Mike Rexforth: „Ich bin kein Freund von blindem Aktionismus“

mlzKommunalwahl 2020

Seit sechs Jahren ist Mike Rexforth Bürgermeister und er will eine Amtszeit dranhängen. Was für ihn der schwerste Moment als Bürgermeister war und was er plant, erklärt er im Interview.

Schermbeck

, 17.08.2020, 16:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Als „Schermbecker durch und durch“ - so bezeichnet sich der 50-jährige Amtsinhaber, der verheiratet ist und fünf Kinder hat. Seit 1991 arbeitet Rexforth bei der Schermbecker Verwaltung, unter anderem im Sozialamt und als Kämmerer. Seit 2014 ist er Bürgermeister.

Der alte Bürgermeister gratulierte 2014 dem neuen: Ernst-Christoph Grüter (l.), der 2019 starb, war einer der ersten, die Mike Rexforth (r.) 2014 zu seiner Wahl beglückwünschten.

Der alte Bürgermeister gratulierte 2014 dem neuen: Ernst-Christoph Grüter (l.), der 2019 starb, war einer der ersten, die Mike Rexforth (r.) 2014 zu seiner Wahl beglückwünschten. © Berthold Fehmer

In den letzten sechs Jahren - was war der schwerste Moment Ihrer Amtszeit?

Der Beginn der Flüchtlingskrise. Von jetzt auf gleich Hunderte Menschen unterbringen zu müssen. Zu entscheiden: Bauen wir Container auf oder dezentralisieren wir? Machen wir alles selber, oder suchen wir uns einen Partner? Das Ehrenamt zu organisieren. Dieser Findungsprozess zum Weg, den wir eingeschlagen haben mit Caritas und Ehrenamt, war sicherlich die größte Herausforderung.

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Drei Fragen an Bürgermeister Mike Rexforth

Viele Bürger hätten sich beim Ölpellets-Skandal von Bürgermeister und CDU mehr politische Einflussnahme gewünscht. Können Sie das nachvollziehen?

Man kann damit offensiv umgehen, wie bei einem Fackellauf. Aber ich bin jemand, der versucht, über politische Kontakte die Probleme anzugehen. Wir haben im Hintergrund gearbeitet. Ich glaube, die etwas lautere Gangart des Bürgerforums und das Ausnutzen meiner politischen Kontakte haben zum Erfolg geführt. Wir bekommen ein neues Gutachten - alle Forderungen des Bürgerforums sind in die Beauftragung eingeflossen.

Vor sechs Jahren sind Sie mit dem Ziel angetreten, Baugebiete für junge Familien auszuweisen. So langsam wird es damit was. Ärgert es Sie, dass manches Jahre dauert?

Ja, weil wir durch viele Gesetze gelähmt werden. Durch die Zugehörigkeit zum RVR können wir uns nicht so entwickeln wie etwa Raesfeld. Bei der derzeitigen politischen Situation ist das nicht unbedingt zum Vorteil des ländlichen Raums. Da wir aber auch über Jahre keine vernünftige Bodenbevorratung gemacht haben, mussten wir erst Grundstücke erwerben, Planungshemmnisse beseitigen. Das hat mindestens drei Jahre gekostet. 2020/21 ernten wir die Früchte: mehr als 100 Wohneinheiten, die wir an den Markt bringen.

Auch bei den Gewerbeflächen hängt es. Wie geht es weiter, etwa mit den ehemaligen Idunahall-Flächen?

Für Hufenkamp II haben wir Ende 20, Anfang 21 den Bebauungsplan. Dafür gibt es unglaublich viele Nachfragen. Der RVR wird uns danach keine weiteren Flächen zugestehen, wenn wir nicht die Sechs-Hektar-Fläche Idunahall realisieren. Wir sind einig mit den Eigentümern und wollen uns Abriss und innere Erschließung fördern lassen. Die Verträge mit den Eigentümern sind abgesegnet, jetzt geht es zum Land. Nach dem Abbruch soll das Gelände kleinteiliger parzelliert werden - wegen der großen Gebäude haben wir gerade unglaubliche Vermarktungs-Schwierigkeiten.

Thema Grundschule: Trotz Ratsbeschluss vor neun Monaten geht es wegen Bürgerbegehren, Ratsbürgerentscheid und Klage nicht weiter. Was würden Sie anders machen, wenn Sie die Zeit zwei Jahre zurückdrehen könnten?

Wir hatten bei der Auftragsvergabe der Machbarkeitsstudie zwei Angebote. Ein deutlich teureres Gutachten hätte zunächst mit Akteuren wie Lehrern, Schulpflegschaft, Elternschaft, Politikern und Fachplanern ein Raumkonzept erstellt. Diese Beteiligungsstufe hatten wir nicht, das hätte sicherlich für höhere Akzeptanz gesorgt. Aber wir hatten eine Fördermaßnahme mit der Vorgabe, das günstigste Angebot zu nehmen. Die Vorgabe sollte überprüft werden. Wir sollten daraus lernen für die Mittelstraße.

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Die wird wohl das teuerste und umstrittenste Projekt der nächsten Jahre. Was macht Sie zuversichtlich, dass es da nicht ebenso läuft?

Weil wir jetzt mit der Bürgerbeteiligung starten: Anwohner, Geschäftsinhaber, Nachbarschaften. Wir müssen die Verkehrssituation betrachten, die damals ausschlaggebend war, warum beide bisherigen Vorhaben kläglich gescheitert sind. Zu einer 100-Prozent-Lösung werden wir niemals kommen, hoffen aber, dass wir Akteure und Betroffene mitnehmen und an Lösungsprozessen beteiligen. Es werden wohl drei, vier Varianten entwickelt. Und dann muss man sehen, was am mehrheitsfähigsten ist.

Was kann die Gemeinde tun, um Folgen der Corona-Pandemie abzumildern?

Man muss darauf hinweisen, dass das Virus nicht weg ist! Die Menschen müssen verantwortungsbewusst damit umgehen. Wir haben gesehen, wie gelähmt wir waren - die Belastungssituation war in vielen Familien überschritten. Viele Schermbecker sind in Kurzarbeit, einige haben ihre Arbeit verloren. Dieser Verantwortung muss sich jeder im täglichen Ablauf bewusst sein.

Müsste die Gemeinde Schermbeck nicht jetzt investieren?

Ich bin kein Freund von blindem Aktionismus. Wenn viel Geld auf einmal ins System gepumpt wird, bekommen Sie die Aufträge wie etwa beim Breitbandausbau nicht mehr vergeben, weil die Firmen nicht mehr als arbeiten können. Ich fände es besser, wenn die öffentliche Hand die Investitionen über drei, besser fünf Jahre strecken würde.

Umstritten war und ist der Klimaschutzmanager. Wird die Stelle nachbesetzt?

Bei einer Ausschreibung für 12 Monate werden Sie keinen finden. Wir brauchen die Entscheidung: Verankern wir die Stelle nachhaltig im Etat? Ich bin davon überzeugt: Wir brauchen ihn.

Ist der vorgeschriebene Haushaltsausgleich 2023 ohne Steuererhöhungen jetzt noch zu schaffen?

Vor dem Hintergrund Corona und wegbrechender Steuereinnahmen wird der Haushaltsausgleich nicht einfacher. Entweder gibt das Land uns mehr Zeit, oder man wird überlegen müssen, die Steuern zu erhöhen. So ehrlich muss man sein. Im Vergleich zu Dorsten, Hamminkeln oder Hünxe haben wir aber noch etwas Luft.

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