32 Nationen spielen in Ägypten um den Handball-Weltpokal - ein umstrittenes Turnier in Zeiten von Corona. © picture alliance/dpa
Handball-Weltmeisterschaft

Völliger Wahnsinn oder wichtig für die Sportart? Das sagen Schwerter Trainer zur WM

Eine Weltmeisterschaft ist normalerweise ein Ereignis, das die Freunde der jeweiligen Sportart in ihren Bann zieht. Im Falle der Handball-WM sieht das aber etwas anders aus.

Seit Mittwoch laufen die Titelkämpfe, an diesem Freitag (15. Januar) hat die deutsche Mannschaft ihr erstes Spiel. Von richtigem WM-Fieber aber ist kaum etwas zu spüren – im Gegenteil. Die große deutsche Handball-„Familie“ ist zwiegespalten, was sie von dieser WM halten soll.

Die Bandbreite der Meinungen geht weit auseinander. Auf der einen Seite ist die öffentliche Wahrnehmung und dabei vor allem die TV-Präsenz in den öffentlich-rechtlichen Sendern wichtig für die Sportart. Auf der anderen Seite gibt es aber – auch aus dem Handball-Lager – die Stimmen, die die Austragung einer Weltmeisterschaft mit 32 Mannschaften in diesen Corona-Zeiten für „völligen Wahnsinn“ halten. So hat es zum Beispiel der Geschäftsführer des Bundesligisten HC Erlangen, Carsten Bissel, formuliert.

„Fragwürdig, ob diese WM wirklich sein muss“

Zwiegespalten sind auch die Trainer der beiden Schwerter Klubs, Tobias Genau von der HVE Villigst-Ergste und Tim Decker (HSG Schwerte/Westhofen).

Genau sagt: „Auf diese WM hätte man auch verzichten können. Denn wir sind ja nicht gerade in einer Phase, in der sich die Corona-Lage beruhigt.“ Auch vor dem Hintergrund der angespannten Lage für Sparten wie Einzelhandel oder Gastronomie halte er es schon für „fragwürdig, ob diese WM wirklich sein muss“.

Tobias Genau, Trainer des Verbandsligisten HVE Villigst-Ergste. © Bernd Paulitschke © Bernd Paulitschke

Am Fernseher verfolgen werde er zumindest die Spiele der deutschen Mannschaft aber schon, sagt der HVE-Trainer – allein schon aus Mangel an Alternativen. „Auch wenn es ein bisschen schwerfällt, weil ohne Zuschauer natürlich etwas fehlt – das geht mir mit den Spielen der Fußball- und Handball-Bundesliga genauso. Aber so sehr viele andere Sachen kann man zurzeit ja sowieso nicht machen“, sagt Genau.

Mit den Worten „Geht so“ antwortet Tim Decker auf die Frage, ob ihn das WM-Fieber schon gepackt habe. „Die Spiele der deutschen Mannschaft und ein paar andere Highlight-Spiele“ werde er sich aber wohl anschauen, sagt Decker. Von einem unbefangenen WM-Vergnügen könne aber nicht die Rede sein.

Tim Decker, Trainer des Landesligisten HSG Schwerte/Westhofen. © Bernd Paulitschke © Bernd Paulitschke

Der Trainer der HSG-Landesligateams sieht es so: „Für unseren Sport ist es gut, dass die WM stattfindet. Und es soll ja auch alles in einer Blase sein. Aber natürlich kann man das Ganze auch ethisch hinterfragen.“

Verständnis für Pekeler, Wiencek und Weinhold

So habe er auch Verständnis für die drei Spieler Hendrik Pekeler, Patrick Wiencek und Steffen Weinhold, die ihre Teilnahme an der WM abgesagt haben. „Klar – das kann ich nachvollziehen“, sagt Tim Decker. Erst recht vor dem Hintergrund des eng gesteckten Terminkalenders, der gerade den Akteuren der Spitzenteams ohnehin schon kaum Zeit zum Luftholen gibt – mal ganz unabhängig von Corona.

„Wenn man sich überlegt, dass die drei erst vor knapp drei Wochen mit dem THW Kiel im Final Four der Champions League gestanden haben und es kurz nach der WM schon mit der Bundesliga weitergeht, ist vielleicht irgendwann auch einfach mal genug“, meint Decker.

Einen Nationalspieler hat Corona umgehauen

Gerade als Familienvater hat auch Tobias Genau großes Verständnis für die WM-Absage der drei Leistungsträger. „Auf jeden Fall“ könne er die Beweggründe nachvollziehen, nicht in Ägypten am Start zu sein. „Klar – das sind junge Leute und durchtrainierte Sportler. Aber das bedeutet doch nicht automatisch einen sanften Verlauf, falls sie sich infizieren sollten. Das hat man ja bei Juri Knorr gesehen“, sagt der Villigst-Ergster Coach in Anspielung auf einen anderen Nationalspieler, den das Virus im November regelrecht umgehauen hatte.

Zum Abschluss noch die sportliche Komponente: Was trauen die beiden Schwerter Trainer der deutschen Mannschaft in Ägypten zu? „Von einer zusammengewürfelten Truppe kann man sicher nicht sprechen, aber die Mannschaft wird nicht so eingespielt sein wie in den vergangenen Jahren. Aber Trainer Alfred Gislason weiß schon, was er tut. Vielleicht wird Deutschland ein Überraschungs-Halbfinalist“, meint Tim Decker.

Tobias Genau ergänzt: „Die Erwartungen sind diesmal nicht ganz so groß – vor allem, weil mit Wiencek und Pekeler der Innenblock in der Abwehr fehlt. Die Mannschaft ist für mich wie eine Wundertüte.“ Und abschließend fügt der HVE-Trainer noch einen Satz hinzu, der die ganze Thematik auf den Punkt bringt: „Man weiß ja sowieso nicht, was in diesen Zeiten von Corona noch so alles passiert.“

Über den Autor
Redaktion Schwerte
Als Schwerter Sportredakteur seit 2000 auf den Sportplätzen und in den Hallen unterwegs – nach dem Motto: Immer sportlich bleiben!
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Michael Doetsch

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