Unter normalen Umständen hätte der Fleisch-Fabrikant wohl auch die aktuelle Schlacht auf Schalke überstanden. Aber nun fordert sein Unternehmen vollen Einsatz. Der Rücktritt ist konsequent.

von Norbert Neubaum

Gelsenkirchen

, 30.06.2020, 18:58 Uhr / Lesedauer: 2 min

Am frühen Dienstag Abend meldete sich Clemens Tönnies noch einmal bei den Ruhr Nachrichten mit einer Nachricht: „Volle Konzentration auf mein Unternehmen! Ich bleibe im Herzen ein Blauer!!“ Es ist ganz offensichtlich, dass Schalkes zurückgetretener Aufsichtsratschef Prioritäten setzen muss - und da steht Schalke aktuell halt nicht an erster Stelle. Zumal auch die Gesamtlage bei den Königsblauen Tönnies im Prinzip gar keine andere Wahl ließ, als nach fast drei Jahrzehnten im Aufsichtsrat den konsequenten Rückzug anzutreten.

Tönnies hat auf Schalke schon so viele Schlachten geschlagen und sich dabei auch mit den ganz Großen der Branche wie Rudi Assauer und Felix Magath angelegt, dass er unter normalen Umständen wohl auch die nun schon weit Wochen andauernden Proteste aus den eigenen Fan-Reihen irgendwie überstanden hätte - den kantigen Fleisch-Fabrikanten aus Ostwestfalen wirft so schnell nichts um. Außerdem - und das sollten ihm auch seine Kritiker abnehmen - war und ist Schalke für ihn eine Herzensangelegenheit, die man nicht so schnell aufgibt.

„Nebenbei“ geht jetzt nicht

Aber in allererster Linie ist Clemens Tönnies Unternehmer - und in dieser Funktion steht er wegen des dramatischen Corona-Ausbruchs in seiner Firma derart unter Druck, dass er sich in der nächsten Zeit ohnehin nicht so um einen Verein wie Schalke kümmern kann, der gerade jetzt nicht mal eben so „nebenbei“ zu betreuen ist.

Zumal Tönnies auch gespürt haben wird, dass er durch sein aktuell schlechtes Image sogar zu einer Belastung für den FC Schalke 04 werden könnte. Wurde sein Geld, das Tönnies durch seine geschäftlichen Aktivitäten erwirtschaftet hat, gern genommen, wenn es um Darlehen für Schalke oder Stiftungen wie „Schalke hilft“ und „Schalker Markt“ ging, rümpfen nun viele die Nase und zeigen mit dem Finger auf Tönnnies. Wer den 64-Jährigen etwas näher kennt, ahnt, wie sehr ihn besonders die Fan-Transparente, die ihn selbst mit einem „Virus“ verglichen haben, nahe gehen. Denn bei aller Robustheit, die Tönnies vorlebt - ähnlich wie Rudi Assauer darf auch bei ihm eine gewisse innere Sensibilität unterstellt werden.

Bunte Anti-Tönnies-Mixtur

Tönnies hat dem Verein sicherlich mehr genutzt als geschadet - bei der sportlichen Bilanz wird gern vergessen, dass die Königsblauen unter seiner Regie jahrelang Stammgast in Europa waren. Die vergangene Saison ist Tönnies kaum in die Schuhe zu schieben - obwohl er auch dafür gern schuldig gesprochen wird, haben Spieler, Trainer und Sportvorstand für die peinliche Rückrunde die Verantwortung zu tragen. Am Ende kam für Tönnies, der den Stein mit seinen Afrikaner-Äußerungen selbst ins Rollen gebracht hatte, aber halt alles zusammen, aus dem sich eine prima Mixtur für eine Anti-Tönnies-Mehrheit zusammenbrauen ließ.

Grandiose Wahlergebnisse

Ob es diese Mehrheit unter der Schalker Basis tatsächlich gibt, ist indes fraglich - aber anscheinend hatte Clemens Tönnies nun nicht mehr die Kraft oder auch die Geduld, das auf der Mitgliederversammlung 2022 auszutesten, auf der er wieder zur Wahl gestanden hätte. Fakt ist und bleibt: Niemand heimste fast drei Jahrzehnte lang so grandiose Wahlergebnisse ein wie Clemens Tönnies. Allerdings auch, weil er die Ausgliederung der Profi-Abteilung stets kategorisch ausgeschlossen hatte.

An einem Tabu gerüttelt

Dass er auch an diesem Tabu rütteln ließ, ist vielleicht ein Zeichen dafür, dass ihm selbst die jahrelange gute Orientierung und das verlässliche Gespür abhanden gekommen sind. Große strategische Themen wie die Glaubens-Entscheidung zwischen eingetragenem Verein und Ausgliederung müssen nun die Nachfolger von Tönnies angehen. Er selbst hat andere Dinge zu tun, für ihn natürlich wichtigere. Sein Unternehmen verlangt seinen vollen Einsatz. Dass er ein „Blauer“ bleibt, hätte er nicht extra zu schreiben brauchen. Das ist doch wohl selbstverständlich.

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