Klimaschutz-Preisträgerin stoppt Mähaktion des Bauhofs

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Mit ausgebreiteten Armen hat sich Hildegard Daldrup vor einen Traktor gestellt, um das Mähen einer Grünfläche zu verhindern. Für den Insektenschutz riskiert sie eine Strafanzeige.

Schermbeck

, 04.06.2020, 12:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Für zwei Mitarbeiter des Schermbecker Bauhofs begann die Mittagspause am Mittwoch eine halbe Stunde früher als geplant. Die Gahlenerin Hildegard Daldrup stellte sich mit ausgebreiteten Armen vor den Schmalspurtraktor mit Mähwerk, um das Mähen der Grünflächen zwischen Rathaus und Parkplatz zu verhindern.

Um das zu verstehen, ist ein Rückblick auf den 31. Oktober 2019 notwendig, als Daldrup wenige Meter weiter von Klimaschutzmanager Thomas Heer und Dirk Krämer von der Firma innogy im Beisein des Bürgermeisters Mike Rexforth den innogy-Klimaschutzpreis erhielt. Die Urkunde bescheinigt ihr ein „Engagement für bunte Vorgärten und gegen die Verbreitung von Schottergärten“. Die Gahlenerin hatte nicht nur ihren eigenen Vorgarten am Steinbergweg zu einem Insektenparadies umgewandelt, sondern an vielen Stellen in der Gemeinde Blumenwiesensamen verteilt.

Hildegard Daldrup hat oft Blumenwiesensamen dabei. Und verteilt diesen hier und da in der Gemeinde, wofür sie mit einem Preis ausgezeichnet wurde.

Hildegard Daldrup hat oft Blumenwiesensamen dabei. Und verteilt diese hier und da in der Gemeinde, wofür sie mit einem Preis ausgezeichnet wurde. © Berthold Fehmer (Archiv)

In der vergangenen Woche stellte die 74-Jährige fest, dass unweit ihrer Gahlener Wohnung Bauhofmitarbeiter an der Straße „Kirchweg“ jene blühenden Pflanzen beseitigt hatten, die sie kurz zuvor noch fotografiert hatte. „Es macht doch keinen Sinn, wenn Bürger etwas schützen, was die Gemeinde dann zunichte macht“, erklärt Hildegard Daldrup in der Rückschau ihre Verärgerung über das Handeln der Gemeinde.

Argumente ausgetauscht

Sie griff zum Handy, um Bürgermeister Mike Rexforth ihren Unmut zu erläutern. Da der Bürgermeister außer Haus war, sprach sie mit seinem Vertreter Gerd Abelt. Das längere Gespräch bot beiden Gesprächspartnern Gelegenheit, über den Sinn bzw. Unsinn der Mäharbeiten an Straßenrändern Argumente auszutauschen.

Ihr Ziel, das Einstellen der Mäharbeiten zu erreichen, um den Lebensraum für Insekten zu erhalten, konnte Hildegard Daldrup nicht erreichen. Als das Gespräch beendet war, stand für sie fest, dass sie ihren Protest fortsetzen würde, obwohl ihr der Verwaltungsmitarbeiter als Folgen ihres Handelns massive Konsequenzen angekündigt hatte.

„Ich habe keine Angst vor einer Strafanzeige“

„Ich habe keine Angst vor einer Strafanzeige“, begründete Hildegard Daldrup ihr konsequentes Vorgehen in einer Zeit, in der Wissenschaftler eindringlich vor der Verringerung der Artenvielfalt warnen. Auch der Hinweis auf gesetzliche Vorgaben, den sie von Abelt und einem weiteren Gemeinde-Mitarbeiter erhielt, konnte die Gahlenerin nicht beeindrucken. „Wenn Gesetze nicht mehr in die Zeit passen, dann müssen sie geändert werden“, sagt sie.

Dann sei es höchste Zeit, dass Verwaltungen im Interesse der Bürger beim Gesetzgeber vorstellig würden, „um den Unsinn zu beenden.“ Wer das Insektensterben nicht wahrnehme, müsse offensichtlich blind, aber zumindest unbelehrbar sein, so Daldrup. Zwei Tage suchte sie nach Mähaktionen im Straßenrandbereich.

Vor den Traktor gestellt

Am Mittwochmorgen traf sie am Rathaus auf Bauhofmitarbeiter, die schon einen Teil der Gräser und Blütenpflanzen abgemäht hatten. Kurzerhand stellte sie sich vor den Traktor und machte auch keine Anstalten, die Weiterfahrt zu ermöglichen, wodurch sie sich im Beisein zweier Zeugen ein paar Beschimpfungen einhandelte und den Wunsch des Traktorfahrers, in eine Klapsmühle eingewiesen zu werden.

Im Gespräch mit dem Bauhofleiter Peter Claessen und dem allgemeinen Bürgermeister-Vertreter Gerd Abelt hatte Hildegard Daldrup (v.l.) Gelegenheit, das Für und Wider von Mäharbeiten zu erörtern.

Im Gespräch mit dem Bauhofleiter Peter Claessen und dem allgemeinen Bürgermeister-Vertreter Gerd Abelt hatte Hildegard Daldrup (v.l.) Gelegenheit, das Für und Wider von Mäharbeiten zu erörtern. © Helmut Scheffler

Telefonisch bat Daldrup Gerd Abelt um ein Gespräch. Im Beisein des Bauhofleiters Peter Claessen und der Grünen-Fraktionsvorsitzenden Ulrike Trick war im Gespräch keine Annäherung der Positionen zu erkennen. Dem Pflanzenschutz standen die Argumente der Verwaltung gegenüber. „Die Banketten gehören zum Straßenbaukörper“, stellte Abelt fest. Sie seien nur nicht mit Asphalt bedeckt. „Wir sind Straßenbaulastträger und als solcher haben wir auch Verpflichtungen“, so Abelt.

Brandgefahr am Straßenrand

Er verweist auf die von der Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen e.V. (FGSV) erarbeiteten Vorgaben, die vom Gesetzgeber übernommen worden seien. Danach seien Kommunen zur Grünpflege im Straßenrandbereich verpflichtet. Als besondere Gefahrenpotenziale eines zu hohen Pflanzenbewuchses nannte Abelt die Brandgefahr durch weggeworfene Zigarettenstummel und Fahrzeugbeschädigungen durch im Bewuchs versteckte Gegenstände. Im Falle eines Gegenverkehrs würden Teile des Straßenrandbereiches zum Ausweichen benötigt.

„Unsere Welt ist bunt“, merkte Abelt gegen Ende des Gespräches an. Entsprechend bunt seien die Auffassungen der Menschen, wenn es um das Erscheinungsbild der Kommune gehe. Ulrike Trick griff die Bemerkung auf und verwies auf die Erler Straße, wo es „in den letzten Jahren schon Theater gegeben“ habe. Es müsste, folgerte sie, endlich ein gemeindliches Pflegekonzept entwickelt werden.

Daldrup will Preis womöglich zurückgeben

Daldrup will einen Bürgerantrag einreichen mit dem Ziel, dass sich der Gemeinderat mit dem zeitgemäßen Umgang einer Bepflanzung kommunaler Flächen beschäftigt. Sollte die Gemeinde dem nicht nachkommen, werde sie ihre Klimaschutzpreis-Urkunde zurückgeben. Nicht zurückgeben kann sie die vielen Beutel mit dem Blumensamen, die sie von dem Preisgeld in Höhe von 200 Euro gekauft und an interessierte Bürger abgegeben hat. Aus ihrem Inhalt sind inzwischen in privaten Gärten blühende Paradiese für Bienen und Schmetterlinge geworden.

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