Schalke weint um Rudi Assauer: Viel mehr als „nur“ ein Manager

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Die Nachricht vom Tod der Schalker Manager-Legende Rudi Assauer verbreitete sich vor dem Pokalspiel gegen Düsseldorf wie ein Lauffeuer. Ein persönlicher Blick auf einen besonderen Menschen.

Gelsenkirchen

, 06.02.2019, 22:07 Uhr / Lesedauer: 3 min

Was bleibt neben allen Verdiensten um den FC Schalke 04 sind Szenen wie diese: Rudi Assauer sitzt, natürlich an einer Zigarre ziehend, im Kreise von Journalisten und hört Trainer Ralf Rangnick zu, der lange darüber referiert, warum Schalke zur mentalen Unterstützung der Profis unbedingt einen Sportpsychologen engagieren sollte. Anschließend wird auch Assauer nach seiner Meinung zu diesem damals heiklen Thema gefragt.

Assauer nimmt noch einen kräftigen Zug, pafft den blauen Dunst in den Raum und erwidert knochentrocken: „Psychologe? Der Psychologe auf Schalke bin ich!“

Damit war die Angelegenheit erledigt.

Schalke weint um Rudi Assauer: Viel mehr als „nur“ ein Manager

Beliebt bei den Fans: Rudi Assauer. © dpa

Am Mittwoch ist Rudi Assauer im Alter von 74 Jahren im Haus seiner Tochter Bettina Michel in Herten-Langenbochum gestorben. Dass sich der Gesundheitszustand des an Alzheimer erkrankten Assauer dramatisch verschlechtert hatte, war bekannt geworden bei der Film-Vorführung des Assauer-Films „Macher.Mensch.Legende“ im Dortmunder Fußball-Museum. Ihr Vater könne das Haus nicht mehr verlassen, neben der Alzheimer-Erkrankung käme nun auch die körperliche Hinfälligkeit dazu.

Rudi Assauer war Günter Eichbergs wichtigster Transfer

Insofern – wenn man das an dieser Stelle so beschreiben darf – muss sein Tod für Rudi Assauer eine Erlösung gewesen sein. Vor nichts hatte er sich mehr gefürchtet als vor der Hilflosigkeit, die Alzheimer bei ihm – wie schon bei seinem verstorbenen Bruder – ausgelöst hatte. Zeitlebens ein Kerl wie ein Baum, ein Macher, einer, der mit Erfolgen wie mit Rückschlagen umgehen musste und konnte. Einer, der Höhen und Tiefen erlebte und auslebte – was ihn auf Schalke in den Legenden-Status hob.

Er hat es geschafft auf Schalke. „Entweder Schalke schafft mich oder ich schaffe Schalke“, hatte der gelernte Stahlbauschlosser bei seiner ersten Amtszeit prophezeit, die von 1981 bis 1986 dauerte und mit der schmähvollen Vertreibung aus der königsblauen Vereinsfamilie endete. 1993 holte Günter Eichberg den noch ungeliebten Assauer zurück. Wahrscheinlich war es Eichbergs bester Transfer. Der „Sonnenkönig“ stand vor dem dauerhaften Abflug in die USA und brauchte einen starken Mann, der Ordnung ins Chaos bringen sollte.

Schalke weint um Rudi Assauer: Viel mehr als „nur“ ein Manager

Sein Lebenswerk: Rudi Assauer vor der Schalke-Arena. © dpa

Und Rudi Assauer kam, allen Widerständen zum Trotz. „Er hat“, so Schalkes Finanzvorstand Peter Peters, „seine Motivation aus der ersten Amtszeit geschöpft. Denn er wusste: Es muss doch funktionieren mit diesem Verein.“

Und wie es funktionierte. Assauer räumte auf. Auf seine Art. Hart, manchmal herzlich, rustikal, aber immer voller Überzeugung, für den Verein das Richtige zu tun. Natürlich sicherte Assauer Schalke nicht alleine die Lizenz, als die 1993 stark wackelte, natürlich hat er den Uefa-Cup 1997 nicht im Alleingang gewonnen und natürlich hat er auch die Arena nicht alleine gebaut. Aber er hat den ganzen Schalke-Zug bei der Bewältigung dieser vorher undenkbaren Meilensteine unter Dampf gesetzt: „Rudi war die Lokomotive“, weiß Peters.

Das sind die prägendsten Eigenschaften von Rudi Assauer

Auf dem Höhepunkt seiner Macht ist Assauer längst Kult. „Der letzte Bundesliga-Macho“, „Stumpen-Rudi“, „Schlot-Baron“ – besonders der Boulevard trifft mit seinen Umschmeichelungen Assauers Nerv, Schalkes Manager genießt die Rolle, als einer der letzten „echten Typen“ in der Bundesliga zu gelten. Spätestens durch seine Liason mit der Schauspielerin Simone Thomalla wird Assauer zur öffentlichen Person.

Dabei ist und bleibt er tief in seinem Herzen ein Fußballer. Er braucht die Kabinen-Atmosphäre, die nach Schweiß riechende Luft, das Flachsen oder Schimpfen nach den Spielen. Spvgg. Herten, Borussia Dortmund (Europapokalsieger 1966), Werder Bremen waren seine Stationen als „Aktiver“ – Rudi Assauer denkt und atmet auch als Manager wie ein Fußballer.


„Ich habe im Fußball keinen Menschen kennen gelernt, der so geradlinig und ehrlich ist“, nennt „Eurofighter“ Marc Wilmots vielleicht die prägendste Eigenschaft Assauers.

Mit diesen Worten würdigte Clemens Tönnies den Ex-Manager

Im Mai 2006 „zwingt“ Schalkes Aufsichtsrat Rudi Assauer in einer umstrittenen Nacht- und Nebel-Aktion zum Rücktritt. Obwohl es später wieder Annäherungen gab, hat Assauer das nie verkraftet. „Wir sind tief traurig und tief bewegt. Rudi Assauer war der Architekt des modernen Schalke“, kondolierte Schalkes Aufsichtsratschef Clemens Tönnies am Mittwoch.

Als Rudi Assauer am Mittwoch Nachmittag für immer friedlich einschlief, waren seine Tochter Bettina und seine Zwillingsschwester Karin bei ihm. Als sich die Nachricht seines Todes vor dem Spiel gegen Düsseldorf wie ein Lauffeuer verbreitet, war die ganze Vereinsfamilie in Gedanken bei Rudi Assauer.

Viele Fans hatten Tränen in den Augen. Ein Verein weint um einen großen Schalker.

Dankeschön an einen einzigartigen Typen

Wer schon zu Lebzeiten Kult ist, über den wurde ja bereits alles gesagt und geschrieben. Auch über Rudi Assauer. Die Nachricht seines Todes ist daher ein – trauriger – Anlass, auch mal Persönliches loszuwerden.

Denn kaum jemand hat mein berufliches Leben so geprägt wie Rudi Assauer. Assauer konnte austeilen, auch persönlich, aber weniger einstecken – wahrscheinlich dachte er das Gleiche über mich. Wir haben uns herrlich gezofft in den 13 Jahren seiner zweiten Amtszeit, wieder vertragen, wieder gezofft, wieder vertragen. Immer, so meine Hoffnung, von gegenseitigem Respekt geprägt.

Die großen Entscheidungen, die Assauer getroffen hat, würde sich heute kein Manager mehr zutrauen. Das ist meine journalistische Wertung. Meine persönliche: Rudi Assauer hat mein (Berufs)-Leben um viele Facetten erweitert. Dafür ein Dankeschön an einen einzigartigen Typen!

Norbert Neubaum
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