Ralf Fährmann: "Wir haben noch viele Baustellen"

Das Schalke-Interview

Er ist Schalkes unumstrittene Nummer eins: Torhüter Ralf Fährmann ist nicht nur ein großer Rückhalt, sondern hat sich auch zum Führungsspieler entwickelt. Im Interview mit dieser Zeitung spricht der 27-Jährige vor dem Rückrundenstart über die Entwicklung auf Schalke, absurde Transfersummen und Bundestrainer Löw.

GELSENKIRCHEN

22.01.2016, 06:30 Uhr / Lesedauer: 4 min
Schalke-Torwart Ralf Fährmann verlängerte seinen Vertrag.

Schalke-Torwart Ralf Fährmann verlängerte seinen Vertrag.

Was erwarten Sie von der zweiten Saisonhälfte?

Das Wichtigste ist, dass wir uns als Mannschaft weiter entwickeln. Wir haben ein sehr junges Team, dem noch ein bisschen die Konstanz fehlt. Wenn wir in der Rückrunde mehr Punkte holen könnten als in der Hinrunde, wäre das ein toller Erfolg.  

Wann würden Sie von einer guten Saison für Schalke sprechen?

Wenn wir das umsetzen können, was wir tagtäglich trainieren, dann wäre viel gewonnen. Das ist der Schlüssel zum Erfolg. Unser Kader ist aufgrund seiner Altersstruktur noch sehr entwicklungsfähig. Dafür kann man von den starken Youngstern nicht erwarten, dass sie eine Saison durchgehend auf konstant hohem Niveau spielen. Deshalb geht es in erster Linie darum, den nächsten Schritt zu machen.

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Tabellenmäßig wollen Sie sich nicht festlegen?

Nein, weil es in der Bundesliga punktemäßig extrem eng zugeht. Natürlich ist es unser Anspruch in der Bundesliga oben mitzuspielen und auch in der nächsten Saison international vertreten zu sein. Aber unser Kader ist in dieser Spielzeit aufgrund des Umbruchs noch nicht unbedingt soweit, dass man sich wieder an den Champions-League-Plätzen orientieren muss.  

Anders ausgedrückt: Sie könnten auch damit leben, wenn Schalke nur Siebter würde, aber sich sportlich weiterentwickelt hätte?

Genau. Wir dürfen nicht vergessen, dass wir mitten in einer großen Entwicklung stecken. Der gute Saisonstart hat ein bisschen darüber hinweggetäuscht, dass wir noch nicht so weit sind. Wir haben noch viele Baustellen in der Mannschaft.  

Welche zum Beispiel?

Im Umschaltspiel, im Defensivverhalten oder im Aufbauspiel. Wenn man unsere Spielweise mit der aus der Vorsaison vergleicht, haben wir uns in vielen Bereichen sehr verbessert. Die Mannschaft zeigt jetzt ein ganz anderes Gesicht. Aber es gibt in allen Bereichen immer noch genügend Steigerungspotenzial.

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Wie wichtig ist für Schalke ein guter Rückrundenstart?

Extrem wichtig. Wenn wir mit Siegen gegen Bremen und in Darmstadt starten könnten, hätten wir auch die nötige Lockerheit, um die nächsten Aufgaben anzugehen.  

Hat das Schalker Umfeld die nötige Geduld, um diesen Umbruch mitzugehen?

Ich denke schon. Der Schalke-Fan ist zwar sehr emotional, doch wenn wir wie in der Hinrunde so kämpferisch auftreten, wird es nie Pfiffe von den eigenen Fans geben. Das Publikum hat unsere Anstrengungen bisher honoriert. Auch wenn es bei uns mal nicht so gut lief, blieb es bei Heimspielen von der Stimmung her positiv.

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Worauf führen Sie das zurück?

Auf unsere Mentalität auf dem Platz. Außerdem hat unser Trainer André Breitenreiter daran einen großen Anteil, weil er authentisch ist und viel Kontakt zu unseren Anhängern sucht.  

Zuletzt war Breitenreiter etwas verstimmt, weil die Wintervorbereitung holprig verlief. Es gab zwei Niederlagen in drei Testspielen. Nagt das am Selbstvertrauen?

Überhaupt nicht. Wir haben in allen drei Partien viel gewechselt. Der Trainer hat einiges ausprobiert. Was zählt, ist der Saisonauftakt gegen Werder Bremen.

Seite 2: Ralf Fährmann über den Höwedes-Ausfall, seine Zukunft auf Schalke und die deutsche Nationalmannschaft. 

Wie schwer wiegt der Ausfall von Kapitän Höwedes?

Das ist sehr bitter, zumal wir mit Matija Nastasic auf dieser Position noch einen Langzeitverletzten haben. Benny ist ein Gesicht des FC Schalke 04. Ihn eins zu eins zu ersetzen, wird nicht möglich sein. Das macht unsere Aufgabe nicht leichter, aber wir müssen es einfach als Team kompensieren.

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In der Hinrunde hatte man den Eindruck, dass die jungen Spieler große Fortschritte machen, wenn etablierte Kräfte wie zum Beispiel Huntelaar nicht so stark wie gewohnt spielten. Teilen Sie diese Einschätzung?

Wenn Spieler wie Sané so durchstarten, geraten andere vielleicht etwas in den Hintergrund. Insofern kann ich diesen Eindruck ein bisschen nachvollziehen. Aber ich bin ganz sicher, dass etwa der Torknoten beim Hunter bald platzt. In der Rückrunde werden wir ganz bestimmt mehr Schalker Stürmertore sehen. Die Jungs arbeiten in jedem Training hart dafür.  

Was wird aus Joel Matip? Wird er Schalke verlassen?

Ich hoffe nicht. Er kommt hier aus der Gegend und fühlt sich im Ruhrgebiet superwohl. Er ist ein ruhiger und bescheidener Mensch. Ein Wechsel in ein anderes Land ist nicht so einfach, schon allein wegen der neuen Sprache.  

Das Geld spielt sicher auch eine Rolle. Wird Ihnen bei den Transfersummen, die so im Umlauf sind, nicht manchmal schwindelig?

Was schon bei jungen Spielern für Summen aufgerufen werden, das ist absurd. Wer noch keinen gereiften Charakter hat, für den wird es da sehr schwierig, auf dem Boden zu bleiben. Leider ist dieses Geschäft so geworden. Dass solche Summen für die Entwicklung nicht unbedingt förderlich sind, ist ganz klar. Aber ändern kann man es nicht.

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Sie haben Ihren Vertrag kürzlich bis 2020 verlängert, obwohl die ursprüngliche Laufzeit bis 2019 ging. Warum?

Ich wollte mich eindeutig zu Schalke bekennen und ein Zeichen setzen. Ich bin froh über jedes Jahr, dass ich für meinen Verein spielen darf. Der Club hat das genauso gesehen und das mit einer vorzeitigen Vertragsverlängerung honoriert.  

Heißt das mit anderen Worten, dass sich andere Vereine, die Sie verpflichten wollen, einen Anruf sparen können?

Ich verschwende keinen Gedanken daran, Schalke zu verlassen. Es gibt auch keine anderen Clubs, die mich so total reizen, dass ich meinen Platz im Schalker Tor dafür räumen würde.  

Also wollen Sie ihre Karriere auf Schalke beenden?

Ich hätte nichts dagegen. (lächelnd)

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Sie wollen nach dem Ende ihrer Laufbahn ohnehin im Ruhrgebiet bleiben.

Ich habe mir ein Haus in Recklinghausen gekauft. Obwohl ich aus Chemnitz stamme, ist das Ruhrgebiet längst meine erste Heimat.  

Zum Schluss mal ganz ehrlich: Wie sehr sind Sie enttäuscht von Joachim Löw, weil Sie trotz herausragender Leistungen noch nie für die Nationalelf nominiert wurden?

Ganz ehrlich: Gar nicht. Ich würde mich riesig darüber freuen, wenn es mal klappen würde, aber bisher gab es keinen Kontakt zum Bundestrainer. Deshalb mache ich mir für eine Europameisterschaftsteilnahme auch keine großen Hoffnungen. Ich kann nur Woche für Woche versuchen, gute Leistungen zu bringen. Aber ich will mich auch nicht in die Nationalelf reinreden. Wenn ich noch zehn Jahre für Schalke spiele, klappt es vielleicht irgendwann (lächelnd). 

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