Gitarrenbauer suchen nach dem perfekten Klang

Ehepaar Kollmer

SCHERMBECK. Geheimnisse und Überraschungen hinter altgewohnter Fassade: In Schermbeck birgt die älteste Apotheke am Ort Gelegenheit, einen doppelten Boden zu entdecken. Hier unten im Keller baut das Apotheker-Ehepaar Barbara und Stephan Kollmer in seiner Freizeit akustische Gitarren, Einzelstücke von exquisiter Qualität.

SCHERMBECK

von Von Jana Magdanz

, 22.04.2011, 17:05 Uhr / Lesedauer: 2 min

Steigt man im Hinterzimmer des Verkaufsraums der St. Georg-Apotheke eine unauffällige schmale Treppe hinunter, tut sich eine ganz eigene Welt auf, die mit dem Anmischen heilsamer Salben nichts zu tun hat. In kleinen verschachtelten Kellerräumen stapeln sich Werkzeuge, Holzvorräte, halbfertige Gitarrenhälse, Schleifpapier, Schachteln mit Schellack und allerlei andere, rätselhafte Utensilien.Anleitungen und Schablonen

Es riecht köstlich nach einer Mischung aus Holz, Leim und Lack. Jede verfügbare Wandfläche ist mit Zeichnungen, Anleitungen und Schablonen verhängt. Eine richtige Zauberstätte, an der man nichts berühren will, weil das Chaos einer unsichtbaren, inneren Ordnung gehorchen könnte. "Ich bin auf der Suche nach dem perfekten Klang", erklärt Stephan Kollmer seine Leidenschaft, die den Freizeit-Musiker ganze Wochenenden ohne Sonnenlicht an der Werkbank verbringen lässt.

Zum Glück teilt seine Frau die Begeisterung für diese zeitraubende Freizeitgestaltung. Nur die Angestellten in der Apotheke wundern sich ab und an über den Holzstaub, der Stephan Kollmer gelegentlich hinter dem Ladentisch noch auf Jackett und Schuhen liegt.

Stephan Kollmer fertigt Jazz-, Western- und klassische spanische Gitarren. Einfach aus Freude am einzigartigen Klang, nicht um sie zu verkaufen. Immer wenn er die ersten Holzstücke zusammengestellt habe und sich auf den etwa 120 Arbeitsstunden dauernden Pfad bis zur Fertigstellung begebe, packe ihn eine Art Fieber. "Es ist eine regelrechte Sucht und in gewisser Weise auch eine Psychotherapie," beschreibt er den Ausbruch aus der katalogisierten Welt.Jede Gitarre klingt anders

Eine Gitarre aus dem konfektionierten Handel hat einen, dem Preis entsprechend kalkulierbaren Klang. Bei einem Unikat made by Kollmer ist der Moment, wenn die Saiten zum ersten Mal aufgezogen werden und erklingen, kaum vorherzusagen. Jede Gitarre klingt anders, jedes Holz hat seinen eigenen Charakter.

Gelernt hat er die Kunst des Gitarrenbaus im schweizerischen Tamins bei Werner Schär. Dorthin kommen inzwischen viele Interessierte aus der ganzen Welt und allen möglichen Berufen und lernen in Kursen das Gitarrenbauen.

Barbara und Stephan Kollmer haben dort gemeinsam einen Meisterkurs besucht und waren dazu 2008 drei Mal in Tamins. "Hält man am Ende die perfekt klingende Gitarre in den Händen, ist man sich nicht sicher, ob man sich freuen oder weinen soll", blickt Stephan Kollmer wehmütig auf dieses erste Erlebnis zurück. Ihm hat die Arbeit mit seinem Lehrer richtig viel Spaß gemacht.

Viele Erfahrungen gesammelt

Er und seine Frau haben viel gelernt in der Schweiz, aber bei jeder neu gebauten Gitarre kommen viel Wissen und Erfahrung durch das eigene Tun dazu. "Ich will wissen, wie man den Klang steuern kann", erklärt der Apotheker und zeigt die sonst unsichtbar im Inneren des Instruments verborgenen Streben unter der Decke, rund um das Schallloch. Höhen und Tiefen können mit kleinen aufgeleimten Holzstegen gezielt unterstützt oder zurückgefahren werden. Auf zehn eigene Gitarren blickt Stephan Kollmer inzwischen zurück. Seine Frau hat einige Kindergitarren gefertigt.

 Um noch mehr Praxiserfahrung zu bekommen, hat Stephan Kollmer schon einige Musikerfreunde mit seiner Euphorie angesteckt. Sie finden dann auch den Weg in seinen Keller und versinken in dieser ganz eigenen Welt, in der jeder Handgriff noch selbst ausgeführt, jede Unebenheit liebevoll und geduldig begradigt wird.

Sattes Klangerlebnis

Schon findet man sich selbst beim Lauschen auf den ganz eigenen Klang einer Haselfichte-Platte wieder und kann sofort einen Unterschied ausmachen: Eine Gitarre mit einer Decke aus diesem Holz wird völlig anders klingen, als eine aus Birne oder Eiche. Ein Knöchelklopfen an einen schon fertig gestellten Korpus verheißt ein sattes Klangerlebnis. Nur schade, dass zu Hause schon Klavier und Klarinette stehen. So eine selbst gebaute Gitarre - eigentlich ist es nie zu spät damit anzufangen.

 

 

Lesen Sie jetzt