Obwohl schon Mitte Dezember das Impfzentrum in der Niederrheinhalle Wesel betriebsbereit war, wurde erst ab Februar dort geimpft. Beim zweiten Impfstandort in Moers soll es schneller gehen © Helmut Scheffler
Coronavirus

Fast 100 Euro für Fahrten zum Impfzentrum – für einige Ältere zu viel

Einen „Skandal“ sieht Elke Langenbrink darin, dass nicht-mobile Ältere womöglich aus Kostengründen nicht ins Impfzentrum gelangen. Gegen eine Hilfe seitens der Gemeinde spricht aber einiges.

Ulrike Trick (Grüne) hatte die Frage aufgeworfen, wie Ältere ohne eigenes Fahrzeug und ohne Mitfahrgelegenheit zum Impfzentrum nach Wesel gelangen können und ob die Gemeinde Handlungsbedarf oder Unterstützungsmöglichkeiten sehe. Vielleicht über private Initiativen? Auch Brigitte Scheffler vom Seniorenbeirat sprach bei der Sitzung des Sozialausschusses am Dienstag das Thema an.

Bürgermeister Mike Rexforth verwies auf Sonderkonditionen der Taxiunternehmen, die solche Fahrten zu einem um 10 Prozent ermäßigten Fahrpreis anbieten und die Wartezeiten am Impfzentrum nicht berechnen. Es gebe auch Erstattungsmöglichkeiten für Schwerbehinderte und ab Pflegegrad 3, wobei da eine dauerhafte Beeinträchtigung der Mobilität vorliegen müsse.

Fast 100 Euro für zwei Fahrten

Dennoch: Bei zwei erforderlichen Impfterminen kosten die Taxifahrten von Schermbeck pro Person insgesamt fast 100 Euro. „Für Bezieher kleiner Renten viel Geld“, gab Ulrike Trick zu bedenken.

Rexforth sagte, das Thema sei in der Verwaltung diskutiert worden. Busse zu organisieren, wie es Xanten tue, sei aufgrund der Ansteckungsgefahr „keine wirklich gute Idee“. Zudem könne man Impftermine nicht auf die Kommunen abstimmen. Fahrgemeinschaften zu bilden, sei deshalb schwierig.

„Der Großteil wird dahin kommen“

Deshalb liege das Thema „in der Selbstverantwortung der Bürger“. „Der Großteil wird dahin kommen.“ Um das im Rathaus zu regeln, „müssten wir jemanden beschäftigen“. Diese Arbeitskraft müsse dann in Einzelfall-Prüfungen die Bedürftigkeit der Antragsteller feststellen. „Ein Aufwand, der seitens der Behörden nicht leistbar wäre.“

Pragmatischer wäre, so Rexforth, wenn man die Ehrenamtsplattform nutzen könne, die zu Beginn der Coronakrise gebildet wurde. Doch bei Fahrten zum Impfzentrum müsse man die Ansteckungsgefahr berücksichtigen, gerade bei den mutierten Virus-Varianten. Das Fahrzeug müsse dann grundsätzlich nach jeder Fahrt desinfiziert werden. „Wenn etwas passieren würde, wäre ich schnell in der Haftung als Bürgermeister.“

Hinzu komme: „Zu dieser Leistung sind wir rechtlich nicht verpflichtet.“ Als Haushaltssicherungskommune müssten entstehende Kosten kompensiert werden und die könnten, wenn ein Fahrangebot häufig nachgefragt werde, den Haushalt deutlich belasten. Rexforth: „Sie können das politisch beschließen, aber ich würde es nicht vorschlagen.“

Fonds aus Spenden

Für Ulrike Trick steht fest: „Da hat man eine Gruppe aus den Augen verloren.“ Elke Langenbrink, die als sachkundige Bürgerin für die Grünen im Ausschuss sitzt, nannte es einen „Skandal“: Es sei „ein gesamtgesellschaftlicher Profit, wenn sich möglichst viele impfen lassen.“ Vielleicht könne man einen Fonds aus Spenden initiieren, aus dem man ein Fahrangebot ohne Prüfung der Einkommensverhältnisse bezahlen könne.

Mike Rexforth entgegnete: „Frau Langenbrink, nehmen Sie es in die Hand! Lunten anstecken und dann weglaufen – das nutzt nichts.“ Er stelle ein Fahrzeug zur Verfügung. Langenbrink sagte, dass professionelle Beförderer dies übernehmen müssten.

„In der Praxis klappt das nicht“

Rexforth verwies zudem auf ein Risiko, das entstehen würde, selbst wenn man eine Bündelung von Terminen für Schermbecker erreichen könne: „Wenn das Zeitfenster geblockt ist und zehn Leute kommen nicht, dann gehen die Impfdosen über die Wupper. Wer trägt das Ausfallrisiko? In der Theorie bin ich bei Ihnen, in der Praxis klappt das nicht. Auch wenn sich das vielleicht ein bisschen unpopulär anhört.“

Er erwarte eine Entspannung der Situation, so Rexforth, wenn die Impfung nicht mehr nur mit dem stark zu kühlenden Biontech-Impfstoff, sondern mit dem besser handhabbaren Astrazeneca-Impfstoff auch in Hausarztpraxen möglich sei.

Über den Autor
Redaktion Dorsten
Berthold Fehmer (Jahrgang 1974) stammt aus Kirchhellen (damals noch ohne Bottrop) und wohnt in Dorsten. Seit 2009 ist der dreifache Familienvater Redakteur in der Lokalredaktion Dorsten und dort vor allem mit Themen beschäftigt, die Schermbeck, Raesfeld und Erle bewegen.
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Berthold Fehmer

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