175 Jahre: Welcher Chor wird schon so alt? Eigentlich wollte die älteste Schermbecker Musikgruppe das Jubiläum in diesem Jahr groß feiern. Doch daraus wird erst einmal nichts.

Schermbeck

, 29.10.2020, 17:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Der Kirchenchor „Cäcilia“ hat von einer großen Feier Abstand genommen, nachdem das Coronavirus die Probenarbeit störte. Ob das jetzt geplante Singen am Tag des Cäcilienfestes (22. November) stattfinden kann, steht noch nicht fest. „Wenn nichts dazwischen kommt, wollen wir das Jubiläum im kommenden Jahr feiern“, schaut der Vorsitzende Engelbert Bikowski optimistisch in die Zukunft. Die beiden Chronik-Bände von Josef Heßbrüggen und Willy Tasse zeigen die wechselvolle Geschichte der Musikgruppe auf.

Dirigent zog nach Münster

Zwischen 1845 und 1850 gründete ein Dirigent namens Holtkamp einen gemischten Chor. Der Verein beendete seine Sangestätigkeit mit dem Fortzug des Dirigenten nach Münster. Zudem wanderten viele junge Leute ins Ruhrgebiet ab, um Arbeit zu finden. Sieht man einmal von den gelegentlichen Gesängen der Junggesellen-Soladität in Gottesdiensten ab, so war es ruhig in der Kirche geworden. Einige wenige Choralsänger, Messdiener und Küster sorgten mehr schlecht als recht für etwas Gesang im Gotteshaus.

Unter Pastor Eilertz (1850 bis 1881 in Altschermbeck), selbst ein guter Sänger, wurde wenigstens der Volksgesang kräftig gefördert. Wenn an kirchlichen Feiertagen Lieder gesungen wurden, dann war das in der Erinnerung des Chronisten Josef Heßbrüggen ein Moment, „so feierlich, so erhaben und von so ergreifender Schönheit, daß ich nicht Worte finde, ihn näher zu beschreiben.“

Ende der 1860er-Jahre bildete sich unter dem Organisten Gertz ein Männerchor, dessen Wirken durch Kriegsjahre und Kulturkampf stark eingeschränkt wurde und der nach dem Tode des Dirigenten Ende der 1870er-Jahre gänzlich erlosch. Auch der nach 1880 erneut erfolgte Versuch des Dirigenten H. Paus, einen Männerchor zu gründen, war nur von kurzer Dauer.

Kaplan gründete Verein

Erst unter Kaplan August Austermann (1901 bis 1911 in Altschermbeck), dem späteren Pastor von Raesfeld, wurde ein Verein gegründet, der die Wirren der folgenden Jahrzehnte überdauern sollte. Während Chorsänger im Ersten Weltkrieg als Soldaten an der Front weilten, mussten die Sängerinnen der Jungfrauenkongregation aushelfen.

Das älteste bekannte Foto des Kirchenchores „Cäcilia“ entstand im Jahre 1908. Sechs Jahre später mussten viele Sänger Kriegsdienste leisten.

Das älteste bekannte Foto des Kirchenchores „Cäcilia“ entstand im Jahre 1908. Sechs Jahre später mussten viele Sänger Kriegsdienste leisten. © Scheffler (Repro)

Das Vereinsleben konnte, da kein Soldat im Felde geblieben war, nach dem Kriege bald wieder erblühen. Aus gesundheitlichen Gründen gab Josef Heßbrüggen Anfang der 1920er-Jahre die musikalische Leitung an Sohn Otto ab. Der Chor beteiligte sich – gefördert durch den musikliebenden Pfarrer Johannes Vrey (1910 bis 1939 in Altschermbeck) – jährlich an den Sängerfesten der Chöre in der Herrlichkeit Lembeck.

In den 1930er-Jahren begann die Zeit, in der solche Auftritte nur noch ungern von den Machthabern gesehen wurden. Schließlich wurden die Auftritte des kirchlichen Vereins in den Kirchenraum verbannt. Auch dort endeten sie, als der Dirigent Otto Heßbrüggen Soldat wurde.

Jungfrauenchor in den Kriegsjahren auf die Beine gestellt

Salesianerpater Josef Hilpisch hatte in der Ludgeruspfarre in den letzten Kriegsjahren mit jungen Mädchen einen Jungfrauenchor auf die Beine gestellt. Mit einer Ausnahme stellten sich alle dem alten Dirigenten für einen neuen Chor zur Verfügung. Zur ersten Nachkriegs-Weihnacht erklang in der Ludgeruskirche wieder mehrstimmiger Gesang. 63 musikfreudige Altschermbecker und Schermbecker versammelten sich am 14. Januar 1948 zur ersten Nachkriegs-Generalversammlung unter Leitung von Paul Köster.

Der baldige Tod des Ersten Vorsitzenden und der baldige Abschied des Ehrenpräses Heinrich Wegmann belasteten einen kontinuierlichen Neubeginn ebenso wie Probleme mit dem Dirigenten Schoblick, der zu vorgerückter Stunde für einige seiner Zecher ein Schlagerfestival auf der Orgel inszenierte, und mit seinem Nachfolger Laurenz Weiligmann.

Erst unter der erneuten Dirigentschaft Otto Heßbrüggens blühte das Chorleben richtig auf. Mit dem Dekanatssingen der Kirchenchöre 1953 begann die Serie größerer Auftritte, bei Pfarrfamilienfesten, beim Singen mit dem „Collegium musicum Dorsten“ oder bei der Vorführung eines Weihnachtsoratoriums im Saal Overkämping. Unter Leitung der Dirigenten Anton Brokemper, Paul Gröger, Günther Messing und Klaus Lohmann wurde ein umfangreiches Programm zusammengestellt.

1967 hatte sich aus dem Chor eine achtköpfige Frauenschola gebildet, die überwiegend bei Beerdigungen den Gottesdienst mitgestaltete. Seit 1990 gehörte zum Kirchenchor eine sechsköpfige Choralschola.

Neue Ära unter Josef Breuer

Mit dem Kirchenmusiker Josef Breuer begann ab 1985 in St. Ludgerus eine musikalische Ära, die den Kirchenchor „Cäcilia“ weit über die Grenzen Schermbecks bekannt machte. Breuer begann mit der Aufführung von Chor-und Orchestermessen an kirchlichen Hochfesten. In dreieinhalb Jahrzehnten waren es mehr als 20 Orchestermessen. Von Mozarts „Missa brevis“ und Haydns „Orgel-Solomesse“ bis zu Schuberts „Messe G-Dur“. Hinzu kamen Chorwerke von Buxtehude, Händel, Mozart, Franck und Bach. Gastsänger unterstützten den Chor bei Großprojekten.

Nur kurz gab Breuer nach Eintritt in den Ruhestand die Leitung des Chores 2019 an Elisabeth Klingner ab. Dann wurde der Ruheständler als Nachfolger Klingners umso begeisterter begrüßt. Mit den 35 Sängerinnen und Sängern aus unterschiedlichen Konfessionen hat Josef Breuer nach einer coronabedingten Pause in den Monaten März bis Juli mit den Proben im August in der Kirche begonnen. Seit einem Monat wird bei geöffneten Fenstern im Pfarrheim geprobt. Weitere Sänger und Sängerinnen sind willkommen.

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