Wenn aus der Trainer-Vorstellung Tradition wird

Schalke-Moment des Jahres

„Es ist eine schöne Tradition…“: Mit diesem Satz leiten Journalisten gerne einen Text ein, bei dem der größte Nachrichtenwert oftmals nur darin besteht, dass sich das beschriebene Ereignis Jahr für Jahr wiederholt. Wenn beispielsweise der Nikolaus am 6. Dezember im Kindergarten vorbeischaut. Oder wenn dem Bürgermeister an Weiberfastnacht die Krawatte abgeschnitten wird. Oder wenn Schalke in der Sommerpause den neuen Trainer vorstellt.

GELSENKIRCHEN

, 26.12.2017, 08:04 Uhr / Lesedauer: 2 min
Wie zuletzt jedes Jahr: Schalke präsentierte im Sommer einen neuen Trainer. Hier stellt Christian Heidel (r.) Domenico Tedesco vor.

Wie zuletzt jedes Jahr: Schalke präsentierte im Sommer einen neuen Trainer. Hier stellt Christian Heidel (r.) Domenico Tedesco vor. © dpa

21. Juni 2017, 13 Uhr: Eskortiert von Manager Christian Heidel, Sportdirektor Axel Schuster und Pressesprecher Thomas Spiegel betritt Domenico Tedesco den Presseraum der Veltins-Arena – wie ein Jahr vor ihm Markus Weinzierl und wie zwei Jahre vor ihm André Breitenreiter (der damals noch von Horst Heldt begleitet wurde). Die Abläufe waren einstudiert, alle kannten ihre Rollen.

Glückauf, Glückauf, Glückauf

Die Fotografen, die sich vor dem Podium aufstellten und ihr Blitzlichtgewitter veranstalteten, die Journalisten, die ihre Blöcke und Aufnahmegeräte in Stellung brachten, die Tontechniker mit den langen Stangen mit dem Mikrofon am Ende, um die Fragen der Journalisten aufzunehmen. „Pass auf, er wird sich gleich da oben hinsetzen und als Allererstes ,Glückauf‘ sagen“, raunte ein Kollege. Tedesco ließ den Fotomarathon über sich ergehen, nahm Platz, beugte sich zum Mikro vor und sagte „Glückauf“ – genau wie ein Jahr zuvor Markus Weinzierl und zwei Jahre zuvor André Breitenreiter. Und jetzt alle im Chor: Es ist eben eine schöne Tradition!

Ich würde gern schreiben, dass ich schon bei dieser ersten Pressekonferenz geahnt habe, dass es für Schalke mit diesem Trainer wieder aufwärts gehen würde, dass bei diesem Trainer nicht schon wieder um Weihnachten herum die Personalfrage gestellt werden würde, doch das wäre glatt gelogen. Die Erfahrungen der vergangenen beiden Jahre hatten mich vorsichtig werden lassen. Ich erinnerte mich nur zu gut an das gute Gefühl, dass mir André Breitenreiter bei seiner Vorstellung vermittelt hatte, an den hervorragenden Eindruck, den ich ein Jahr später von Markus Weinzierl hatte. Das Ergebnis ist bekannt.

Jung und höflich

So ließ mich der junge, höfliche Mann, der da oben saß und dessen einzige Erfahrung im Profibereich aus einem halben Jahr bei Erzgebirge Aue bestand (immerhin auch ein Bergbauverein, weswegen das „Glückauf“ gar nicht mal so aufgesetzt wirkte), eher kalt. Tedesco machte seine Sache an diesem Tag nicht schlecht, aber ein denkwürdiger Auftritt war es auch nicht. Viele seiner Aussagen waren allgemein gehalten, diplomatisch und zurückhaltend.

Ein halbes Jahr später muss ich feststellen, dass mich der junge, höfliche Mann in seiner Zeit auf Schalke schwer beeindruckt hat. Tedesco macht bislang einen so guten Job, dass ich mich aus dem Fenster lehne und die Voraussage wage, dass es in der nächsten Sommerpause keine Trainervorstellung auf Schalke geben wird. Und das ist auch nicht schlimm. Es ist eben doch nicht jede Tradition schön.

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