Experte sieht auf Fotos einen Wolf-Haushund-Hybriden

mlzWolfsgebiet Schermbeck

Das Tier, das Jägerin Sabine Baschke am 1. Dezember in Hünxe fotografiert hat, ist laut Ansicht eines Wolfsexperten kein Wolf, sondern ein Wolf-Haushund-Hybride.

Schermbeck

, 24.01.2019, 17:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Von der Leiter eines Hochsitzes im Hünxer Wald hatte die Weseler Jägerin Sabine Baschke bei einer Drückjagd auf Rot- und Schwarzwild am 1. Dezember ein Tier fotografiert. Diese Bilder wurden in vielen Medien als erste Fotos eines Wolfes im Kreis Wesel vorgestellt. Auch das Landesamt für Umwelt reihte die Fotos als Wolfsnachweis auf der Seite wolf.nrw ein.

Bei den häufigen Nutztierrissen im Wolfsgebiet Schermbeck hatte das LANUV nach Erkenntnissen des Senckenberg-Instituts zum großen Teil einen Wolf als Verursacher festgestellt. Oft konnte konkret die Wölfin „GW954f“ per DNA-Probe ermittelt werden. Als bislang einziger Wolf im Kreis Wesel erhielt die Wölfin von Landrat Dr. Ansgar Müller den Namen „Gloria von Wesel“.

Interesse des Wolfsexperten geweckt

Die Dauerbezeichnung „Wolf“ in den Berichten des LANUV und der Anblick der am 1. Dezember entstandenen Wolfsfotos haben das Interesse des national und international tätigen Wolfsexperten Wernher Gerhards geweckt. Die Unterscheidung des LANUV zwischen „Wolf“ oder „nicht Wolf“ erschien dem Wissenschaftsjournalisten, gerichtlich zugelassenen Wolfs-Sachverständigen, Verhaltensbiologen, Wildtierbeauftragten und Fachbuchautor zu einfach, weil - absichtlich oder unabsichtlich - die Existenz eines Hybriden ausgeschlossen werde.

Anhand der am 1. Dezember entstandenen Fotos wollte Gerhards per Fotoanalyse die Frage klären, ob tatsächlich ein Wolf fotografiert wurde. Insgesamt hat er 18 Körper-Parameter beurteilt. Dazu gehörten der Kopf, der Rücken und der Bauch ebenso wie die verschiedenen Teile der Beine. Obwohl die etwas verschwommenen Fotos in der Qualität nicht optimal sind, konnte Gerhards einige wichtige Funktionen auf dem Bild erkennen, um seine Zweifel zu begründen, diesen Caniden (Tier aus der Hundefamilie) als echten Wolf zu bewerten.

Kein Wolf, kein Hund, aber ein Hybride

„Dieser Canide ist zu 100 Prozent kein echter Wolf“, fasst Gerhards seine dreiseitige Analyse zusammen, die unserer Zeitung vorliegt. Ebenso sicher stellt der Experte fest: „Dieser Canide ist zu 100 Prozent kein Hund.“ Dann fasst er seine Fotoanalyse zusammen mit der Feststellung, dass der abgebildete Canide ein 100-prozentiger Wolf-Haushund-Hybride sei.

Gerhards hat die Fotos auch im Hinblick auf die Medien-Aussagen untersucht, dass der fotografierte angebliche Wolf trächtig sei. „Die Ranzzeit beginnt Anfang Dezember“, stellt er fest. Die Fotos vom 1. Dezember könnten also keinen trächtigen Wolf im fortgeschrittenen Stadium zeigen. Den abgebildeten Hängebauch bewertet Gerhards als ein Zeichen dafür, „dass diese Wölfin einen vollgeschlagenen Magen hat, welcher sich speziell bei Wölfen derart signifikant auswölben kann“. Mit dieser Beobachtung schließt er auch einen reinen Hund aus: „Bei einem Hund wäre das anatomisch nicht möglich.“

Anatomische Besonderheiten untersucht

In einem weiteren Schritt befasste sich Gerhards mit anatomischen Besonderheiten. Das abgebildete Tier besitzt einen kurzen Körperrahmen, „was auf eine erhöhte Sprungkraft im Vergleich zu Berg- und Steppenwölfen schließen lässt“. Diese erhöhte Sprungkraft würde zu der Beobachtung von Tierhaltern passen, die gemeldet hatten, dass der Wolf selbst zwei Meter hohe Zäune übersprungen habe.

Nach der Behauptung des Wolfsexperten, dass das fotografierte Tier ein Wolf-Haushund-Hybride sei, sind nun die für das Wolfsgebiet Schermbeck zuständigen Behörden gefragt, weil die Antworten entsprechende Konsequenzen nach sich ziehen.

Gefahrenpotenzial wird beim Hybriden höher eingestuft

Das von Hybriden ausgehende Gefahrenpotenzial für Menschen und Tiere wird wesentlich höher bewertet als die von Wölfen ausgehenden Gefahren. Entsprechend anders fallen die Antworten auf eine mögliche Entnahme aus. Für den Wolfsexperten ergibt sich die Forderung, dass die Frage Wolf oder Hybride bei allen Untersuchungen künftig ins Zentrum gerückt werden müsse. Gerhards empfiehlt außerdem die Einschaltung eines unabhängigen Kraniologie-Prüfers, eines Spezialisten für die Beschreibung von Schädeln. Als Experten in diesem Gebiet nannte er Professor Hermann Ansorge, den Verantwortlichen beim Senckenbergmuseum für Naturkunde.

Keine DNA-Probe von einem Hybriden

Die Sprecherin des Senckenberg-Instituts, Judith Jördens, sagt auf Anfrage, dass bislang in keiner eingereichten DNA-Probe aus dem Wolfsgebiet Schermbeck Hinweise auf einen Hybriden zu erkennen waren. „Das hätten wir ansonsten auch an den Auftraggeber so weitergegeben.“ Der Hybridisierungsgrad in Deutschland liege bei unter einem Prozent. Die Frage, Wolf oder Hybrid, so Jördens, könne nicht anhand der Morphologie entschieden werden, also der äußeren Gestalt, vor allem nicht „anhand von Handyfotos“.

Zwei Möglichkeiten gibt es nun. Entweder hat eine Experten-Seite unrecht. Oder es handelt sich um zwei verschiedene Tiere. Eine Wölfin, die mehrfach Nutztiere gerissen hat, und einen Hybriden, von dem bislang keine DNA-Probe beim Senckenberg-Institut eingereicht wurde. Was im Fall eines nachgewiesenen Hybriden passieren würde, hatte Dr. Matthias Kaiser, Fachbereichsleiter für Artenschutz beim LANUV, bereits Anfang Oktober 2018 angekündigt: Hybriden würden schnellstmöglich der Natur entnommen, wie es im Wolfsmanagement-Plan festgelegt sei.

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