In Schermbeck kennen sich viele aus, unter Schermbeck wohl nur wenige so gut wie Andreas Lenz. Er leitet eine 100-Meter-Bohrung und erklärt, warum genau diese Stelle ausgesucht wurde.

Schermbeck

, 18.07.2019 / Lesedauer: 4 min

Dass der Geologische Dienst NRW bohrt, ist nicht außergewöhnlich. Zwischen Wesel, Dorsten, Raesfeld und Bottrop habe man schon viele Löcher gebohrt, sagt Projektleiter Andreas Lenz. Mit einem kleinen Fahrzeug werden die meisten Bohrungen erledigt. Dabei dringt man aber „nur“ in Tiefen von 20 bis 30 Metern vor. In Schermbeck will man in den nächsten Wochen aber 100 Meter erreichen.

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So wird ein 100 Meter tiefes Loch in Schermbeck gebohrt

Dazu beschäftige man Auftragsfirmen, sagt Lenz. Als ein Schwall schmutziges Wasser aus dem Loch in der Wiese an der Alten Poststraße nach oben schießt, sagt Lenz über das Bohren: „Es ist ein schmutziger und harter Job.“ Aber ein wichtiger.

Auch wenn Lenz eher die wissenschaftliche Neugier antreibt, welche Ablagerungen wo zu finden sind, sind die Ergebnisse etwa für Wasserwerke (Förderung und Schutz des Grundwassers) oder Bauherren, die Geothermie planen, wichtig. Wenn der Geologische Dienst etwa Hinweise auf tektonische Störungen finde, „würde man darauf nicht bauen wollen oder eine Deponie darauf errichten.“ Stichwort Deponie: Mit der illegalen Ablagerung der Ölpellets in der Nottenkämper-Tongrube habe die Bohrung in Bricht nichts zu tun, stellt Lenz klar.

Aus anderen Bohrungen weiß Lenz schon ungefähr, was ihn in der Tiefe erwartet. Jeder, der maschinengetrieben bohre, müsse dies beim Geologischen Dienst anzeigen und auch die Ergebnisse zur Verfügung stellen. Die Datenbank umfasse mittlerweile über 300.000 Einträge in NRW, so Lenz.

Die Frage, warum der Geologische Dienst genau an dieser Stelle in Bricht bohrt, beantwortet Lenz so: „Hier gibt es ein besonderes Profil.“ Zunächst sandig-kiesige Ablagerungen der Lippe („bis 26 Meter“), die besonders mächtig und etwa 10.000 bis 60.000 Jahre alt sind. Darunter Ablagerungen eines eiszeitlichen Stausees, etwa 200.000 Jahre alt. Und darunter 85 Millionen Jahre alte sandig-mergelige Gesteine - Überreste eines ehemaligen Meeres, das in der Kreidezeit vor etwa 85 Millionen Jahre in Schermbeck zu finden war.

100 Meter tiefes Loch zeigt, wie es unter Schermbeck aussieht (mit Video)

Geoingenieur Bastian Mustereit (l.) und Projektleiter Andreas Lenz beaufsichtigen die Bohrung des Geologischen Dienstes, die in Schermbeck 100 Meter in die Tiefe geht. © Berthold Fehmer

Was Lenz erwartet, weiß er also. Wo und in welchen Tiefen, das bringt die Rammkernbohrung ans Tageslicht. Dabei wird ein ein Meter langer Bohrkern von einem 300 Kilogramm schweren Rammgewicht in den Boden gehämmert und anschließend von einem Fanggerät wieder nach oben gezogen. Der Großteil der Untersuchung der Bohrproben werde im Labor erledigt, so Lenz. „Am Bohrloch gibt es also nicht so viel zu sehen.“

100 Meter tiefes Loch zeigt, wie es unter Schermbeck aussieht (mit Video)

Diese Greifvorrichtung holt den Bohrkern aus dem Loch. © Berthold Fehmer

Besonders laut ist es nicht, wenn das 300 Kilogramm schwere Gewicht im Boden bei 17 Metern Tiefe aktiv wird. Das sei nur bei den ersten Metern der Fall, sagt Lenz. Auch von Erschütterungen ist bei 17 Metern Tiefe wenig zu spüren. Nach der Probenentnahme wird das Bohrloch gespült und mit einem Schutzrohr (etwa 15 Zentimeter Durchmesser) versehen, dann geht es wieder einen Meter weiter nach unten. Pro Meter brauche man etwa zwischen 20 Minuten und einer Stunde, je nach Untergrund, so Lenz, der insgesamt mit vier Wochen Bohrzeit rechnet.

100 Meter tiefes Loch zeigt, wie es unter Schermbeck aussieht (mit Video)

Ein "schmutziger und harter Job" sei das Bohren, sagt Andreas Lenz. © Berthold Fehmer

Welche Temperatur herrscht eigentlich in 100 Metern Tiefe? Ab drei Metern Tiefe habe die Temperatur an der Oberfläche keinen Einfluss mehr, sagt Lenz. Im Boden herrscht dann die Jahresdurchschnittstemperatur von 11 Grad. Der Geothermische Tiefengradient besage dann, dass es pro 100 Meter Tiefe drei Grad wärmer im Boden werde. In 100 Metern Tiefe werden also 14 Grad erwartet.

Dies sei auch etwa die Tiefe, die bei geothermischer Nutzung eines Bohrlochs erreicht werde, so Lenz. „Im Sommer kann man damit kühlen, im Winter heizen.“ Ab und zu übergebe der Geologische Dienst auch ein Bohrloch an den Grundstückseigner für solche Nutzungen, in Bricht sei das aber nicht der Fall.

100 Meter tiefes Loch zeigt, wie es unter Schermbeck aussieht (mit Video)

Mit Wasser wird das Bohrloch gespült - in einem Kreislauf wird es gereinigt und wiederverwendet. © Berthold Fehmer

Stattdessen werde das Loch mit Tonpellets verfüllt. „Die sehen aus wie kleine Steine und quellen dann mit der Zeit durch das Grundwasser auf.“ Bei Bohrungen werde er immer gefragt, ob er schon auf Öl oder Gold gestoßen sei, sagt Lenz lächelnd. Öl sei in Bricht nicht zu erwarten und Gold höchstens in allerkleinsten Mengen. „Wenn ich einen Nugget finde, behalte ich ihn“, sagt Lenz lachend, und wird sofort wieder ernst: „Das war natürlich Spaß, das dürfte ich selbstverständlich nicht.“

Falls die Bohrung Überreste von Lebewesen, etwa kleine Muschelkrebse, zutage fördern würde, wäre das für Lenz schon ein Hauptgewinn. Dann könne man nämlich viel präziser das Alter dieser Bodenschicht bestimmen.

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