Als in Schwerte noch Ruhrstadt-Bier gebraut wurde

Die Spuren der letzten Brauerei

Nach dem Reinheitsgebot gebraut war es selbstverständlich. Aber wie genau das Schwerter Bier schmeckte, weiß keiner mehr. Schon vor fast 100 Jahren füllte die Brauerei Ostermann die letzten braunen Flaschen ab. Dass sie einen namhaften Architekten beschäftigte, der auch das Dortmunder „U“ schuf, hatte ihr nichts genutzt.

SCHWERTE

, 23.04.2016, 06:32 Uhr / Lesedauer: 3 min
Das Stadtwappen ziert den Bügelverschluss der Bierflasche der Brauerei Ostermann.

Das Stadtwappen ziert den Bügelverschluss der Bierflasche der Brauerei Ostermann.

Wasser, Gerstenmalz, Hopfen und Hefe. Mehr braucht ein Bier nicht. So legt es das Deutsche Reinheitsgebot seit nunmehr 500 Jahren fest. Mehr als 1300 Brauereien zwischen Kap Arkona und Zugspitze beachten das älteste Verbraucherschutzgesetz der Welt.

Aus den vier Zutaten stellen sie über 5500 verschiedene Biere her. Doch wehe, wenn eine von ihnen fehlt. Das spürte die letzte Schwerter Brauerei Ostermann. Der Mangel an einer einzigen Zutat zwang den Betrieb nach dem Ersten Weltkrieg zur Aufgabe. Geblieben ist nur ein Brunnen.

Der Schwerter Kessel ging nach Hörde:

„Vermutlich war es der Mangel an Braugerste“, sagt Heimatvereins-Vorsitzender Uwe Fuhrmann über das jähe Ende des zuvor florierenden Betriebs in der Hungerzeit nach dem Ersten Weltkrieg. Alles Getreide wurde für die Brotversorgung benötigt, was in ganz Deutschland zu einem Brauerei-Sterben geführt habe. Sechs Pferde schleppten den Sudkessel 1920 zur Stiftsbrauerei nach Hörde.

Damit endete die jahrhundertelange Tradition der Bierherstellung in der Ruhrstadt. 18 Brauer hatte die älteste Gewerbezählung im Jahre 1723 aufgelistet. Letzter und größter Betrieb war das „Schwerter Brauhaus“, das Wilhelm Ostermann senior (1837-1911) 1864 gegründet hatte. Wie die Schwerter Zeitung damals berichtete, baute er zwei Jahre später ein Brauhaus samt Eiskeller am heutigen Cavaplatz – etwa dort, wo das Arbeitsamt steht.

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Bildzeugnisse von Schwertes letzter Brauerei

Nach dem Reinheitsgebot gebraut war es selbstverständlich. Aber wie genau das Schwerter Bier schmeckte, weiß keiner mehr. Schon vor fast 100 Jahren füllte die Brauerei Ostermann die letzten braunen Flaschen ab. Dass sie einen namhaften Architekten beschäftigte, der auch das Dortmunder „U“ schuf, hatte ihr nichts genutzt. Im Stadtarchiv finden sich aber noch Zeugnisse der Brauerei.
22.04.2016
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"Transport eines schweren Brauereikessels von der ehemaligen Brauerei Ostermann Schwerte zur Stiftsbrauerei Hörde 1920 durch die Spedition Gebrüder Sohlenkamp" ist das Fotos aus der Sammlung von Dietrich Sohlenkamp beschriftet. Sein Großvater betrieb einst das Fuhrunternehmen, das für die Bewältigung des Freischütz-Berges gleich sechs Pferde vor den Wagen spannte.© Repro: Reinhard Schmitz
Die ausgedehnten Hallenkomplexe der früheren Brauerei Ostermann zwischen Gas- und Beckestraße werden auf dem Plan aus dem Jahre 1901 deutlich.© Foto: Reinhard Schmitz
Mit der Vergrößerung des Generatorgebäudes (l.) bis an das Kesselhaus (r.) überbaute die Brauerei Ostermann 1911 den Brunnen gänzlich.© Foto: Reinhard Schmitz
Mit der Vergrößerung des Generatorgebäudes (l.) bis an das Kesselhaus (r.) überbaute die Brauerei Ostermann 1911 den Brunnen gänzlich© Foto: Reinhard Schmitz
Eine Bügelflasche der früheren Ostermann-Brauerei hütet der Westhofener Ortsheimatpfleger Lothar Meißgeier in seiner Sammlung. Sie war schon leer, als sie vor rund 20 Jahren von einem Dachdeckergesellen auf einem Westhofener Dachboden gefunden wurde. Statt Etikett sind Name und Wappen aufgeprägt.© Foto: Reinhard Schmitz
Im Jahre 1901 stellte die Brauerei Ostermann den Antrag, ihren Brunnen mit einem Brunnenhaus zu schützen. Uwe Fuhrmann entdeckte die Zeichnung in alten Bauakten.© Foto: Reinhard Schmitz
Werbung der Brauerei Ostermann auf dem Rücktitel des Adressbuchs für die Stadt Schwerte und das Amt Westhofen 1909/10.© Foto: Reinhard Schmitz
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Um die Wende zum 20. Jahrhundert zog die Brauerei auf das frühere Gaswerk-Gelände zwischen Gasstraße und Beckestraße um. „Das war größer als unser Marktplatz“, erklärt Fuhrmann. Auf dem rund 100 mal 60 Meter großen Komplex entstanden fast im Zwei-Jahres-Rhythmus neue Hallen. Wie Bauakten im Stadtarchiv belegen, wurde mal ein Sud- oder Darrhaus (zum Trocknen der Gerste) errichtet, dann der Lagerkeller oder das Kühlhaus erweitert.

Auch eine Dampfmaschine war bei dem Unternehmen im Einsatz. Das Wasser wurde aus einem elf Meter tiefen Brunnen neben dem Kesselhaus gefördert, der in der vergangenen Woche bei den Umbauarbeiten am Busbahnhof plötzlich zutage kam. Die Pläne für das Brunnenhaus tragen die Unterschrift des „Civil-Ingenieurs“ Emil Moog (1873-1954), der 1927 auch den markanten 60 Meter hohen Kellerei-Turm der Dortmunder Union-Brauerei entwarf.

Mit Pilsener- und Kraft-Bieren warb der Brauerei-Gründer, den die Schwerter Bürgerschützen zu ihrem „Königlichen Braumeister“ ernannten. Sein Sohn Heinrich Ostermann junior ließ sich von 1906 bis 1910 als Schützenkönig feiern. Beide waren beteiligt am Bau der früheren Schützenhalle an der Schützenstraße/Ecke Grünstraße.

Alle Gebäude sind aus dem Stadtbild verschwunden

Verschwunden sind auch sämtliche Gebäude der Brauerei. Als letztes wurde 2005 das massive Haus an der Gasstraße abgerissen, das zuvor noch vom Kaufmann Josef Schlütz für eine Abteilung seiner Firma HHKT genutzt worden war. Es wich der Neubebauung des Geländes mit Seniorenwohnungen. Beim Ausschachten stieß man unvermittelt auf die alten Ostermannschen Eiskeller, was der Stadt eine teure Zusatzrechnung des Investors bescherte.

Einzige Erinnerung an die Schwerter Brautradition ist der jetzt auf dem Busbahnhof wiederentdeckte Brunnen. Ob der Zeitzeuge aus Ziegeln erhalten bleiben kann, soll eine Untersuchung zeigen. „Die Stadtentwässerung hat entschieden, einen Statiker zu beauftragten“, sagte gestern Stadt-Pressesprecher Carsten Morgenthal: „Danach kann entschieden werden, wie wir weiter mit dem Brunnen umgehen.“ Als schöne Idee zum Reinheitsgebots-Jubiläum wurde schon vorgeschlagen, ihn mit einem durchsichtigen Deckel zu verschließen und von unten zu beleuchten.

Das Reinheitsgebot:

Als ältestes Verbraucherschutzgesetz der Welt gilt das Reinheitsgebot für das deutsche Bier, das heute 500 Jahre alt wird. Am 23. April 1516 erließ der bayerische Herzog Wilhelm IV. in Ingolstadt die Verordnung, nach der zum Bierbrauen lediglich Gersten, Hopfen und Wasser verwendet werden dürfen.

Abenteuerliche und teils giftige Zutaten hatten vorher Brauer in ihr Getränk gemischt, um Geschmack und Wirkung zu verstärken. Die Hefe wurde vom Herzog noch nicht erwähnt, da ihre Wirkung im Brauprozess noch unbekannt war. Für ganz Deutschland gilt die Vorschrift seit einem Reichsgesetz für die Norddeutsche Biersteuergemeinschaft von 1906.

Den Begriff „Reinheitsgebot“ für die Verordnung prägte erst 1918 der Abgeordnete Hans Rauch bei einer Sitzung des bayerischen Landtags. Seit einer Klage am Europäischen Gerichtshof dürfen seit 1987 in Deutschland auch ausländische Biere verkauft werden, die andere Zutaten enthalten.

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