Dass künftig die Johanniter-Unfallhilfe das Personal auf den Rettungswagen stellen soll, besorgt Petra Felisiak (SPD). Sie zweifele an, dass die Fahrer die Patienten schnell genug finden.

Schermbeck

, 04.10.2019, 11:42 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die Überarbeitung des Rettungsdienstbedarfsplans hat viele Menschen verunsichert, wie man an Diskussionen in Sozialen Medien verfolgen kann. Am Mittwoch stellten Lars Rentmeister und Ralf Dittmer vom Kreis Wesel im Haupt- und Finanzausschuss vor, wie die Versorgung von Patienten in Notfällen künftig geregelt werden soll.

Alle Dinge seien auf den Prüfstand gekommen, sagte Rentmeister und erklärte auch warum: Vorgeschrieben ist, dass nach Notrufen in 90 Prozent der Fälle die ärztliche Versorgung eines Patienten innerhalb von 12 Minuten erfolgt. Im Kreis Wesel liegt die Zahl bei 88,67 Prozent. Bürgermeister Mike Rexforth meldete Interesse daran an, solche Zahlen auch für Schermbeck zu erhalten.

Es geht nicht nur um Zahlen

Nur um Zahlen gehe es allerdings nicht, so Rentmeister. Wenn es nur um die 90 Prozent ginge, hätte man, „böse gesagt“, auch anders agieren können. „Wir bräuchten 500 Einsätze, um über die 90 Prozent zu kommen. In Moers ist das Einsatzaufkommen am höchsten. Dann tritt man der Feuerwehr Wesel dort in den Hintern und kreisweit ist alles gut? Das wäre ein schlechter Anspruch.“

Fakt ist: Selbst wenn alle Änderungen greifen, gibt es laut Rentmeister weiterhin Stellen im Gemeindegebiet (vor allem in Weselerwald und Dämmerwald), die nicht in 12 Minuten erreicht werden können. Man habe noch die Möglichkeit, die Ausrückezeiten um 40 bis 50 Sekunden zu verbessern, so Rentmeister. Das könne bereits helfen, aber man wolle nach den Änderungen nach einem Jahr evaluieren, ob weitere Maßnahmen nötig seien.

Eine hatte der Gutachter vorgeschlagen: eine Verlegung der Rettungswache (derzeit an der Schienebergstege) an den Westen des Ortskerns. Das werde aber zunächst zurückgestellt, so Rentmeister. Letztlich geht es auch um Kosten: Das Rettungswesen ist gebührenfinanziert, Kostenträger sind die Krankenkassen. Absehbar ist, dass die Veränderungen im Kreisgebiet zu einer Erhöhung der Kosten von 27 Millionen Euro auf mehr als 30 Millionen führt. Denn im Kreisgebiet sind neue Wachenstandorte geplant: etwa in Hamminkeln.

Schermbecker Notarzt-System

Eine Schermbecker Besonderheit hatte im Vorfeld auch zu Diskussionen geführt: Ärzte aus Schermbeck sind derzeit auch als Notärzte im Einsatz. Dazu habe der Gutachter kein Wort verloren, so Rentmeister, der aber nach Gesprächen mit der Schermbecker Verwaltung mitnahm, dass dieses System auch weiterhin erwünscht sei. Dittmer, der ärztliche Leiter des Rettungsdienstes, sprach mit den betreffenden Ärzten: Zwei hätten bereits die Qualifikation, einer sei dabei, diese zu erwerben. Mit den Kostenträgern sei dieser Punkt ebenfalls besprochen und genehmigt.

Bislang war es so, dass die Feuerwehr Wesel die Rettungswagenbesatzung in Schermbeck stellte. Das soll nun die Johanniter-Unfallhilfe übernehmen. „Die Qualifikation sämtlicher Kräfte ist identisch“, stellte Rentmeister fest. Auch die Ausstattung der Fahrzeuge sei gleich. Hintergrund sei, dass die Feuerwehr Wesel die neue Rettungswache in Hamminkeln mitversorgen solle. Die Johanniter übernähmen bereits jetzt in Wesel so viele Einsätze, wie sie in Schermbeck anfallen. Als Back-up, falls der RTW in Schermbeck ausfalle, sei die Feuerwehr Wesel weiterhin zuständig.

Mangelnde Ortskenntnis

Petra Felisiak (SPD) sagte, sie habe keine Zweifel an der Qualifikation der Johanniter, aber daran, dass diese die Patienten ohne Ortskenntnis so schnell finden könnten. Helfen, so Dittmer, soll ein neues Navigationssystem, das wesentlich schneller sei als das bisherige.

Rentmeister sagte, dass auch in der Vergangenheit immer mal wieder Personal ausgetauscht worden sei. Und die Johanniter auch jetzt schon teilweise in Schermbeck unterwegs seien. „Es kann sogar schwierig sein, wenn der Mitarbeiter sich auf seine Ortskenntnis verlässt. Im System werden nämlich Sperrungen, Baustellen und Einbahnstraßenregelungen eingespielt.“

Klaus Roth (BfB) bezweifelte allerdings auch, dass das Navi die Ortskenntnis schlage. Klaus Schetter (CDU) erinnerte daran, dass es auch früher schon Fluktuation beim Personal gegeben habe. „Hier fuhren auch schon Leute von der anderen Rheinseite.“

Weltuntergangsstimmung

Er sehe nicht die Problematik, die in den Sozialen Medien teilweise zu Weltuntergangsstimmung geführt habe, wenn die Fahrer nicht jeden Stein in Schermbeck kennen würden, so Schetter. Er fragte aber nach, wie 2008 an der Schienebergstege gebaute Rettungswache weiter finanziert werde. Bürgermeister Mike Rexforth: „Verträge müssen erfüllt werden.“ Er gehe davon aus, dass der Kreis weiterhin das Geld überweise, was von Rentmeister mit einem Nicken quittiert wurde.

Thomas M. Heiske (parteilos) fragte, wie die Frage grenzüberschreitender Rettungseinsätze gelöst sei, etwa in Östrich oder auf der Hardt. Rentmeister sagte, die Rettungsdienste seien verpflichtet, sich gegenseitig zu helfen. „Es ist aber eher so, dass der Rettungswagen von Dorsten in den Kreis Wesel fährt, als umgekehrt.“

Der Ausschuss nahm einstimmig den Rettungsdienstbedarfsplan zur Kenntnis, Petra Felisiak enthielt sich der Stimme.

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