Beim Fußball-Weltverband Fifa soll es Pläne geben, den Videobeweis (hier beim Champions-League-Spiel zwischen Borussia Mönchengladbach und Inter Mailand) auch im Amateurbereich einzuführen. © picture alliance/dpa
Fußball

Videobeweis in der Kreisliga? Der Kreis-Schiedsrichter-Chef bezieht Stellung

Beim Weltfußballverband Fifa soll es Pläne geben, den „Video Assistent Referee (VAR) light“ im Amateurfußball einzuführen - eine Bereicherung im Sinne des Sports oder blanker Unsinn?

Über das Thema Videobeweis und weitere Aspekte rund um das Schiedsrichterwesen haben wir mit Lars Lehmann (37), Vorsitzender des Kreisschiedsrichterausschusses im Fußballkreis Iserlohn, gesprochen.

Herr Lehmann, halten Sie die Einführung des Video-Schiedsrichters im Amateurfußball für ein realistisches Szenario?

Flächendeckend wird das wohl kaum möglich sein – wir sprechen über Amateurfußball. Elfmeter oder nicht – das sollte nicht anhand von Handy-Kameras oder Livestream-Angeboten wie „Sporttotal“ oder „Soccerwatch“ entschieden werden. Etwas Anderes ist es, wenn Urteile nach Schlägereien oder Ausschreitungen gefällt werden, da waren Videos auch in der Vergangenheit schon hilfreich.

Wie stehen Sie denn insgesamt zum Thema Videobeweis im Fußball?

Grundsätzlich finde ich technische Unterstützung für die Schiedsrichter immer gut – man kann eben nicht immer alles sehen. Aber als Fan muss ich sagen, dass viele Dinge nicht so laufen, wie sie laufen sollten. Okay, ich habe ein schwarz-gelbes Herz – aber wie ein solcher Elfmeter wie am Mittwoch für Lazio Rom gepfiffen wird, ist einfach nicht nachvollziehbar.

Von den Profis zum Fußball auf Kreisebene: Was können Sie tun, um die Schiedsrichter in Zeiten des Sport-Lockdowns bei der Stange zu halten?

Wir sind bei unseren Monatsschulungen im normalen Turnus geblieben, sind aber natürlich ins Online-Format gewechselt. Da gibt es dann zum Beispiel einen Lehrteil anhand von Videos, die wir zeigen und über die wir sprechen, oder auch Regeltests über eine App. Wichtig ist uns dabei, dass wir weiterhin im Austausch mit allen Schiedsrichtern bleiben.

Hat Corona sich negativ auf die personelle Situation bei den Schiedsrichtern im Kreis Iserlohn ausgewirkt?

Wir hatten kürzlich eine Konferenz mit den Schiedsrichter-Obleuten aus ganz Westfalen. Der Kollege aus dem Kreis Soest hat berichtet, dass sie 20 Prozent ihrer Schiedsrichter unter anderem wegen Corona verloren haben. Von so einer Entwicklung sind wir im Kreis Iserlohn zum Glück verschont geblieben. Wegen Corona hat bei uns noch keiner aufgehört.

Das heißt, der Kreis Iserlohn ist mit Schiedsrichtern nach wie vor gut aufgestellt?

Ja, wir sind noch gut aufgestellt. Aber ich schicke mahnende Worte an die Vereine. Denn wenn wir gemeinsam nichts tun, sind wir bald nicht mehr gut aufgestellt. Es gibt einige Kollegen, die pfeifen sonntags ein Spiel um 11 Uhr und eines um 15 Uhr. Wenn es diese Kollegen, die zwei Spiele an einem Tag pfeifen, nicht gäbe, könnten wir nicht mehr alle Spiele im Seniorenreich mit einem Unparteiischen besetzen. Dann müsste in der C-Liga ein Trainer oder Betreuer pfeifen. Das wollen wir natürlich nicht.

Daher bitte ich den mehrfach an die Vereine kommunizierten Wunsch, uns neue Schiedsrichter zu den Lehrgängen zu schicken, sehr ernst zu nehmen.

Gibt es denn frisches Blut bei den Schiedsrichtern des Kreises?

Wir hatten im Herbst einen Lehrgang, nach dem es zwölf neue Schiedsrichter gibt. Leider haben sie wegen Corona noch kein einziges Spiel gepfiffen. Aber auch hier sind wir zumindest über Online-Schulungen im Austausch mit den neuen Schiedsrichtern.

Und wie sieht es mit der eigenen aktiven Schiedsrichter-Laufbahn aus?

Ich hatte schon letztes Jahr für mich entschieden, als aktiver Schiedsrichter aufzuhören – auch weil wir im September zum zweiten Mal Nachwuchs bekommen haben. Ich war in der Regionalliga vor bis zu 15.000 Zuschauern bei Spielen von Rot-Weiß Essen, Alemannia Aachen oder Rot-Weiß Oberhausen als Schiedsrichterassistent im Einsatz – da hat man als Schiedsrichter alles erlebt. Eigentlich sollte ich zum Abschluss der Saison 2019/20 als Assistent ein Abschiedsspiel in der 1. Liga in Luxemburg haben, aber daraus ist nun leider nichts geworden.

Zum Schluss ein Blick in die Glaskugel: Wie wird es Ihrer Meinung nach mit der zurzeit unterbrochenen Saison weitergehen?

Ziel muss es sein, bis zum Sommer eine Halbserie über die Bühne zu kriegen. Wir sollten uns nichts vormachen: Eine komplette Saison spielen zu können, ist utopisch.

Über den Autor
Redaktion Schwerte
Als Schwerter Sportredakteur seit 2000 auf den Sportplätzen und in den Hallen unterwegs – nach dem Motto: Immer sportlich bleiben!
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Michael Doetsch

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