Als die Flut Schwerte erreichte: Was eine Schwerterin im Krieg erlebt hat

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Die Autorin Sigrid Baumann Senn schreibt in dem Buch „Die Rührschüssel meiner Mutter“ über ihre Kindheit in Schwerte. Eine Erzählung über den Krieg und einen Neuanfang.

Schwerte

, 02.02.2020, 12:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Im Jahr 1932 geboren, verbringt Sigrid Baumann ihre Kindheit in Schwerte. In ihrem 280-seitigen Buch schildert die Autorin ihre Erlebnisse von 1932 bis 1950 – der Zeit des Nationalsozialismus und der Nachkriegsjahre.

„Heil Hitler“ statt „Guten Tag“

Sigrid Baumann Senn beschreibt bildhaft, wie es der Nationalsozialismus in den Alltag von ihr und ihrem Bruder Gerhard schaffte. Sie kannten es einfach nicht anders:

„Als der Führer die Macht übernahm, waren wir Zwillinge gerade geboren, und als der Krieg ausbrach, waren wir gerade in die Schule gekommen. Wir wurden genau in die Nazizeit hineingeboren. Schulzeit und Kriegszeit gingen Hand in Hand wie wir Zwillinge auf unserem Einschulungsfoto.“

Als die Flut Schwerte erreichte: Was eine Schwerterin im Krieg erlebt hat

Sigrid Baumann Senn und ihr Zwillingsbruder Gerhard bei der Einschulung im Jahr 1939 in die Marktschule in Schwerte. © Sigrid Baumann Senn

Nach der Einschulung 1939 mussten die Kinder ihre Lehrer dann mit „Heil Hitler“ grüßen:

„Ich hatte noch nie über den Sinn dieser beiden Worte nachgedacht. Sie waren für mich wie zwei gut zusammenpassende Namen gewesen. Niemand hatte uns erklärt, dass wir dem Führer unablässig 'Heil' wünschen sollen, so wie früher immer jeder jedem einen guten Tag. Jetzt aber sollten alle 'guten Tage' einzig und allein dem Führer gelten. Wir entschlossen uns, draußen dem Führer 'Heil' und drinnen uns 'Guten Tag' zu wünschen.“

Der Begriff „Jude“ war für die kleine Sigrid bis zu dem Tag, an dem die jüdischen Nachbarn mit Steinen beschmissen wurden, ein abstrakter Begriff.

„Die Kriegszeit erinnere ich mich an keine Geschichte und kein Wort über Juden mehr. Sie waren 'ganz einfach' aus Schwerte weg. 'Wo sind die Juden jetzt?', fragte ich. 'Im Konzentrationslager', antwortete Mama. 'Was ist ein Konzentrationslager?' 'Das ist ein Ort, wo nur Juden sind.'“

Die Möhnekatastrophe

Am 17. Mai 1943 erlebt Sigrid Senn im Alter von zehn Jahren die Möhnekatstrophe, bei der die Möhnetalsperre von britischen Bomben zerstört wurde. Sie schreibt ihren Tag auf:

„Ein Schrei! Gelbe Wassermassen strömen gurgelnd um die nächste Straßenecke. Ein Mann mit einem weinenden Kind im Arm watet durch die schäumenden Wellen. Das Wasser braust in Strömen die steile Hellpothstraße herunter und reißt alles, was ihm im Wege steht, mit fort. Das Wasser steigt höher und höher. Gegenüber steht es schon bis über die Kellerfenster.“

Erst Tage später, als das Wasser wieder abgelaufen war, wurde Senn das tatsächliche Ausmaß der Flutkatastrophe klar:

„In den verkrusteten Bäumen hingen Bretter, Matratzen und Stuhlbeine. Die Sträucher, Hecken, Blumen und Gemüse waren gelb verschlammt und alle Kornfelder in eine Lehmschicht eingegossen. Die Bilder der im Schlamm erstickten Kornfelder gehören für mich zu den schrecklichsten Kriegserinnerungen.“

Als die Flut Schwerte erreichte: Was eine Schwerterin im Krieg erlebt hat

Die zerstörte Möhnetalsperre nach dem Luftangriff am 17. Mai 1943. Die Flut erreichte auch Schwerte. © Archiv

Der regelmäßige Fliegeralarm gehörte in Schwerte während des Kriegs zum Alltag. Dann suchte die Familie den selbstgebauten Bunker auf.

„Meistens flogen sie nur über Schwerte hinweg und bombardierten das Ruhrgebiet. Am 11. November 1944 gab es keinen Voralarm, die Sirenen schrien in kurzen Stößen ohne Ende, und Mama jagte uns aus dem Bett in den Bunker. 'Diesmal haben sie es auf uns abgesehen', sagte Onkel Arno. 'Sie wollen das Reichsbahnausbesserungswerk in Schwerte treffen', und er hatte recht.“

Das Leben danach

Obwohl der Krieg 1945 beendet war, hatte es Familie Senn in der Zeit danach nicht gerade leicht:

„Als der Frieden dann endlich kam, war er ein ganz anderer Frieden als der vor dem Krieg, und wir hatten noch weniger zu essen als im Krieg“. Mit Tauschgeschäften sammelte sich die Familie das Benötigte zusammen.

Zudem stand Selbermachen hoch im Kurs. Vater Josef war handwerklich begabt: „Er errichtete sich mit eigener Hand eine Gärtnerei. Er war bald in Schwerte berühmt wegen seiner Blumenzusammenstellungen und seiner Waldkränze, die wahre Kunstwerke waren.“

So versuchte die Familie nach den Jahren der Diktatur wieder Normalität in den Alltag einkehren zu lassen.

Buch

„Die Rührschüssel meiner Mutter“

Das Buch „Die Rührschüssel meiner Mutter“ von Sigrid Baumann Senn wird vom Verband Bildender Künstler und Künstlerinnen Baden-Würtemberg (VBKW) unter der ISBN 978-3-942743-92-1 herausgegeben und ist für 20 Euro auch direkt bei der Autorin (Tel.: 0711-471043) erhältlich.
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