatte der ehemalige Bergmann gesehen, ein Heimspiel seit 36 Jahren nicht mehr verpasst, fast 70 Mal seinen S04 in ein Trainingslager begleitet. Finanzvorstand Peter Peters nannte ihn in einem Nachruf eine „gute alte Schalker Seele.“

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Rudi, der Mann, der auf der Johannastraße im Gelsenkirchener Stadtteil Horst geboren wurde, der als Kumpel auf der Zeche Prosper-Haniel in Bottrop malocht hatte, war für viele Schalker ein Vorbild. Hilfsbereitschaft und Aufrichtigkeit zeichneten ihn aus.

Tagelang unterwegs

Seit 1988 organisierte Rudi Auswärtstouren mit dem sogenannten Bosch-Bus. Kein Ziel war ihm zu weit. 1743 Kilometer zum Spiel gegen Liepaja nach Lettland? Kein Problem, es ging 22 Stunden hin und 24 Stunden zurück. Sein Stammplatz im Bosch-Bus war der neben dem Fahrer an der Tür, sozusagen der Platz des Reiseleiters.

Nie werde ich vergessen, wie besagter Bus drei Stunden vor dem Anpfiff eines Schalker Bundesligaspiels in Freiburg auftauchte. Rudi stieg aus und bot den wartenden Journalisten vor den noch zugesperrten Stadiontoren sofort Kaffee und Kuchen an. Der Bus kam übrigens direkt von einem Europa-League-Spiel. Für diese Schalker Fans mit Rudi an der Spitze waren solche Reisen die normalste Sache von der Welt, getreu seinem Motto: „Ein Leben lang unterwegs für den S04.“

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