Bis zum 23. März 1945 erinnerte in der Schermbecker Georgskirche ein 120 Meter langes Wolfsnetz an die Art und Weise, wie man bis zum frühen 19. Jahrhundert die Jagd auf Wölfe gestaltete. © Helmut Scheffler (Repro)
Wolfsgebiet Schermbeck

Wolfsrüde flüchtete aus dem Dämmerwald und starb in Lembeck

Wenn in früheren Jahrhunderten Wölfe in Schermbeck und Umgebung gesichtet wurden, läuteten die Glocken. Das war das Zeichen zur Jagd. Ein Wolfsrüde flüchtete 1826 aus dem Dämmerwald.

Wölfe in freier Wildbahn? Selbst die ältesten Schermbecker hatten in freier Wildbahn so etwas nie gesehen. Bis 2018 die ersten Wolfsrisse von Nutztieren im Raum Schermbeck und Hünxe auftraten, die Weseler Jägerin Sabine Baschke im Jahre 2018 eine Wölfin in Hünxe fotografierte und am 1. Oktober 2018 das NRW-Umweltministerium die Region um Schermbeck zum ersten Wolfsgebiet in NRW erklärte.

Ein Blick in die heimatkundliche Literatur beweist, dass bereits vor mehr als 200 Jahren Wölfe als ungeliebte Raubtiere in der Region ansässig waren und in Zeiten ohne den seit 1992 gewährten europäischen Schutz als „die gefürchtetsten von allen vierbeinigen Raubgesindeln“ von den Menschen gejagt wurden

„Der Nimmersatt konnte großen Schaden anrichten“

Aus den Protokollen des Gahlener Bauerngerichtes ist bekannt, dass 1767 die geplante Versammlung auf den 9. Juni verschoben werden musste, weil am geplanten Termin eine Wolfsjagd stattfand. „Der ‚Nimmersatt‘ konnte großen Schaden anrichten“, berichtete Walter Neuse (1881-1960) im 1959 erschienenen Heimatkalender des Kreises Dinslaken über die „Wolfsjagd mit Netz und Lappen“.

Um die Tötung der Wölfing „Gloria“, hier eine Aufnahme aus einer Wildkamera, geht es in dem Prozess. Das Tier hat mehrere Schafe des Klägers gerissen.
Um die Tötung der Wölfing „Gloria“, hier eine Aufnahme aus einer Wildkamera, geht es in dem Prozess. Das Tier hat mehrere Schafe des Klägers gerissen. © pd © pd

Der dreiseitige Aufsatz erinnert daran, dass im Jahre 1649 auf Spellekens Hof in Voerde-Holthausen zwei Pferde durch den Wolf starben und dass 1728 auf der Gemeindewiese des Dorfes Mehrum „von 7 Wölfen 23 Stück Vieh zerrissen“ wurden.

Am 12. Juli 1734 teilte der Schermbecker Richter Schürmann mit, dass „ein Wolf vor wenigen Tagen 2 Rinder und einen Ochsen gerissen hat.“ Am 22. September 1748 meldete Schürmann: „Seit 14 Tagen sind 3 Wölfe im Dämmerwald. Auf 3 Höfen in Drevenack ist je eine Kuh gerissen. Haus Winkel (an der Lippe, oberhalb Wesel) hat in der vorgestrigen Nacht durch den Wolf 3 Kühe verloren.“ Nach einer Nachricht aus Bislich vom 30. August 1748 sind dort wenige Wochen vorher 7 Kälber gebissen und gefressen worden.

Schwer zugängliches Wolfslager

„Sein Lager hatte der Wolf in den großen Waldungen von Hiesfeld, Hünxe, Gartrop, im Weseler und Dämmerwald, im Reichswald, und zwar an solchen Stellen, die durch nassen, sumpfigen Untergrund schwer zugänglich waren“, schilderte Walter Neuse die Lebensweise der Wölfe. Gerne hätten sie sich auch auf den Warden am Rhein aufgehalten, „jenen durch Anschwemmung entstandenen und mit dichten Weidengestrüpp bestandenen Inseln und Halbinseln.“

1757 habe der Förster Friedrich Stegemann im Hiesfelder Wald eine alte Wölfin mit 6 Jungen angetroffen und 5 Junge erwischt. 1781 wurde ein Wolfsnest bei Werrich gefunden, drei Junge Wölfe konnten dabei gefangen werden.

Glocken läuteten zur Jagd

Wenn in einem Ort ein Wolf gesehen oder vermutet wurde, ordneten die zuständigen Behörden zeitnah eine Jagd an. Vielerorts wurde durch Glockenschläge zur Jagd aufgefordert, in Hünxe durch das Rühren einer Wolfstrommel, in Hiesfeld durch den Bauernmeister und in Spellen durch einen Schöffen.

Walter Neuse berichtet von einer Anordnung aus dem Jahre 1536, nach der jeder Untertan verpflichtet gewesen sei, dem Aufruf zur Wolfsjagd Folge zu leisten. Im Heimatkalender 1957 des Kreises Rees berichtet der Flürener Heinrich Krusdick von einer „vollständigen Liste der Eingesessenen aus den Gemeinden Drevenack, Weselerwald, Damm, Dämmerwald und Bricht, die bei einer Wolfsjagd dienstverpflichtet waren.“ Von den insgesamt 243 verpflichteten Personen kamen 95 aus Drevenack, 27 aus Weselerwald, 73 aus Damm, 17 aus Dämmerwald und 31 aus Bricht.

Wolf flüchtete vor Jägern

Über eine große Wolfsjagd im Jahre 1826 gibt es umfangreiche Aufzeichnungen. Am 22. September 1826 teilte der Gahlener Bürgermeister Schmidt dem Schermbecker Amtsbürgermeister Maaßen mit: „Es hat sich gestern in dem Hünxer Wald ein Wolf sehen lassen, der von den Gartropschen Jägern angeschossen worden ist. Ich habe zwar heute durch eine allgemeine Jagd auf den Hünxer Wald versucht, dieses Thier habhaft zu werden, ohne daß solches gelungen. Der Wolf wurde zwar gesehen, ging aber durch die Treiber und hat seinen Weg in Richtung des Gartropschen Busches nach der Lippe genommen.

Schmidt weiter: „Da es leicht möglich ist, daß dieser Wolf zum Daemmer Walde sich begeben, so ermangele ich mich nicht, Euer Wohlgeboren hiervon zu benachrichtigen. Ich bemerke hierbei, wie hier im Walde des Nachts vom 19./20. zwei Rinder von diesem Wolf getötet, auch in der Nacht vom 18./19. in einem Schafstall in Gahlen 6 Schafe gewürgt worden, welches aller Vermuthung zufolge durch diesen Wolf geschehen.“

Hunderte jagten den Wolf

Maaßen schrieb umgehend an den Landrat des Kreises Rees mit der Bitte, eine Jagd durchführen zu dürfen. Am 26. September 1826 erteilte der Landrat von Bernuth die Genehmigung. Bereits am Tag vorher hatte Maaßen den Brüner Forstinspektor Hölscher angewiesen, mindestens 300 Personen zur Jagd zu entsenden.

Zwei Schreiben, die der Flürener Heimatforscher Klaus Bambauer im Diersfordter Schlossarchiv fand, belegen, dass auch der Hamminkelner Bürgermeister Ising und der Geheimrat Christoph Alexander Freiherr von Wylich zu Diersfordt am 25. September 1826 um personelle Unterstützungen bei der Wolfsjagd gebeten wurden.

Flucht endete in Lembeck

Trotz des großen personellen Aufgebotes konnte der Wolf im Dämmerwald am 26. September nicht erlegt werden. Wie aus dem Abschlussbericht des Bürgermeisters Maaßen vom 28. September 1826 hervorgeht, hat der Wolf die Treiberlinie durchbrochen und sich in die Lembecker Waldungen flüchten können, wo er allerdings „von den dortselbst aufgestellten Schützen des nämlichen Tages“ erlegt worden sei.

„Es war ein alter Wolfsrüde, der sich infolge des voraufgegangenen strengen Winters in die hiesige Gegend verlaufen hatte“, stellte Hermann-Josef Schwingenheuer in seinem Aufsatz „Der Wolf in der Geschichte unserer Heimat“ fest, der im Heimatkalender der Herrlichkeit Lembeck 1933 erschien. Es war zugleich der letzte Wolf, den man im Raum Hünxe und Schermbeck in den nächsten 192 Jahren zu sehen bekam.

Wolfsnetze erinnerten lange an die Wölfe

An die Jagd mit Wolfsnetzen erinnerten lange zwei Netze in Schermbecker und Hünxer Kirchen. Bei der Neugestaltung der Schermbecker Georgskirche wurde 1928 ein 120 Meter langes Wolfsnetz im Hauptschiff aufgehängt. Das Netz verbrannte im Zuge eines Bombenangriffs der Alliierten am 23. März 1945. Das 200 Meter lange und 300 Kilogramm schwere Hünxer Wolfsnetz, das aus bleistiftstarken Hanfseilen geflochten war, hing schon im Spritzenhaus und in der Dorfkirche, bevor es im Jahre 2002 in der Eingangshalle des Hünxer Rathauses aufgehängt wurde.

Das Gahlener Wappen mit seinen drei Wolfsangeln erinnert an eine früher praktizierte Art der Jagd.
Das Gahlener Wappen mit seinen drei Wolfsangeln erinnert an eine früher praktizierte Art der Jagd. © privat © privat

Die drei Wolfsangeln im Wappen der bis 1975 selbstständigen Gemeinde Gahlen erinnern an eine Methode des Jagens, die noch im frühen 19. Jahrhundert praktiziert wurde. Die mit Widerhaken versehenen Enden wurden mit Ködern bestückt und an Baumästen befestigt. Sprang der Wolf hoch, um den Köder zu schnappen, blieb er am Haken hängen, sodass er allmählich verblutete.

Über den Autor
Freier Mitarbeiter
Im Verlauf von mehr als vier Jahrzehnten habe ich das Zusammenwachsen von acht ehemals selbstständigen Gemeinden miterlebt, die 1975 zur Großgemeinde Schermbeck zusammengefügt wurden. Damals wie heute bemühe ich mich zu zeigen, wie vielfältig das Leben in meinem Heimatort Schermbeck ist.
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Helmut Scheffler
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