Wie Familie Soßdorf aus der DDR über das Gefängnis in die Freiheit flüchtete

mlzBuch über DDR-Flucht

Mit ihren beiden Söhnen (fünf und acht Jahre alt) wollte das Ehepaar Soßdorf 1981 aus der DDR flüchten. Der Weg in die Freiheit führte die Familie zunächst ins Gefängnis.

Schermbeck

, 13.11.2019, 13:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

In zwei kleinen Dörfern in der Nähe von Eisenach (Thüringen) sind Ilona und ihr Mann Karl-Otto Soßdorf 1952 geboren worden. Heute leben beide in Schermbeck, doch es war ein harter und teils dramatischer Weg dorthin. Ihre Erinnerung an die Flucht aus der DDR hat Ilona Soßdorf nach 38 Jahren nun im Buch „Die Nachtwanderung - das Abenteuer unseres Lebens“ aufgeschrieben.

„Das war uns alles zu eng“

„Wir fühlten uns eingeengt“, sagt Ilona Soßdorf zur Motivation für die Flucht. „Wir konnten unsere Meinung nicht äußern, nur Länder, die wir schon kannten bereisen. Das war uns alles zu eng. Wir haben immer gesagt, es soll für die Zukunft unserer Söhne sein.“ Wohlwissend, was sie ihnen damit zumuteten.

Das Ehepaar lernte über Bekannte ein Ehepaar aus Dorsten kennen. Den Namen will Ilona Soßdorf nicht öffentlich machen. Der Dorstener, mittlerweile verstorben, habe anfangs von der Flucht abgeraten. „Als er gemerkt hat, dass wir nicht davon abzubringen waren“, habe er recherchiert und gemeinsam mit dem Ehepaar den Fluchtplan entwickelt. Von Rumänien wollten die Soßdorfs die Grenze zu Jugoslawien überqueren. Hinter der Grenze wollte der Dorstener auf die Familie warten und sie in die Botschaft nach Belgrad bringen. Doch es kam anders.

Eindringlich schildert Soßdorf im Buch, wie sie mit ihrem Mann kurz vor der Grenze „von Kopf bis Fuß in Schwarz gekleidet“ in einer lauen Sommernacht die „Nachtwanderung“ starten. 20 Kilometer, an Wachtürmen vorbei, über Stacheldrähte, durch ein Maisfeld, über einen Bach. Immer weiter. „Ich begann zu hoffen, dass wir nach all diesen überwundenen Hindernissen bereits auf jugoslawischem Gebiet seien“, so Soßdorf.

„Wenn wir sie nicht festhielten, kippten sie einfach um“

„Unsere Kinder waren müde und völlig erschöpft. Wenn wir sie nicht festhielten, kippten sie einfach um ... Manch anderes Kind hätte zu diesem Zeitpunkt lauthals geweint. Unsere Söhne nicht. Darauf sind wir heute noch stolz“, schreibt Soßdorf.

Auf einem Friedhof legt sie sich mit ihren Söhnen hinter ein paar Grabsteine, ihr Mann erkundet die Umgebung. Hundegebell weckt die Schlafenden. Drei bewaffnete Männer in Uniform stehen vor ihnen. Soßdorf: „Meine Hände zitterten so sehr, dass ich nicht mal meine Tasche öffnen konnte, um ihnen unsere Papiere zu zeigen.“ Als ihr Mann zurückkommt, wissen beide: „Hier endete unsere Flucht.“ Kurz vor der jugoslawischen Grenze.

„Wenn Sie wollen, können Sie wieder nach Hause fahren“

Das Ehepaar wird einem rumänischem Polizisten vorgeführt. Sie erzählen ihm ihre Geschichte. Er sagt: „Wenn Sie wollen, können Sie wieder nach Hause fahren. Sie müssen nur sofort das Land verlassen.“ Mit den Kindern auf dem Schoß und „Tränen in den Augen“ lehnt das Ehepaar ab. Zusammen mit den Kindern werden beide unter strengster Bewachung von Behörde zu Behörde gereicht, kurze Zeit in Bukarest auf dem Flughafen inhaftiert und danach von der Staatssicherheit in die DDR geflogen.

In der DDR wurde das Ehepaar zu Haftstrafen verurteilt: ein Jahr und zehn Monate für Karl-Otto Soßdorf, ein Jahr und elf Monate für seine Frau. Warum einen Monat mehr? „Ich hatte Schmuck in der Tasche für 1800 Ostmark.“ Der zusätzliche Vorwurf lautete demnach „illegale Ausfuhr von Devisen“.

Katastrophale Haftbedingungen

Das Paar wurde getrennt voneinander inhaftiert. Ilona Soßdorf schildert die katastrophalen Haftbedingungen in Hoheneck. Ihr Mann saß in Cottbus. Nach zehn Monaten werden sie von der Bundesrepublik Deutschland freigekauft, auf Betreiben ihres Onkels aus Kassel. Erst kommen die Soßdorfs in Dorsten bei ihren Freunden unter, bekommen dann eine Wohnung in Schermbeck.

Und ihre Kinder? Die sieht das Ehepaar erst sechs Monate später wieder. Den Großeltern waren die Kinder übergeben worden. „Sie lebten in unserer Wohnung“, so Ilona Soßdorf, und seien vom Umfeld gut umsorgt worden, auch von den Lehrern. „Alle haben anders gehandelt, als es der Staat verlangt hat. Sie waren schließlich Kinder von Staatsfeinden.“

Söhne machten den Eltern nie Vorwürfe

Wie war der Moment, als die Familie wieder vereint war? „Ich kann das nicht beschreiben“, sagt Ilona Soßdorf. „Ich sehe sie noch heute vor mir stehen.“ Ihre Söhne, heute 43 und 46 Jahre alt, hätten ihren Eltern nie Vorwürfe gemacht.

In Schermbeck schmiedete das Ehepaar sein eigenes Glück. Karl-Otto Soßdorf, gelernter Maurer, hatte Beschwerden mit der Bandscheibe und wechselte in ein niederländisches Unternehmen, das Türen montierte. Er gründete sein eigenes Unternehmen und baute dort schließlich selbst Schiebetüren. Ilona Soßdorf übernahm dort die Buchhaltung. „Der Mercedes unter den Schiebetüren“, so habe ein Architekt die Produkte der Firma einmal genannt.

88 Mitarbeiter hat die Firma „KOS Spezialtüren“ heute - 2014 verkaufte das Ehepaar das Unternehmen, das immer noch unter dem Namen firmiert.

Über sich und ihr Buch sagt Ilona Soßdorf selbst: „Ich bin keine Schriftstellerin.“ 38 Jahre habe sie das Aufschreiben ihrer Geschichte vor sich hergeschoben. Die positiven Reaktionen ihres Umfelds bewogen sie, sich einen Verlag zu suchen. Das Buch ist erhältlich zum Preis von 12,90 Euro und kann online bei Amazon und Thalia bestellt werden.

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