Neue Ideen gegen schlechte Verkehrsanbindung - „ÖPNV ist den meisten zu kompliziert“

mlzBusse

Die laut Bürgermeister „katastrophale Situation“ des Busverkehrs am Rathaus soll mit einem millionenschweren Umbau entschärft werden. Und es gibt weitere Ideen zum Nahverkehr.

Schermbeck

, 12.03.2020, 14:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die schlechte Verkehrsanbindung Schermbecks war beim Ortsteil-Check einer der Hauptkritikpunkte. In Gahlen gaben die Befragten dem ÖPNV nur zwei von zehn Punkten - der schlechteste Wert, den die Umfrage im Verbreitungsgebiet der Dorstener Zeitung erzielte.

Nun kommt Bewegung in die Sache. Bürgermeister Mike Rexforth sagte am Dienstag im Haupt- und Finanzausschuss, dass in der nächsten Sitzung des Planungsausschusses (21. April) ein Plan zum Ausbau des Busbahnhofs am Rathaus vorgelegt werden soll.

Rückstau und Verkehrsgefährdung

Bis zu fünf Busse und zwei Gelenkbusse würden am Rathaus teilweise zur gleichen Zeit dort stehen. Das führe zu Rückstau und zu einer Verkehrsgefährdung, so Rexforth. Eine Lösung des Problems gebe es nur, „wenn wir eine zweite Spur hinzubekommen“.

Der VRR habe bereits eine Zusage gegeben über 1,16 Millionen Euro. Fahrradabstellanlagen sowie eine barrierefreie Toilette gehören zum Konzept. Der Eigenanteil der Gemeinde soll bei fünf Prozent liegen, so Rexforth, der allerdings damit rechnet, dass es insgesamt eher 15 Prozent sein werden, da die Planung teurer werde.

„Können nicht den öffentlichen Nahverkehr neu erfinden“

Kai Pachan vom „Büro für Verkehrs- und Stadtplanung Rödel und Pachan“ stellte den Entwurf des Nahmobilitätskonzepts der LEADER-Region Lippe-Issel-Niederrhein vor. „Wir können nicht den öffentlichen Nahverkehr neu erfinden“, sagte Pachan einschränkend - deshalb habe man Schwerpunkte gebildet: Mobilstationen, Bürgerbusse und ein Marketingkonzept.

Mobilstationen sollen mehrere Verkehrsmittel verknüpfen. In Schermbeck wären das Fahrräder, Autos und Busse. „Das Verkehrsverhalten der Menschen ändert sich“, sagte Pachan. Auf einem Weg zwei oder drei Verkehrsmittel zu nutzen, werde selbstverständlicher aufgrund der Möglichkeiten, die Smartphones bieten.

„Ein bis zwei Nummern zu groß“

Pachan zeigte Beispiele von Mobilstationen, unter anderem auch ein „Radhaus“ in Offenburg über mehrere Etagen. Manches bezeichnete Pachan als „für Schermbecker ein bis zwei Nummern zu groß“, sieht aber am Rathaus Schermbeck Bedarf für 48 Fahrradstellplätze. Schermbecks Antrag beim RVR in dieser Sache bedeute: „Damit waren Sie absoluter Vorreiter“, so Pachan. Kleinere Stationen empfiehlt Pachan im Gewerbegebiet, am Heggenkamp sowie an zwei Stellen in Gahlen.

Einen Bürgerbus-Verein für Schermbeck zu gründen, ist bislang nicht gelungen. „Das muss aus der Bürgerschaft kommen“, sagte Pachan: Verordnen könne man so etwas nicht. Er plane erst einmal mit professionellen Fahrern.

„Abends fährt fast nichts mehr“

Die Notwendigkeit für Bürgerbusse sieht Pachan vor allem in den Randzeiten. „An den Schultagen gibt es bis etwa 19, 20 Uhr ein ganz vernünftiges Angebot - aber dann geht´s los. Abends fährt fast nichts mehr.“ Und samstags und sonntags gebe es ebenfalls Probleme.

Zu Anruf-Sammel-Taxis (AST) oder Anruf-Linien-Taxis (ALT) sagt Pachan, dass diese sich nicht durchgesetzt hätten. „Man ruft nicht gerne an. Und es gibt Zweifel an der Zuverlässigkeit.“ „On-demand-Verkehr“ ohne feste Routen oder Fahrpläne werde in Duisburg getestet. Die Fahrpreise seien fast so hoch wie bei Taxis. Und: „Der Zuschuss-Bedarf ist nahezu irrsinnig.“

Busverkehr über Gemeindegrenzen hinaus

Eine Mischform schwebt Pachan in Schermbeck vor. Ein Busverkehr, zentral disponiert, der Gemeinde- und Verbundgrenzen überschreitet. Mit einem Pool an ehrenamtlichen und professionellen Fahrern besetzt, die Abend- und Wochenendzeiten abdecken.

Es solle verlässliche Fahrten geben, aber auch Fahrten, die Fahrgäste vorbestellen können. Ein bis drei Fahrzeuge pro Gemeinde schweben Pachan vor - „bei höherem Bedarf könnte man Taxis hinzuziehen“. Die Fahrzeiten der Bürgerbusse sollen reichlich bemessen werden. Bei Zugverspätungen in Dorsten oder Dinslaken sollen die Fahrzeuge beispielsweise abwarten.

Die blau gekennzeichnete Linie zeigt eine Strecke, die per Bürgerbus Hünxe, Gahlen und Schermbeck verbinden könnte.

Die blau gekennzeichnete Linie zeigt eine Strecke, die per Bürgerbus Hünxe, Gahlen und Schermbeck verbinden könnte. © BVS Rödel & Pachan

Mehrere mögliche Linien, etwa Hünxe-Gahlen-Schermbeck, stellte Pachan vor. Zu Dinslaken, Wesel und Dorsten, den benachbarten größeren Städten, sagte Pachan: „Dorsten ist der entscheidendste Magnet für die Gemeinde.“ Eine Linie nach Dorsten überschreite nicht nur die Gemeinde-, sondern auch die „Aufgabenträger-Grenze“: „Von der Sache her würde ich es für angemessen halten.“

Die Linien müsse man sich nicht wie starre Buslinien vorstellen, so Pachan, sondern eher wie Flächen. Heißt, die Fahrgäste würde auch nach Hause gefahren und von dort abgeholt werden - und die bestmöglichen Routen von einer Software errechnet.

Wesel wird bevorzugt

Pachan sprach sich für eine Anbindung an den Bahnhof Dinslaken aus - die Schermbecker Politiker plädierten jedoch eher für Wesel. Pachan wollte dies in die weitere Planung aufnehmen. Etwas detaillierter hätte die Verwaltung gern das angekündigte Marketingkonzept gehabt. „Wir wissen noch nicht genau, was wir da genau verkaufen“, kommentierte dies Pachan.

Werbung sei aber entscheidend: „ÖPNV ist den meisten Menschen zu kompliziert. Die Leute müssen wissen, wie ein On-demand-Bus funktioniert. Sie haben recht: Da können wir noch ein Brikett nachlegen.“

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