38-Jährige arbeitet ehrenamtlich in JVA Schwerte

Trotz erlebtem Überfall

Annett Lenk wurde überfallen, bedroht, fast erschossen. Und trotzdem arbeitet sie heute ehrenamtlich in den Justizvollzugsanstalten in Dortmund und Schwerte. Sie besucht Häftlinge, ist für sie da und hört ihnen zu. Doch wieso hilft sie Menschen, die so sind wie der, der sie beinahe getötet hat? Wir sprachen mit ihr.

SCHWERTE

12.12.2016, 17:12 Uhr / Lesedauer: 5 min

Es ist ein lauer Nachmittag Anfang der 2000er-Jahre. Die 23-Jährige Annett Lenk ist auf dem Heimweg. Sie nimmt die Abkürzung über einen breiten Trampelpfad, den täglich hunderte Menschen nutzen. Dass jemand hinter ihr her läuft, wundert sie nicht. Doch plötzlich greift der Mann hinter ihr den Gurt ihres Rucksacks und sagt in bedrohendem Ton: „Rucksack her oder ich schieße.“ Annett Lenk erstarrt. Die 1,63 Meter kleine, kurzhaarige blonde Frau ist selbstbewusst. Sie will sich die Dreistigkeit nicht gefallen lassen und wehrt sich: Sie sagt, er solle doch schießen, wenn er sich traut. Sagt, würde er sich trauen, hätte er schon geschossen.

Sie greift ihm an den Hals und schaut selbstbewusst zu ihm auf und sagt, er solle verschwinden. Der Mann hat nicht mit Gegenwehr gerechnet und zog sich zurück. Man könnte sagen, sie sei leichtsinnig. Wenn man sie kennt, weiß man aber, es ist einfach ihre Art.

Die nächsten Wochen sind schwierig für Annett Lenk, die harte Schale bröckelt. „Ich bekam Angst, sobald jemand in der Fußgängerzone hinter mir her lief. Es war wie eine halbe Panikattacke“, erzählt sie. Sie hat Angst davor, erneut gepackt und bedroht zu werden. Doch ihr Zustand bessert sich.

„Für die da sein, die am Rande der Gesellschaft stehen“

Heute kann man sagen, sie hat vor niemandem mehr Angst. Egal, welches Verbrechen jemand begangen hat. 15 Jahre später ist Annett Lenk 38 Jahre alt und arbeitet als ehrenamtliche Betreuerin in den Justizvollzugsanstalten in Schwerte und Dortmund. Hauptberuflich ist sie als Pflegerin tätig. „Ich möchte für die da sein, die am Rande der Gesellschaft stehen. Diese Menschen brauchen auch jemanden zum Reden. Oft können sie nicht über alles mit den Sozialarbeitern oder Mithäftlingen sprechen. Ich möchte diese Lücke füllen“, so die gelernte Rettungsassistentin.

Annett Lenk wirkt gefasst, während sie spricht. Etwas distanziert, um nicht zu sagen cool. Sie erfasst die Gesprächssituation zuerst, hält Blickkontakt, inspiziert den Gegenüber genau, um dann zu entscheiden, ob sie jemanden mag, ihm vertraut. Diese Art, an Dinge heranzugehen, hilft ihr in der Justizvollzugsanstalt (JVA). „Ich leide nicht mit, bin aber voll da. Sonst könnte ich diesen Job nicht machen.“

Als sie sich entschieden hatte, in der JVA ehrenamtlich arbeiten zu wollen, bemühte sich die 38-Jährige um ein Ehrenamt in der JVA Schwerte. Dort habe es sechs Monate gedauert, bis sie einem Häftling gegenüber saß. Sie sei von Behörde zu Behörde gewandert, habe Fragebögen ausgefüllt, Sicherheitsprüfungen über sich ergehen lassen. Die Bögen waren gefüllt mit Fragen wie „sind oder waren Sie Mitglied einer terroristischen oder extremistischen Vereinigung?“ Sie kreuzte geduldig „nein“ an und wartete darauf, dass die Beamten sich sicher waren, dass von ihr keine Gefahr ausgeht.

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„Wer es wirklich will, hält durch“

„Vielleicht ist es gar nicht so schlecht, dass die Verwaltungsaufgaben so viel Zeit in Anspruch nehmen. Wer es wirklich will, hält durch. Und wer nicht durchhalten kann, sollte keinen Gefangenen für einen langen Zeitraum anvertraut bekommen.“ Denn in der Einzelbetreuung müsse man auch konstant dabei bleiben.

Annett Lenk ist durchsetzungsfähig, aber nicht egoistisch, sie sieht immer beide Seiten: „Würde ich aus Unlust ein entstandenes Beziehungsverhältnis beenden, würde sich der Häftling zurückgewiesen fühlen. Das Gefängnis bringt schon genug psychische Belastungen mit sich.“ Allein der Zeitraum zwischen dem Antrag auf einen Gesprächspartner und dem ersten Treffen sei belastend. Er könne bis zu vier Monate lang sein.

„Wenn die JVA Schwerte uns mit einem Häftling zusammen bringt, wissen wir, dass auch unsere Wünsche berücksichtigt werden“, erzählt die Ehrenamtliche, „das kann zum Beispiel sein, dass wir nicht mit einem Mörder oder Vergewaltiger sprechen möchten. Ich habe für mich keine Art des Verbrechens ausgeschlossen. Wir wissen aber vor einem Gespräch nie, weshalb derjenige in der JVA ist.“

Erstes Treffen wie ein Blind Date

Das erste Treffen sei wie ein Blind Date. Der Häftling und der Ehrenamtliche setzen sich an einen Tisch und lernen sich kennen. Der Häftling auf der einen, Annett Lenk auf der anderen Seite: sehr kurze, leicht stoppelige Haare, schmale Lippen, offenes Lächeln. Von außen betrachtet ist sie eine unauffällige Frau. Sie trägt einen weißen Rollkragenpullover und eine flauschige Sweatshirt-Jacke in Rosa darüber. Eine schlichte, rahmenlose Brille sitzt auf ihrer Nase, auffälligen Schmuck trägt sie keinen. Dafür liegt aber ein hölzernes Kreuz, befestigt an einer Lederkette auf ihrem weißen Pullover auf.

Sie ist nicht dort, um aufzufallen, sich in den Mittelpunkt zu stellen. Dort soll nämlich ihr Gegenüber stehen: ein Häftling mit Redebedarf. Worüber sie reden werden, ist vorerst ungewiss. Vielleicht wird er über Fernsehshows sprechen, vielleicht über seine Kindheit oder seine kriminelle Vergangenheit. Das ist ihm überlassen. Genau wie bei einem Blind Date müssen am Ende des Gesprächs beide zustimmen, um die (Gesprächs-)Beziehung zu beginnen. „Die Chemie muss einfach stimmen“, sagt Lenk.

„Da fühlt man sich schnell wie ein Tier im Zoo“

Der Besucherbereich besteht aus einzelnen Gesprächsräumen. „Die meisten Räume sind wie kleine Zellen mit Glasscheiben. Da fühlt man sich schnell wie ein Tier im Zoo. Zum Glück darf ich die Räume für Rechtsanwälte für die Gespräche nutzen. Die kann man nicht einsehen. Das ermöglicht es, hinter verschlossener Tür intensive Gespräche zu führen.“ Ob ein Häftling ihr erzählt, warum er inhaftiert worden ist, bleibt ihm überlassen.

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Wenn Lenk die JVA Schwerte besucht, braucht sie nicht zu klingeln. Der Pförtner sieht sie schon von Weitem und öffnet ihr die Tür, lächelt sie an. Annett Lenk fühlt sich wohl, wenn sie die JVA Schwerte betritt, weil sie sich als Teammitglied verstanden fühlt.

Unterstützung für den Gefangenenseelsorger

In der JVA Dortmund ist das anders. Sie arbeitet dort ehrenamtlich, um den Wohnungs-und Gefangenenseelsorger Daniel Schwarzmann zu unterstützen. „Ich habe einen flexiblen Dienstplan und er hat nicht viel Zeit. Da bot ich an, ihm zu helfen“, sagt Lenk. „Sie ist eine große Hilfe“, erzählt Schwarzmann, „sie macht die Gefangenenseelsorge sehr gut. Außerdem gehe ich nicht gerne in die JVA in Dortmund. Die Stimmung dort ist bedrückend“, so der Wohnungslosenseelsorger.

Das wundert Annett Lenk nicht. „Mir geht es genauso. Niemand lächelt, wenn man kommt, der Besuchsraum für Rechtsanwälte ist wie ein Kellerloch. Wenn ich mit meinen 163 Zentimetern Körpergröße meine Arme ausstrecke und links die Wand berühre, dann ist meine rechte Hand maximal noch fünf Zentimeter von der anderen Wand entfernt. Die Fenster sind so hoch, dass man kaum hinausgucken kann. Es ist ein ganz anderes Gefühl“, sagt sie. Doch sie lässt sich nicht unterkriegen, hat stets das Ziel zu helfen fest im Blick.

„Ich werde oft angefeindet“

Doch ihre Arbeit stößt nicht immer auf Lob. „Ich werde oft angefeindet, besonders von denen, die ein Opfer eines Verbrechens kennen“, sagt die Ehrenamtliche, „Menschen sagen mir, man müsse für Vergewaltigungstäter wieder die Todesstrafe einführen.“ Diesen Personen versuche sie klar zu machen, dass die Häftlinge auch Angehörige haben. Bei ihren Besuchen warte Annett Lenk gemeinsam mit Ehefrauen und Kindern darauf, zu den Häftlingen gelassen zu werden.

Die Frage, wie sie reagieren würde, wenn sie den Mann, der sie vor 15 Jahren überfallen hat, im Gefängnis treffen würde, bringt sie aus dem Konzept. Sie überlegt und stellt sich die Situation genau vor. „Ich wäre ziemlich geplättet, würde ihm aber freundlich gegenübertreten. Ich weiß nicht, ob ich gehemmter reagieren würde, wenn er mich verletzt hätte. Zuerst würde ich ihn auf den Vorfall ansprechen und ihm erzählen, wie es mir nach dem Überfall ergangen ist“, sagt sie. Sie würde ihn aber auch fragen, wie es mit ihm weitergegangen ist.

Mann des Überfalls damals angezeigt

Lenk hatte den Mann nach dem Überfall angezeigt. Daher weiß sie: Er war drogenabhängig und musste nach ihrer Anzeige eine Drogentherapie machen. Lenk weiß aber nicht, ob er im Gefängnis ist oder ob er noch drogensüchtig ist. „Nichts ist unmöglich. Es kann schon sein, dass ich ihn irgendwann treffe. Denn die Eingangstür der JVA ist für Drogensüchtige leider eine Drehtür. Kaum sind sie raus, sind sie auch schon wieder drin.“ Annett Lenk möchte mit intensiven Gesprächen helfen, dass sich die Eingangstür der JVA bei der Entlassung endgültig hinter den Häftlingen schließt. Sie kann sie nicht alle retten, aber „nichts ist unmöglich“.

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