In verzweifelter Lage sind Talina und Hardy Scholl sowie die Familienmitglieder des Circus Busch, der derzeit in Schermbeck gestrandet ist. © Berthold Fehmer
Zirkus

Corona: Zirkusfamilie in verzweifelter Lage bittet um Hilfe

„Der Zirkus war schon vor Corona im Überlebenskampf.“ Hardy Scholl, Chef des in Schermbeck gestrandeten „Circus Busch aus Berlin“, weiß derzeit keinen Ausweg mehr, als um Hilfe zu bitten.

Der 57-Jährige wurde „im Wohnwagen geboren“. Und in einem Wohnwagen lebt er immer noch. Mit der 18-köpfigen Zirkusfamilie im Hinterhof einer Halle hinter dem ehemaligen Möbelhaus Rademacher in Schermbeck-Bricht. Auch wenn die Zeit extrem hart ist, sagt Hardy Scholl: „Ein anderes Leben können wir uns nicht vorstellen.“

In 46 Städten hätte der Circus Busch in diesem Jahr gastiert – dann kam die Corona-Pandemie und es hagelte Absagen. 850 Menschen könnte das Zirkuszelt maximal aufnehmen, doch wann das wieder möglich sein wird, steht in den Sternen. Hardy Scholl hat Verständnis für die Corona-Schutzmaßnahmen: „Es kann nicht sein, dass der Zirkus durch die Städte fährt und sich alle anstecken.“

„Man darf das Lächeln nicht verlieren“

Er vertrete die siebte Generation in seiner Zirkus-Familie, sagt Hardy Scholl, seine Tochter Talina ist die achte. Die 19-Jährige lächelt viel. „Man darf das Lächeln nicht verlieren“, sagt sie, auch wenn die Situation der Familie verzweifelt ist. Das Präsentieren und Lächeln in der Manege ist ihr so in Fleisch und Blut übergegangen, dass es selbst jetzt noch durchschimmert, wenn sie mit Blick auf den engen Hinterhof, ihren jetzigen Lebensmittelpunkt, sagt, dass ihr das Reisen durch die Städte fehle.

Er sei der Gemeinde Schermbeck dankbar, betont Hardy Scholl. Da der Zirkus keinerlei Einnahmen durch Auftritte hat, leben alle mittlerweile von Hartz IV. Sein Respekt sei für diejenigen gewachsen, die das gleiche Schicksal teilten, sagt Hardy Scholl. „Wir haben nicht gemerkt, wie gut wir es hatten.“ Bei jedem Einkauf müssten die Preise sorgsam verglichen werden – daran habe sich die Familie erst einmal gewöhnen müssen, gibt der Zirkus-Chef zu. Corona-Hilfen für Unternehmen habe er nicht bekommen.

Der Kostenapparat im Hintergrund läuft allerdings permanent weiter. Insbesondere die fast 50 Tiere brauchen pro Tag Futter für 150 Euro. Kamele, Pferde, Ziegen, Lamas und Hunde sind derzeit am Wunderland Kalkar untergebracht, da in Schermbeck keine geeignete Fläche zu finden war. Wie viel Diesel bei den täglichen Fahrten hin und her bereits draufgegangen ist, will sich Hardy Scholl lieber nicht ausrechnen.

Zwei Rundballen Heu pro Tag

Zwei Rundballen Heu brauchen die Tiere täglich. So lange der Zirkus dafür noch zahlen konnte, sei das kaum ein Problem gewesen – jetzt sei man auf Futterspenden angewiesen, sagt Hardy Scholl. Täglich fahren Talina Scholl und andere Familienmitglieder die Bauernhöfe in der weiten Umgebung ab, um irgendwie an Heu zu kommen. Manchmal sind sie den ganzen Tag unterwegs – für zwei Ballen.

Manche hilfsbereiten Bauern hätten mittlerweile aber nur noch genug Heu für den Eigenbedarf und hätten schon mal 50 Euro gespendet, sagt Scholl. Von der Gemeinde Schermbeck erhielt die Familie eine Bescheinigung, dass sie wirklich einen Zirkus führt – was sie beim Spendensammeln von Betrügern unterscheidet, die bereits im Namen des Circus Busch unterwegs waren.

Alle finanziellen Reserven der Familie sind aufgebraucht. Zwei Lkw und alles, was für irgendwann wieder mögliche Auftritte nicht zwingend erforderlich sei, habe er mittlerweile verkauft, sagt Hardy Scholl. Dann müsse man eben bei Gastspielen in Zukunft mehrfach hin- und herfahren. Wann das wieder sein könne? Das weiß Scholl nicht – und von jetzt auf gleich könne man auch den Tour-Betrieb nicht wieder aufnehmen, da eine Vorplanung mit den Städten nötig sei.

„Ich bin verantwortlich für alle und schaffe es nicht“

Wie verzweifelt Hardy Scholl ist, wird erst deutlich, als seine Tochter kurz außer Hörweite ist. Er schlafe nachts kaum noch, sagt der 57-Jährige. „Ich weiß nicht mehr weiter. Ich bin verantwortlich für alle und schaffe es nicht.“ Das Gefühl, zu versagen, nagt am Familienvater, der von den Anderen mittlerweile von vielen Aufgaben entlastet wird. Ob die Geschichte des 1884 gegründeten Circus Busch hier mit ihm endet, hier auf einem Hinterhof in Schermbeck? Diese Frage stelle er sich, gibt Scholl zu. Denn eine Perspektive, wann die Familie wieder ihr altes Leben führen kann, sieht er derzeit nicht.

Noch vor vier Jahren begeisterten die Gebrüder Busch das RTL-Publikum bei der Show „Das Supertalent”. Aufgrund der Corona-Pandemie ist ungewiss, wie es für den Familienzirkus weitergehen kann. © privat © privat

Und die anderen Familienmitglieder? Alfred Scholl, vor vier Jahren noch bei der RTL-Show „Das Supertalent“ gefeiert, als er auf einem fünf mal drei Meter großen Trampolin einen vierfachen Salto meisterte, steht in der Halle und streicht einen Lkw mit (gespendeter) Farbe. Er, Luftartistin Talina und die andere trainieren weiterhin täglich ihre Fähigkeiten – „sonst müssten sie irgendwann quasi wieder bei Null anfangen“, sagt Hardy Scholl.

Die Familienmitglieder versuchen, den Rest des noch nicht verkauften Fuhrparks in Gang zu halten. So wurde dieser Lkw neu gestrichen - mit gespendeter Farbe.
Die Familienmitglieder versuchen, den Rest des noch nicht verkauften Fuhrparks in Gang zu halten. So wurde dieser Lkw neu gestrichen – mit gespendeter Farbe. © Berthold Fehmer © Berthold Fehmer

Bus-Reparatur kann nicht bezahlt werden

Neben dem Geld fürs Futter fehlt derzeit auch das Geld für den Kleinbus der Familie, der in der Werkstatt steht und eigentlich für Futter-Transporte gebraucht würde. „Die Reparatur soll 3000 Euro kosten – wir haben kein Geld, um ihn auszulösen“, sagt Hardy Scholl: „Ich hätte nicht gedacht, dass es einmal so weit kommt, aber wir müssen um Futterspenden und finanzielle Hilfen bitten.“ Wer helfen kann, wird gebeten, sich unter Tel. (0177) 2847001 zu melden. Konto bei der Postbank: Natascha Frank (Circus Busch), DE64590100660852392661, BICPBNKDEFF.

Über den Autor
Redaktion Dorsten
Berthold Fehmer (Jahrgang 1974) stammt aus Kirchhellen (damals noch ohne Bottrop) und wohnt in Dorsten. Seit 2009 ist der dreifache Familienvater Redakteur in der Lokalredaktion Dorsten und dort vor allem mit Themen beschäftigt, die Schermbeck, Raesfeld und Erle bewegen.
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Berthold Fehmer

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