Tomasz Waldoch: Du musst Emotionen eher bremsen

Schalker Ex-Kapitän über das Derby

Von 1999 bis 2006 trug Tomasz Waldoch das Schalker Trikot, danach war er viele Jahre als Trainer im Nachwuchsbereich der Blau-Weißen tätig. Vor dem 151. Derby spricht der Ex-Kapitän über sein bedeutendstes Spiel gegen den BVB, die Ausgangsposition beider Teams und wagt einen Ergebnistipp.

Gelsenkirchen

, 24.11.2017, 11:58 Uhr / Lesedauer: 5 min
2002 gewann Thomasz Waldoch den DFB-Pokal mit dem FC Schalke 04.

2002 gewann Thomasz Waldoch den DFB-Pokal mit dem FC Schalke 04. © dpa

Was fällt Ihnen ein, wenn Sie an Duelle zwischen Schalke und Dortmund denken?
Da brauche ich nicht lange zu überlegen. Unser 4:0-Erfolg in Dortmund im Jahre 2000. Diese 90 Minuten waren etwas ganz Besonderes. Für die Schalker Spieler, für die Fans. Für das gesamte Umfeld des Vereins.


War die Vorbereitung vor den Derby-Duellen eine andere?
Vielleicht ist man als Spieler noch einen Tick fokussierter als vor anderen Partien. Aber sonst ist nichts anders gewesen. Die Schalker und Dortmunder Spieler wissen: Das ist das wichtigste Spiel des Jahres. Deshalb musst Du als Trainer die richtigen Worte in der Kabine finden und die Emotionen eher bremsen.

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Welche konkreten Erinnerungen haben Sie noch an dieses Spiel?
Man bekam besonders stark mit, was sich auf den Rängen abspielte. Jubel, Trauer, Enttäuschung, die ganze Palette der Gefühle, die zum Fußball gehören. Von den Dortmunder Anhängern wurden wir als Schalker Spieler ausgepfiffen und manchmal auch angefeindet, aber so etwas hat mich immer motiviert.


Gab es eine Extra-Prämie für die Mannschaft nach diesem historisch hohen Schalker Sieg vor 17 Jahren in Dortmund?
Nein. Es gab die normalen Punktprämien. Wir brauchten vor Partien gegen den BVB keine finanzielle Zusatzmotivation.


In diesen Jahren, in denen Sie für Schalke spielten, war Königsblau gegen den BVB sehr erfolgreich...
Weil wir eine tolle Mannschaft hatten. Allein die Offensive mit Andreas Möller, Emile Mpenza und Ebbe Sand, das waren Klasse-Fußballer. Beim 4:0-Erfolg in Dortmund saß unser Mittelfeld-Stratege Jiri Nemec nur auf der Bank, weil Olaf Thon seinen zweiten Frühling erlebte und eine tolle Leistung im Mittelfeld zeigte.


Apropos Möller: Er war erst kurz zuvor vom BVB zu Schalke gewechselt. Wie haben Sie ihn in seinem ersten Derby im Schalke-Trikot erlebt?
Andy hatte zu Beginn auf Schalke eine ganz schwierige Zeit. Einerseits wegen seiner Dortmunder Vergangenheit, andererseits weil ihm nicht mehr zugetraut wurde, gute Leistungen zu bringen. Doch er hat die Kritiker eindrucksvoll widerlegt. Beim Derby wurde er bei jedem Ballkontakt ausgepfiffen, aber er hat das weggesteckt. Andy war ein Profi durch und durch.


Die Dreierkette in der Abwehr wird heutzutage als große Innovation gefeiert. Dabei hat Schalke schon zu Beginn des Jahrtausends so gespielt, oder?
Stimmt, das wundert mich auch immer ein bisschen bei der Berichterstattung über Fußballspiele. Hajto, Waldoch und van Kerckhoven – das war unsere etatmäßige Abwehrreihe. Wir hatten in der Vorbereitung alle möglichen Systeme unter Trainer Huub Stevens durchprobiert und haben dann festgestellt, dass es mit der Dreierkette am besten passen könnte. Und es klappte auch nach etwas zähem Beginn.


Wie gefällt Ihnen als früherer Innenverteidiger die aktuelle Schalker Abwehr?
Sie machen einen guten Job. Naldo kenne ich aus seiner Bremer Zeit, gegen ihn habe ich noch gespielt. Er hat viel Erfahrung, genauso wie Nastasic. Und Thilo Kehrer entwickelt sich sehr positiv.


Nur im Jahr 2005 setzte sich der BVB in diesem Zeitraum mit 2:1 gegen Königsblau durch.
Da habe ich mein einziges Schalker Derby-Tor gegen den BVB zum zwischenzeitlichen 1:1 erzielt. Doch das reichte leider nicht aus. Wir haben in dieser Partie viele Chancen vergeben, während Lars Ricken kurz vor der Halbzeitpause Dortmund wieder in Führung brachte.


Sie haben auch im Trikot des VfL Bochum zahlreiche Derbys gegen Schalke und Dortmund gespielt. Wo liegen die Unterschiede?
Auch Bochum gegen Dortmund waren immer besondere Spiele für mich. Der Hauptunterschied liegt im größeren Interesse der Öffentlichkeit. Schalke gegen Dortmund ist ein Derby, das ganz Deutschland elektrisiert und größeren Gesprächsstoff bietet. Das merkt man auch, wenn der Spielplan für eine neue Saison veröffentlicht wird.


Inwiefern?
Als Spieler habe ich immer als Erstes darauf geschaut: Wann ist das Derby? Damit ich mich schon vorab darauf einstellen konnte, in welchem Monat das Kribbeln beginnt.


Dortmund schwächelt, Schalke setzt positive Akzente. Wie sehen Sie die aktuelle Ausgangsposition?
Was vor dem Derby ist, zählt nicht. In solch einem Spiel werden die Karten neu gemischt. Dortmund hat viel Potenzial in seinem Kader, auch wenn es zurzeit nicht nach Wunsch läuft.


Hat Schalke einen kleinen Vorteil, weil der BVB vor dem Derby noch Champions League spielt?
Ich sage es mal so: Es ist für Schalke kein Nachteil.


Wie bewerten Sie die Arbeit von Domenico Tedesco?
Die Ergebnisse können sich sehen lassen. In jedem Spiel ist der Siegeswille der Mannschaft zu sehen. Ich hoffe, dass es so weiter geht.


Wie endet das Derby? Wie ist Ihr Tipp für Samstag Nachmittag?

Schalke gewinnt mit 2:0.

Fußballer seit 1980 - ab 1999 mit Unterbrechungen Schalker
Tomasz Waldoch wurde am 10. Mai 1971 im polnischen Danzig geboren. Heute lebt der Vater dreier Kinder mit seiner Familie in Bochum-Altenbochum. Sein erster Fußballverein war im Alter von neun Jahren Stoczniowiec Gdansk, dem er 1980 beitrat. 1988 wechselte Waldoch von Stoczniowiec zu Gónrik Zabrze, von wo aus es ihn zur Saison 1994/95 nach Deutschland zog - zum damaligen Erstligisten VfL Bochum. Fünf Jahre später, im Juli 1999 wurde er Schalker. Auf Schalke, wo er die erfolgreichste Zeit seiner Karriere erlebte, hängte er im Juni 2006 die Fußballschuhe an den Nagel. Zur darauf folgenden Saison wurde er Co-Trainer der Schalker U17, zwei Jahre später Co-Trainer der zweiten Mannschaft. 2010 wurde er für ein halbes Jahr Sportlicher Leiter in seiner Heimat, bei Górnik Zabrze. Im Juli 2011 kehrte er zu S04 zurück und wurde dort Trainer verschiedener Jugendmannschaften, ehe er 2014 nochmals für ein Jahr Co-Trainer der zweiten Mannschaft wurde. Für die polnische Nationalmannschaft hat Waldoch zwischen 1991 und 2001 insgesamt 74 Spiele bestritten (zwei Tore).
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