Am Samstag ist Jochen Schneider ein Jahr im Amt. Schalkes Sportvorstand spricht über graue und schöne Tage – und natürlich über das anstehende Revier-Derby mit seinen speziellen Umständen.

Gelsenkirchen

, 12.03.2020, 18:30 Uhr / Lesedauer: 4 min

Am 14. März 2019 bestellte Schalkes Aufsichtsrat Jochen Schneider zum Sportvorstand der Königsblauen – die erste Amtshandlung des Nachfolgers von Christian Heidel war gleich eine ganz prekäre...

Das ging ja sofort gut los: Kurz nach Ihrer Ernennung eilten Sie in den Mannschafts-Trakt und entließen Trainer Domenico Tedesco. Erinnerungen?

Keine guten. Wenn man so will, war mein erster offizieller Tag auf Schalke auch gleich der graueste, wobei ich natürlich sagen muss, dass ich meine Arbeit bereits am 1. März aufgenommen hatte. Es ist mir unheimlich schwer gefallen, ich kannte Domenico schließlich schon seit elf Jahren – damals war er noch Jugendtrainer in Stuttgart.

Gab es keine Überlegungen, doch noch an ihm festzuhalten?

Zu diesem Zeitpunkt hatten wir leider keine andere Wahl mehr. Wir kamen aus einer Serie von deftigen Niederlagen, der traurige Höhepunkt war das 0:7 bei Manchester City. Wir waren in Abstiegsgefahr, über die Arena hatte sich ein Schleier aus Depression und Resignation gelegt. Ich hatte nicht das Gefühl, dass wir das in der damaligen Konstellation noch hätten ändern können. Aber umso mehr freue ich mich, dass ich zu Domenico nach wie vor einen guten Draht habe. Nach dem Derby-Sieg im April 2019 hat er als Erster gratuliert...

Erste Amtshandlung: Schneider vollzog die Trennung von Domenico Tedesco und engagierte Huub Stevens für den Rest der Saison.

Erste Amtshandlung: Schneider vollzog die Trennung von Domenico Tedesco und engagierte Huub Stevens für den Rest der Saison. © dpa

Auch unter Tedescos Nachfolger Huub Stevens rumpelte es lange noch sehr ungemütlich. Haben Sie sich damals mit dem Gedanken beschäftigt, Schalke als neuer Manager eventuell in die Zweite Liga führen zu müssen?

Nein. Weil ich aus Stuttgarter Zeiten genau wusste, wie hervorragend Huub Stevens arbeitet. Die Mannschaft, vor allem die Defensive, stabilisieren, den Jungs Vertrauen zusprechen und so am Ende auf jeden Fall mehr Punkte holen als drei andere Mannschaften in der Liga. Das ist dann irgendwie auch ein bisschen Mathematik.

Von Stuttgart über Leipzig zu Schalke

Jochen Schneider, geboren am 13. September 1970, ist seit einem Jahr Sportvorstand bei Schalke 04. Er trat damit die Nachfolge von Christian Heidel an, der am 23. Februar 2019 seinen Rücktritt erklärt hatte. Schneider hatte von 2002 bis 2015 als Manager beim VfB Stuttgart gearbeitet. 2015 wechselte er als „Coordinator Sport Global Soccer“ zur Red Bull GmbH, 2017 wurde er Leiter Sport bei RB Leipzig.

Dass die drei entscheidenden Punkte dann ausgerechnet beim Titel-Kandidaten Dortmund geholt würden, stand so aber in keiner mathematischen Formel...

Ganz sicher nicht, damit war nicht zu rechnen. Das war schon verrückt. Diese Punkte hatten wir eher vorher in Nürnberg einkalkuliert, aber da holten wir nur ein äußerst glückliches 1:1.

Passt der „verrückte“ Sieg in Dortmund zum FC Schalke 04, der ja oft als „irgendwie verrückt“ wahrgenommen wird? Und wie haben Sie Schalke in diesem einen Jahr erlebt?

Irgendwie passte das schon, ja. Das zeichnet diesen Verein doch aus, dass manchmal eben nicht alles „normal“ läuft. Ich erlebe Schalke so, wie ich den Verein schon als Außenstehender wahrgenommen habe: Hier ist die Verbindung zwischen Verein und Fans noch größer, noch intensiver. Der Fußball wird hier deutlich mehr gelebt als anderswo.

Sie sprachen Ihren „grauesten“ Schalke-Tag an. Welches waren die schönsten Stunden und Erlebnisse?

Einerseits die Verpflichtung von Trainer David Wagner. Weil ich schon beim ersten Gespräch sehr beeindruckt war von ihm. Von seiner Art, Fußball spielen zu lassen, die perfekt zu unserem Verein passt. Und davon, dass er mit seinen Charisma einen Raum sofort ausfüllt. Andererseits war der Derby-Sieg natürlich ein sehr schönes Erlebnis und unser Sieg in Leipzig in der Hinrunde. Daran habe ich am Dienstagabend beim souveränen Leipziger 3:0-Sieg gegen Tottenham noch einmal gedacht: Bei einer so spielstarken Mannschaft haben wir 3:1 gewonnen und ein im Prinzip perfektes Spiel gemacht.

„Sehr beeindruckt“: Mit seiner Entscheidung, David Wagner zu verpflichten, ist Schneider immer noch zufrieden.

„Sehr beeindruckt“: Mit seiner Entscheidung, David Wagner zu verpflichten, ist Schneider immer noch zufrieden. © dpa

Vom „perfekten Spiel“ ist Schalke derzeit weit entfernt. und seit sieben Bundesliga-Partien sieglos. Fürchten Sie, dass die noch gute Stimmung kippt?

Niemand hat ein besseres Gespür für die jeweilige Situation als die Schalker Fans. Unsere Anhänger sehen und honorieren, dass die Mannschaft alles raushaut, was sie im Tank hat. Und wir in der sportlichen Führung wissen die aktuelle Situation ohnehin gut einzuschätzen. Wir können die angespannte personelle Lage ja nicht ignorieren und dürfen auch nicht vergessen, dass es in der Hinrunde schon einige enge Spiele gab, die wir dann aber gewonnen haben, womit wir in der Folge das notwendige Momentum mitgenommen haben.

Wegen der vielen verletzten Spieler hat Trainer David Wagner seine Taktik radikal umgekrempelt, Schalke ist buchstäblich auf dem „Rückzug“. Muss es nicht mittelfristig das Ziel der sportlichen Leitung sein, die Mannschaft personell so auszustatten, dass auch bei Ausfällen der gewünschte Spiel-Stil beibehalten werden kann?

Das wird in der Form unmöglich sein. Nur ein Beispiel: Uns fehlen mit Benjamin Stambouli, Salif Sané und Ozan Kabak drei Top-Innenverteidiger, und das monatelang. Um das zu kompensieren, müsste man dann ja mindestens mit sechs Top-Innenverteidiger in eine Saison. Aber was machen Sie dann, wenn alle fit sind? Das funktioniert so nicht. Und zwar in Bezug auf die Stimmung im Kader als auch in Bezug auf die wirtschaftlichen Konsequenzen.

Fürs Tor haben Sie bald nur noch zwei Kandidaten, wenn Alexander Nübel zu den Bayern geht. Bleibt es dabei, keinen anderen Torhüter holen zu wollen?

Ja. Markus Schubert, Ralf Fährmann, der ja ausgeliehen ist, und Michael Langer sind dann unsere Torhüter. Insofern ist es auch gut, dass Ralfs Wechsel zu Brann Bergen geklappt hat, wo er nun Spielpraxis bekommen wird.

Was wäre, wenn Schalke den Europapokal-Platz doch noch verspielt?

Dann würden wir den Spielbetrieb ganz sicher nicht einstellen, weil wir wissen, wo wir herkommen. Was natürlich nicht heißen soll, dass wir uns nach oben limitieren. Europa ist mittelfristig von der Größe des Vereins, von seiner Struktur, ganz klar unser Anspruch. Aber es gibt da eben auch noch eine ganze Menge anderer Vereine, die auch da hinwollen – und da zähle ich die Bayern, Leipzig und den BVB, die dem Rest der Liga mittlerweile ein gutes Stück enteilt sind, gar nicht mal dazu.

Das Derby wäre doch eine prima Gelegenheit, mal wieder was „Verrücktes“ zu machen und den Europa-Kurs zu halten – ist die Frage nach Ihrer Vorfreude angesichts der ganz speziellen Umstände dieses Derby überhaupt noch angebracht?

Man muss da trennen zwischen dem Fußball und der Gesamtsituation in unserem Land. Es geht jetzt mehr als um Fußballspiele oder um entgangene Ticket-Einnahmen. Das spielt jetzt nicht die Hauptrolle. Allein entscheidend ist nunmehr, dass die Gesundheit unserer Bevölkerung geschützt werden muss. Schön ist so ein Geisterspiel nicht, ich habe so etwas mal mit dem VfB Stuttgart bei Lazio Rom erlebt – keine angenehme Atmosphäre.

Mit Vorteilen für die Auswärts-Mannschaft?

So ein Spiel hat für keine Mannschaft Vorteile. Nur Nachteile für beide.

Glauben Sie, dass das Schalker Heimspiel gegen den FC Augsburg am Samstag in einer Woche wieder vor Publikum stattfindet?

Schön wär‘s. Aber diese Entscheidung sollten wir den Leuten überlassen, die dafür die entsprechenden Experten sind. Ihnen gehört in dieser Krisensituation mein Vertrauen.

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