Bücherschrank aufgerüstet: „Mein Mann hat gesagt, ich bin verrückt.“

mlzDie gute Corona-Nachricht

Mit ihrem Bücherschrank zwischen Dorsten und Schermbeck hat sich Jutta Tasse im Frühjahr einen Traum erfüllt. Und nun noch mal aufgerüstet. „Mein Mann hat gesagt, ich bin verrückt.“

Schermbeck

, 02.11.2020, 14:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Den Traum eines Bücherschranks, in dem Bücherfreunde kostenlos Lesestoff austauschen können, habe sie schon lange mit sich herum getragen, erzählt die Rüsterin, die am Schöttnerweg 10 unweit der Dorstener Straße und wenige 100 Meter von der Grenze Schermbecks zu Dorsten entfernt wohnt. Als ihr Sohn vom Studium in Münster wieder in die Heimat zurückkehren wollte und dafür ein Gebäudetrakt renoviert werden musste, sei ein Wohnzimmerschrank übrig gewesen.

Nicht lange suchen müssen die "Kunden" des Bücherschranks. Ein Schild weist sie von der Dorstener Straße direkt zum einzigen Haus am Schöttnerweg.

Nicht lange suchen müssen die „Kunden" des Bücherschranks. Ein Schild weist sie von der Dorstener Straße direkt zum einzigen Haus am Schöttnerweg. © Berthold Fehmer

Im April/Mai dieses Jahres, die Zeit der ersten Corona-Welle, setzte Jutta Tasse den Plan in die Tat um. Der Schrank wurde vors Haus gestellt und mit Büchern befüllt. Sowohl ihr Mann als auch sie selbst seien „Leseratten“, gibt Jutta Tasse zu, sodass ihr Mann aufgrund der Fülle von angesammelten Büchern schon mal gesagt habe, dass einige weg müssten. „Ich werfe aber keine Bücher weg“, lautet Jutta Tasses Credo. „Ein Buch in der Hand zu halten, ist immer noch was anderes“, sagt sie im Vergleich zu Tablets, Smartphones oder E-Book-Readern.

Kurze Durststrecke

Der gut gefüllte Bücherschrank machte durch Mund-zu-Mund-Propaganda von sich reden. Und kurz darauf fehlte etwa die Hälfte des eingestellten Lesefutters. „Da habe ich in der Nachbarschaft gefragt, ob die noch Bücher übrig hätten. Unsere Reserven waren aufgebraucht“, sagt Jutta Tasse. Doch nach dieser kleinen Durststrecke fing das Konzept an zu funktionieren. Die „Kunden“, wie sie Jutta Tasse nennt, ohne dass sie jemals einen Euro für ihre Dienste genommen hätte, befüllten den Schrank wieder mit ausgelesenen Büchern.

Als Ausflugsziel hat sich der Bücherschrank über den Sommer nicht nur bei Schermbeckern etabliert. „Die Leute kommen aus Dinslaken, Hünxe, Drevenack, Dorsten, Raesfeld oder Borken“, zählt Jutta Tasse auf. Einmal sei ein Pärchen aus Mülheim auf Motorrädern vorbeigekommen. Kurze Zeit später hätten sie mit einem Cabrio neue Bücher gebracht.

Manche Bücher und Spiele sind „ratzfatz weg“

Jeden Tag von 10 bis 20 Uhr ist der Schrank geöffnet, und jeden Tag schaut Jutta Tasse nach dem Rechten. Ordnet Bücher thematisch zueinander, „wobei das auch die Kunden manchmal machen“. Eine Helmut-Kohl-Biographie, die Herr der Ringe-Trilogie, Romane, Ratgeber für Reiter, ein Mandala-Buch, Comics, Spiele. Manches liege länger, manches sei „ratzfatz weg“, sagt Tasse.

Es scheint auf den ersten Blick kaum einen Buchgeschmack zu geben, der mit dem Bestand von rund 200 Büchern nicht befriedigt werden könnte. „Hörbücher hatten wir bislang nicht, das ist das erste Mal - ganz toll“, sagt Tasse, als sie die neuesten Mitbringsel von einigen „Kunden“ studiert. Nur einmal habe sie etwas aussortiert - ein etwas „anzügliches“ Spiel: „Das passte nicht.“

Hütte um den Schrank gebaut

Im Sommer in der Sonne habe der Schrank etwas gelitten, sagt Jutta Tasse - bei Gewitter habe sie eine Folie über den Schrank geworfen. Damit der Schrank jetzt auch im Herbst und Winter, gerade auch in der schwierigen Corona-Zeit, weiter in Betrieb bleiben kann, hat sie eine Hütte drumherum gebaut - auf eigene Kosten. „Mein Mann hat gesagt, ich bin verrückt.“

„Ich plane hier noch ein Regal“, sagt Jutta Tasse und zeigt auf eine Seitenwand. Und Körbe „zum Stöbern“ will sie aufstellen. Die wetterfest gestrichene Hütte kann sie nun abends um 20 Uhr abschließen. So sollen Schrank und Bücher vor der Feuchtigkeit geschützt werden. Und in der Vorweihnachtszeit wolle sie die Hütte mit Tannengrün und Lichterkette passend schmücken, überlegt Jutta Tasse. Schließlich gebe es im Ortskern mittlerweile Konkurrenz, so Jutta Tasse schmunzelnd über den kürzlich aufgestellten Bücherschrank am Rathaus.

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