Fünf tote und zwei verletzte Schafe hat ein Wolf Züchterin Christiane Rittmann im August hinterlassen. Sie beantragte und bekam eine Entschädigung - andere Nutztierhalter gehen leer aus.

Schermbeck

, 24.01.2019, 04:45 Uhr / Lesedauer: 5 min

Täglich erinnert wird Christiane Rittmann an den massiven Angriff eines Wolfs auf ihre Herde. Ob es damals wirklich Wölfin „GW954f“, auch Gloria genannt, war, konnten die Experten nicht mehr feststellen, da sich nach dem Wolf wohl auch ein Fuchs an den toten Schafen zu schaffen gemacht hatte. Ein eindeutiger DNA-Nachweis war dadurch nicht mehr möglich, aber alles passe zu Gloria, so das Landesamt für Natur-, Umwelt- und Verbraucherschutz auf der Internetseite wolf.nrw .

„Du bist verrückt!“

Ein Schaf, das damals in die Kehle gebissen wurde und überlebte, hat die 53-jährige behalten. „Du bist verrückt“, hätten ihr Berufsschäfer gesagt, das Tier werde Unruhe in die Herde bringen. Ganz unrecht hatten sie nicht. „Hektisch“ sei das Tier, schreckhaft und sehr vorsichtig, sagt auch die Gahlenerin. Alle anderen Schafe kämen angerannt, wenn sie mit dem Futtereimer komme, das gebissene Tier sei immer das letzte. Und manchmal renne das Schaf auf der Wiese auch scheinbar ohne Grund los „und die anderen hinterher“.

An Wolfsrisse haben sich Nutztierhalter 2018 im Wolfsgebiet Schermbeck gewöhnen müssen. Seit dem 13. April 2018 zählt das Landesamt für Natur-, Umwelt- und Verbraucherschutz auf wolf.nrw innerhalb des am 1. Oktober ausgerufenen Wolfsgebiets Schermbeck 19 nachgewiesene Fälle auf, in denen Wölfe ein oder mehrere Nutztiere gerissen haben.

Förderrichtlinie Wolf sieht Entschädigung vor

Gebetsmühlenartig wiederholte das LANUV bei bestätigten Wolfsrissen, dass betroffene Nutztierhalter über die Förderrichtlinie Wolf eine Entschädigung für die gerissenen Tiere sowie für angefallene Tierarztkosten erhalten können. Das scheint allerdings nicht für alle Nutztierhalter infrage zu kommen.

Dies ergab eine Anfrage bei den beiden zuständigen Bezirksregierungen Düsseldorf und Münster. Bis zum 1. Oktober, als Umweltministerin Ursula Heinen-Esser das „Wolfsgebiet Schermbeck“ ausrief, war die Bezirksregierung Düsseldorf für Entschädigungsleistungen nach Wolfsrissen in Schermbeck zuständig, seit dem 1. Oktober ist es Münster.

Verwirrung um Zuständigkeit

In Düsseldorf war dieser Fakt allerdings bis zu unserer Anfrage noch nicht angekommen. Am 9. Januar sagte Sprecherin Dagmar Groß, dass die Bezirksregierung Düsseldorf für die Entschädigung in ihrem Gebiet nach wie vor zuständig sei, nur die Präventionsförderung für Herdenschutzmaßnahmen liege in Münster - das habe ihr die zuständige Amtsleiterin gesagt. Nach dem Hinweis, dass dies im Oktober aber anders von der Umweltministerin kommuniziert wurde, ruderte Groß am 11. Januar zurück: Münster sei tatsächlich für die Entschädigung zuständig.

In der Zeit der Zuständigkeit der Düsseldorfer Bezirksregierung seien vier Anträge auf Entschädigung nach Wolfsrissen eingegangen, sagte Groß. „Drei aus Schermbeck, einer aus Hünxe“. Alle Anträge seien genehmigt worden. Insgesamt seien für diese Fälle knapp 2500 Euro zugesprochen worden.

Für die Münsteraner Bezirksregierung konnte Sprecherin Sigrun Rittrich zwei Anträge auf Entschädigung melden. Von diesen sei noch keiner genehmigt, da noch nicht alle Unterlagen vorlägen.

Wert der Tiere muss geschätzt werden

19 Fälle von bestätigten Wolfsrissen, aber nur insgesamt sechs Anträge auf Entschädigung? Eine Begründung dafür könnte sein, dass die Halter ihre Anträge noch stellen. Nach einem Wolfsriss vergehen zunächst rund vier oder mehr Wochen, bis das Senckenberg-Institut einen Wolfsnachweis per DNA-Probe führt. So wurden drei Fälle von Anfang/Mitte Dezember in Hünxe erst am 22. Januar vom Institut bestätigt. Nach der Bestätigung müssen die Nutztierhalter zudem noch den Wert ihrer Tiere schätzen lassen.

Beim Kreisveterinäramt musste Christiane Rittmann dafür Daten über ihre getöteten Schafe einreichen, etwa Größe, Gewicht, Alter und Rasse. Nachdem das Veterinäramt den Wert geschätzt hatte, reichte sie die Unterlagen irrtümlich zunächst in Münster ein, doch zum Zeitpunkt des Risses war noch Düsseldorf zuständig. Für ihre getöteten fünf ostfriesischen Milchschafe habe sie 795 Euro bekommen. „Völlig okay!“, sagt Rittmann, dem Zeitwert sei dies angemessen.

Einige Betroffene meiden den „Papierkram“

Die 53-Jährige sagt aber auch, dass sie von betroffenen Nachbarn wisse, die keinen Antrag auf Entschädigung stellten und auch keine Förderung für Präventionsmaßnahmen stellten. Während Rittmann den Entschädigungsantrag noch relativ unproblematisch empfand, sei der auszufüllende Antrag auf Präventionsmaßnahmen „umfassender“. „Ältere, die Papierkram nicht gewohnt sind“, scheuten den Aufwand, sagt sie.

Ein Schafzüchter, der nicht mit Namen genannt werden möchte, bestätigt dies. „Für eine Behörde erstaunlich schnell“, habe die Bezirksregierung Düsseldorf seinen Entschädigungsantrag genehmigt und auch ausbezahlt. „Innerhalb von 14 Tagen war die Entschädigung da.“ 100 Euro habe er pro Schaf erhalten, sagt der Züchter. Eine andere Züchterin, die drei Schafe verloren hat, erhielt zwischen 38 und 99 Euro pro Schaf. Der Züchter sagt: „Beim nächsten Mal werde ich mir überlegen, ob ich das Prozedere noch mal so mitmache.“

23.334 Euro für Schutzzäune

Die drei Züchter haben auch eine Förderung beantragt, um mit einem Zaun ihre Herden zu schützen. „Ich warte noch auf meinen Bescheid“, sagt die Züchterin, die nicht genannt werden möchte. Drei Angebote hätten sie einholen müssen, sagen Christiane Rittmann und der Züchter. Die beiden Damen, die in Münster die Anträge bearbeiten, sagen beide, hätten sich bemüht, die Abwicklung unkompliziert zu halten.

Sigrun Rittrich von der Bezirksregierung Münster sagt auf Anfrage, dass insgesamt 23.334 Euro für Schutzzäune ausgezahlt worden seien. Anträge auf Schutzhunde lägen noch nicht vor.

Insgesamt 45 Anträge auf Präventionsmaßnahmen seien im Wolfsgebiet Schermbeck gestellt worden, so Rittrich. Im Kreis Borken sieben, von denen bislang vier bewilligt wurden, im Kreis Recklinghausen fünf, von denen bislang keiner bewilligt wurde, im Kreis Wesel 25 (acht bewilligt). 13.551 Euro wurden im Kreis Wesel ausbezahlt, 3036 im Kreis Borken. Ein Präventionsantrag sei bislang abgelehnt worden, so Rittrich.

1,20 Meter hoch sind die roten Elektrozäune, mit denen Christine Rittmann ihre Schafe vor dem Wolf schützen will.

1,20 Meter hoch sind die roten Elektrozäune, mit denen Christine Rittmann ihre Schafe vor dem Wolf schützen will. © Berthold Fehmer

1,20 Meter hoch sind die roten Elektrozäune, die bei Christine Rittmann derzeit noch im Stall liegen. Einen Teil ihrer Wiesen hat sie schon eingezäunt, ein paar weitere sollen demnächst folgen. „Eine schöne Arbeit für den Winter“, sagt sie mit gequältem Lächeln. Mit dem Aufstellen ist die Arbeit aber nicht vorbei. Da Wölfe dazu neigen, sich unter Zäunen durchzugraben, müssen diese ziemlich nah am Boden verlaufen und regelmäßig freigeschnitten werden, damit der Stromfluss nicht gestört wird. 80 Prozent Förderung hat Rittmann für die Zäune erhalten, die Arbeit wird allerdings nicht bezahlt.

„Wenn man Schutzmaßnahmen ergreift und beispielsweise in Zäune investiert stellt sich die Frage, wer den Arbeitsaufwand und die Folgekosten trägt. Stromzäune müssen beispielsweise regelmäßig freigeschnitten werden. In all diesen Sorgen fühlen sich die Landwirte alleingelassen und hoffen auf klare Äußerungen der Politik“, so die Sprecherin des Rheinischen Landwirtschaftsverbands, Marilena Kipp, auf Anfrage: „Für die Landwirte bestehen viele Unsicherheiten. Wann bekomme ich Geld, wie beantrage ich es, wann bekomme ich eine Rückmeldung, ob es überhaupt ein Wolfsriss war usw.“ Der Verband setze sich dafür ein, dass „diese Prozesse beschleunigt werden, etwa die DNA-Untersuchungen.“

„Heimische Weidetierhaltung gefährdet“

Für Betroffene sei der Wolfsriss an sich nur der Anfang, so Kipp: „Er hat nicht nur mit dem Verlust des Tieres, sondern auch den Nachwirkungen zu kämpfen. Die Herden sind oft wochenlang verstört, es kann Kälber- und Lämmerverluste geben oder verletzte Tiere, die eingeschläfert werden müssen.“ Weidetierhalter seien durch die vielen Wolfsrisse und -sichtungen beunruhigt, attestiert Kipp: „Und wir fürchten, dass dies die Existenz unserer heimischen Weidetierhaltung gefährdet.“

Der Verband setzt sich für klare Richtlinien ein, wie mit auffälligen Wölfen umgegangen wird. „Es hätte längst eine Entscheidung gefällt werden können, was ein Problemwolf ist und ob man ihn entnimmt“, stimmt der Schafzüchter zu, der nicht genannt werden möchte und die politische Diskussion verfolgt: „Da will sich keiner hinstellen und sagen: Der wird geschossen.“ NRW-Umweltministerin Ursula Heinen-Esser äußerte beim Neujahrsempfang der Schermbecker CDU die Hoffnung, dass man in Sachen Problemwolf in einigen Monaten eine gesetzliche Regelung im Naturschutzgesetz schaffen werde.

Wildkamera aufgestellt

Dass Wölfin Gloria in den vergangenen Wochen nicht mehr mit Nutztierrissen aufgefallen ist, hängt für Rittmann vor allem damit zusammen, dass die meisten Tiere derzeit aufgestallt seien. Sie hat mittlerweile eine Wildkamera an einer Wiese aufgehängt. Einen Fuchs habe sie schon auf den Bildern gesehen, aber noch keinen Wolf. Die Wölfin, sagt sie, würde sie gerne mal sehen. „Das sind tolle Tiere - so lange sie meine Schafe in Ruhe lassen.“

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