Das Verwaltungsgericht in Düsseldorf hat den Antrag eines Hünxer Schäfers auf Abschuss der Wölfin Gloria abgelehnt. © Helmut Scheffler
Wolfsgebiet Schermbeck

Verwaltungsgericht fällt Urteil über Gloria: Wölfin darf weiterleben

Das Verwaltungsgericht Düsseldorf hat am Donnerstag über die Klage eines Schäfers entschieden, der den Abschuss von Wölfin Gloria beantragt hat. Gloria darf weiterleben. Das sind die Gründe.

Vor der Verhandlung hatten 10 Berufsschäfer, Hobbyschäfer, eine Pferdehalterin, und ein Vertreter des Schafzucht-Verbands NRW vor dem Verwaltungsgericht ein Transparent mit der Aufschrift „Wir lieben & pflegen den Niederrhein“ hochgehalten. Große Aufmerksamkeit erhielten die Aktion und die Verhandlung seitens der Medien, deren Vertreter zum Teil in einem separaten Raum untergebracht waren und über Lautsprecher der Verhandlung folgten.

Vor dem Verwaltungsgericht in Düsseldorf hatten Schäfer auf ihre Lage im Wolfsgebiet Schermbeck mit einem Transparent aufmerksam gemacht.
Vor dem Verwaltungsgericht in Düsseldorf hatten Schäfer auf ihre Lage im Wolfsgebiet Schermbeck mit einem Transparent aufmerksam gemacht. © Helmut Scheffler © Helmut Scheffler

Zur Begründung des Urteils führte der Vorsitzende Richter Dr. Christoph Werthmann aus, dass die Tötung oder andere Entnahmen von Wölfen nach dem Bundesnaturschutzgesetz (BNatSch.G) grundsätzlich verboten seien.

Die Erteilung einer Ausnahmegenehmigung setze voraus, dass dem Schäfer durch den Wolf ein ernster wirtschaftlicher Schaden drohe und es keine zumutbare Alternativen zur Entnahme des Tieres gebe. Die Kammer habe nicht die Überzeugung gewinnen können, dass der Schäfer auch in Zukunft mit der erforderlichen Wahrscheinlichkeit und der gebotenen Häufigkeit von Übergriffen der Wölfin „Gloria“ auf seine Herde betroffen sein werde, die einen ernsten wirtschaftlichen Schaden für ihn befürchten ließen.

Kein 100-prozentiger Schutz

Selbst wenn es der Wölfin in Einzelfällen gelungen sein sollte, den empfohlenen und dem Schäfer zumutbaren Herdenschutz in Gestalt von Elektrozäunen zu überwinden, so gebe es derzeit keine Anhaltspunkte dafür, dass sich die Wölfin zunehmend auf die Bejagung von Schafen spezialisiert hätte und Herdenschutzzäune hiergegen keinen Schutz mehr bieten würden. „Ein 100-prozentiger Schutz“, so der Richter, „ist nicht möglich und auch nicht zu erwarten.“

Der dreiminütigen Urteilsverkündung nach einer eineinhalbstündigen Beratungspause des Gerichtes ging eine zweieinhalbstündige mündliche Verhandlung voraus. Aus der Klageschrift und der kontroversen Diskussion zwischen dem Kläger, den Mitarbeitern des Kreises Wesel, Klaus Horstmann und Maria Stredicke, sowie dem Mitarbeiter des LANUV, Matthias Kaiser, ging hervor, dass seit 2018 in elf Fällen Wölfin „Gloria“ die Schafherde des Hünxer Schäfers bereits heimgesucht hat.

Foto erstmals vorgelegt

Der Kreis hatte das nach Rücksprache mit dem Umweltministerium abgelehnt, wogegen der Schäfer vor dem Verwaltungsgericht Düsseldorf klagte. Ausführlich wurden mehrere Fehler der Beurteilungen von Schafsrissen seitens des LANUV geschildert, die Kaiser teilweise entkräften konnte, unter anderem durch ein in der Sitzung erstmals vorgelegtes Foto vom 11. November 2020, das eine zu geringe Zaunhöhe beweisen sollte, aber den Klägern trotz Aufforderung nicht als Beweis vorgelegt worden war.

Gegen das Urteil ist eine Berufung beim Oberverwaltungsgericht für das Land Nordrhein-Westfalen in Münster möglich. „Wir warten erst einmal auf die ausführliche Darstellung der Entscheidungsgründe im Rahmen der Urteilsbegründung“, sagte Rechtsanwalt Stefan Steinkühler.

Der Anwalt und sein Mandant zeigten sich enttäuscht darüber, dass die fehlerhaften Bewertungen von Schafsrissen ebenso wenig in das Urteil eingeflossen waren wie die Tatsache, dass es auch nach zweieinhalb Jahren immer noch keine Klarheit darüber gebe, was man unter einem ausreichenden Herdenschutz zu verstehen habe. Unterdessen, so der Schäfer, gingen die Übergriffe von „Gloria“ am Niederrhein weiter zum Schaden vieler Tierhalter.

Stall für 150.000 Euro

Ein kleiner Trost für ihn: Während der Verhandlung konnte eine Fehlinformation der Öffentlichkeit beseitigt werden. Sein 150.000 Euro teurer neuer Stall, der zwecks Einstallung der Schafe in diesem Jahr entstand, wurde nicht mit einer öffentlichen Förderung errichtet, sondern ausschließlich von ihm selber.

Im Stall des Hünxer Schäfers sind die Schafe sicher – auf der Weide nicht. Das Düsseldorfer Verwaltungsgericht verhandelte über die Tötung der Wölfin „Gloria“. © picture alliance/dpa © picture alliance/dpa

„Durch das Urteil haben wir ein Stück Rechtssicherheit mehr bekommen“, bewertete Klaus Horstmann als Leiter des Fachdienstes Naturschutz beim Kreis Wesel das Urteil. Das Gericht folge der Auffassung des Kreises Wesel, des LANUV und des Umweltministeriums NRW, ließ der Kreis am Nachmittag verlauten. Landrat Ingo Brohl, der zuvor im Gegensatz zu seinem Vorgänger Dr. Ansgar Müller den Abschuss der Wölfin GW954f gefordert hatte, teilte mit, bei allen berechtigten persönlichen Sichtweisen und der vorhandenen Emotionalität, mit der die Diskussion um die Wölfin geführt werde, trage der Richterspruch hoffentlich zu einer gewissen Versachlichung bei.

In einer ersten Stellungnahme sagte Bürgermeister Mike Rexforth, dass das Urteil so zu akzeptieren sei. „Damit ist für alle Beteiligten, inklusive Landrat klar, dass eine Entnahme aktuell nicht rechtssicher möglich ist“, so Rexforth. Man müsse nun abwarten, wie sich das Wolfsrudel weiter verhalte. Er hoffe, dass das Land den Tierhaltern nun so viel Unterstützung wie möglich gewähre, „um dem Urteil gerecht zu werden“.

BUND tritt für wirksamen Herdenschutz ein

Diesen Gedanken nahm auch Holger Sticht, Landesvorsitzender des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland auf: „Das Urteil sollte zum Anlass genommen werden, die Unterstützung für Tierhalter weiter zu verbessern. Denn nur ein wirksamer Herdenschutz wird einen nachhaltigen Beitrag dazu leisten, den Konflikt zu lösen und weitere Konflikte zu vermeiden.“ Er begrüßte die Entscheidung des Gerichts: „Eine Tötung des Tieres war auch in keiner Weise begründet. Vor allem hätte es keinen Beitrag dazu geleistet, den Konflikt vor Ort zu entschärfen.“

Überrascht zeigte sich der Gahlener Schafshalter Matthias Rittmann über eine Äußerung des LANUV-Vertreters Kaiser. Der hatte in der Sitzung behauptet: „Wir erstellen keine Protokolle über Risse.“ Die Bezirksregierung, so Rittmann, verlange ein amtliches Rissprotokoll, damit ein Tierhalter eine Entschädigung für ein totes Tier bekommen könne. Ein solches Protokoll sei aber bislang stets vom LANUV erstellt worden.

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Redaktion Dorsten
Berthold Fehmer (Jahrgang 1974) stammt aus Kirchhellen (damals noch ohne Bottrop) und wohnt in Dorsten. Seit 2009 ist der dreifache Familienvater Redakteur in der Lokalredaktion Dorsten und dort vor allem mit Themen beschäftigt, die Schermbeck, Raesfeld und Erle bewegen.
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Berthold Fehmer
Freier Mitarbeiter
Im Verlauf von mehr als vier Jahrzehnten habe ich das Zusammenwachsen von acht ehemals selbstständigen Gemeinden miterlebt, die 1975 zur Großgemeinde Schermbeck zusammengefügt wurden. Damals wie heute bemühe ich mich zu zeigen, wie vielfältig das Leben in meinem Heimatort Schermbeck ist.
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Helmut Scheffler

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