Schalke ehrt sein jüdisches Vereinsmitglied Ernst Alexander

Schalke 04

Ernst Alexander war ein talentierter Jugendfußballer. 1933 musste er den Verein verlassen, weil er Jude war, 1942 wurde er in Auschwitz ermordet. Jetzt erinnert ein Weg an den Spieler.

Gelsenkirchen

von Boris Spernol

, 06.02.2020, 19:13 Uhr / Lesedauer: 3 min
Schalke ehrt sein jüdisches Vereinsmitglied Ernst Alexander

Vertreter aus Stadtgesellschaft und des FC Schalke 04 haben am Donnerstag gemeinsam die Benennung des Ernst-Alexander-Weges begangen. © Boris Spernol

Vielleicht, sagt Sebastian Buntkirchen, hätte der talentierte Fußballer Ernst Alexander den Sprung aus der Schalker Reserve in die erste Mannschaft geschafft. „Vielleicht hätte er zusammen mit Ernst Kuzorra, Ötte Tibulsky und den anderen Knappen eine der Deutschen Meisterschaften für Königsblau errungen“.

Doch dazu kam es nicht mehr. Nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten im Deutschen Reich im Januar 1933 wurden jüdische Sportler, Funktionäre und Mitglieder ausgeschlossen. Doch viel schlimmer noch: Alexander wurde am 28. August 1942 im Konzentrationslager Auschwitz ermordet.

Sebastian Buntkirchen: „Wir tragen eine Verantwortung“

Gewiss ist: „Unser Verein, der FC Schalke 04, hat sich damals nicht schützend vor seine jüdischen Mitglieder gestellt. Wir, die wir heute hier stehen, tragen daran keine Schuld. Aber: Wir tragen eine Verantwortung. Aus der Vergangenheit erwächst für Königsblau eine Verpflichtung für die Zukunft. Wir dürfen nicht vergessen“, sagt Buntkirchen, der Geschäftsführer von „Schalke hilft!“.

In Auschwitz ermordet

Ernst Alexander wurde am 5. Februar 1914 als Sohn einer jüdischen Kaufmannsfamilie in Gelsenkirchen geboren und spielte als Nachwuchsspieler spielte für den FC Schalke 04. 1933 wurde er aufgrund seiner jüdischen Herkunft aus dem Verein ausgeschlossen und floh 1938 nach der Reichspogromnacht mit seinen Geschwistern Alfred und Johanna in die Niederlande. Sein Vater war zuvor bereits verhaftet worden, er starb später in Riga. Seine Mutter nahm sich unter dem Eindruck der Pogromnacht das Leben. In den Niederlanden schienen die Geschwister in Sicherheit zu sein. Für einen Club in Rotterdam schnürte Ernst Alexander sogar wieder die Fußballschuhe. Die Tageszeitungen berichten über den Neuen aus Schalke – Königsblau war bereits damals über die Landesgrenzen hinaus bekannt. Nach dem Einmarsch der Deutschen 1940 jedoch gab es für Ernst und seinen Bruder Alfred auch im Nachbarland keinen Schutz mehr. Die Nationalsozialisten ermordeten Alfred 1942 im KZ Mauthausen. Ernst Alexander musste am 15. Juli 1942 einen Zug nach Auschwitz besteigen, wo er am 28. August 1942 ermordet wurde. Einzig seine Schwester Johanna überlebt die Shoa.

Zusammen mit Gelsenkirchens Oberbürgermeister Frank Baranowski, Bezirksbürgermeister Wilfried Heidl und Judith Neuwald-Tasbach, der Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Gelsenkirchen, sprach Buntkirchen bei der Benennung des Ernst-Alexanders-Weges an der Arena durch die Stadt.

Alexander kehre „symbolisch in die Vereinsfamilie zurück – stellvertretend für alle jüdischen Schalker, die entrechtet, verfolgt und ermordet wurden“, betonte Buntkichen.

Schalke zeigt Flagge unter dem Motto „Steht auf“

Der gerade erst zurückliegende Gedenktag zur Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz vor 75 Jahren habe ihm noch einmal deutlich gemacht, wie wichtig es sei, die Stimme zu erheben. Und dies werde Schalke unter dem Leitgedanken „Steht auf“ auch weiterhin tun: „Wir zeigen Flagge gegen Antisemitismus, gegen Ausländerfeindlichkeit. Wir stehen auf für Zivilcourage im Kampf gegen jede Form von Diskriminierung, für eine tolerante und vielfältige Gemeinschaft. Wir auf Schalke, wir in Gelsenkirchen stehen auf gegen Hetzer und Pöbler – sie haben bei uns keinen Platz. So etwas wie der Holocaust darf sich niemals wiederholen.“

Buntkirchen nannte das „schreckliche Attentat in Halle im vergangenen Oktober“ als nur ein Beispiel dafür, „dass unser Engagement wichtiger ist denn je“. „Völkisches Denken, Hass und Gewalt sind keine Lösungen – wie uns einige glauben machen wollen. Sie zählen vielmehr zu den größten Problemen unserer Zeit.“

„Viel zu kurze Lebensgeschichte“

Oberbürgermeister Frank Baranowski machte darauf aufmerksam, dass es eine Tradition sei, Straßen, Wege und Plätze, die um die Veltins-Arena liegen, nach bekannten Personen aus dem Umfeld des FC Schalke 04 wie Rudi Assauer oder Stan Libuda zu benennen.

Schalke ehrt sein jüdisches Vereinsmitglied Ernst Alexander

Der Ernst-Alexander-Weg kreuzt im „Schalker Feld“ den Ernst-Kalwitzki-Weg. © Boris Spernol

Doch diesmal sei es etwas anders: „Denn hier wird ein Weg nach einem Vereinsmitglied des FC Schalke benannt, das kein Finale entschieden, keine Arena gebaut, keinen Trick hinterlassen hat. Das aber mit seiner viel zu kurzen Lebensgeschichte für das steht, was eben auch zur Geschichte unseres Landes gehört.“

Oberbürgermeister Baranowski dankt dem Verein für sein Engagement

Außerdem lobte er die Bemühungen des FC Schalke 04, die Vereinsgeschichte im Nationalsozialismus zu erforschen: „Ich möchte dem Verein für sein Bekenntnis zu den dunklen Seiten seiner Geschichte und für sein Engagement ausdrücklich ‚Danke‘ sagen.“

Nur das bewusste Bekenntnis zur Vergangenheit helfe, aus ihr zu lernen und sich heute für eine Gesellschaft einzusetzen, in der Rassismus keine Rolle spielt – „und in der sich eine Vergangenheit nicht wiederholt, auch wenn ihre Gespenster auf einmal wieder viel zu munter sind.“

Neuwald-Tasbach sieht beunruhigende Zeiten

Noch deutlicher wurde Neuwald-Tasbach: „Wir haben momentan sehr beunruhigende Zeiten, wo es Anschläge auf Synagogen gibt, unsägliche Kommentare in den sozialen Medien zu finden sind, Fußballspieler rassistisch beleidigt werden, und der Dammbruch bei den Wahlen in Thüringen uns alle erschrecken muss“.

Darum sei es „von ausschlaggebender Bedeutung, dass wir uns erinnern, dass wir nicht vergessen, und dabei helfen uns einzelne Schicksale, sie führen uns die Schrecken, die Unmenschlichkeit und die Ausweglosigkeit des Dritten Reiches deutlich vor Augen.“



Antisemitismus, Hass und Rassismus müsse „rechtzeitig und sehr deutlich die Rote Karte“ gezeigt werden. „Ernst Alexander konnte seinen Weg nicht zu Ende gehen, aber sein Weg hier sorgt nun dafür, dass wir seine Geschichte nicht vergessen“, sagte Neuwald-Tasbach. Da ist sie sich gewiss.

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