Fünf Jahre Schwerte. Jetzt ist meine Zeit hier rum. Ein ganz persönlicher Rückblick auf Menschen und Themen. Auf harmonische und weniger harmonische Begegnungen.

Schwerte

, 25.07.2019, 17:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Fünf Jahre Schwerte, drei Tage in der Woche: Das waren für mich rund 95.000 Kilometer Fahrtstrecke. Für die Mineralölkonzerne, bei denen ich regelmäßig Treibstoff eingekauft habe, eine willkommene Einnahme. Fünf Jahre Schwerte, das waren auch rund 1400 Stunden auf der A2 und der B236.

Fünf Jahre Schwerte, das waren aber auch viele Begegnungen mit Menschen und Themen, die Eindruck hinterlassen haben. Wunderbare Kollegen zum Beispiel, die mir den Einstieg in das neue Arbeitsumfeld vor fünf Jahren leicht gemacht und mich mit offenen Armen empfangen haben. Die mich nach 30 Berufsjahren haben darüber hinwegkommen lassen, dass mich ein Leser nach einem meiner ersten Artikel für die Schwerter Zeitung als Berufsanfängerin schalt, der man verschärft auf die Finger sehen müsse, damit ihre Artikel auch ihm gefallen. Das scheint bis heute nicht gelungen zu sein, denn der Mann grüßt mich bei seinen Besuchen in der Redaktion bis heute nicht.

Hier gibt es Schwarmintelligenz und Schwarmkritik

Die Schwerter sind kritische und engagierte Leser, in keiner anderen Stadt hatte ich bis dahin eine so große Bereitschaft erlebt, sich an Aktionen der Zeitung zu beteiligen und der Redaktion mit Schwarmintelligenz zu helfen. Ich würde niemals wagen zu behaupten, Schwerte sei ein Dorf, aber überschaubar ist diese Stadt schon. Hier weiß man, was die Nebenans so tun.

Und so erfuhr ich bald nach meinem Start in Schwerte, dass in kleineren Städten sehr private menschliche Schwächen durchaus Auswirkungen auf das öffentliche Leben haben können und auch mehr oder weniger öffentlich diskutiert werden. Eine Kirchengemeinde tauschte fast ihr komplettes Seelsorge-Team aus (die Gründe dafür wurden hinter kaum vorgehaltener Hand diskutiert), auf dem Wochenmarkt brach beinahe Krieg aus, als eine Fischhändler-Ehe scheiterte. Oh là là, in welche Seifenoper war ich da geraten?

Hier wird Willkommenskultur gepflegt

Fünf Jahre Schwerte sollten mich eines Besseren belehren. Eine Vielzahl von sehr ernsten und ernstzunehmenden Themen haben mein Journalisten-Dasein bereichert. Selbst noch nicht heimisch geworden, durfte ich schreiben über die Flüchtlinge, die in der Ruhrstadt ankamen. Die Schwerter konnten schon Willkommenskultur, da kannten andere das Wort noch gar nicht. Der Einsatz des Arbeitskreises Asyl und seiner zahlreichen Helfer beeindruckt mich bis heute. Hier anzukommen, ist nicht so schwer, davon konnte ich mich persönlich überzeugen.

Das kleine Häuflein von AfD-Aktivisten, das in der Fußgängerzone eine Zeitlang mit selbst gemalten Plakaten gegen Angela Merkel protestierte, wurde nicht größer. Es verschwand schließlich ganz. Das rechne ich den Schwertern ganz hoch an. 8,38 Prozent erreichte die AfD bei der Bundestagswahl 2017. Das hätte schlimmer ausgehen können.

Hier machen Wahlen Spaß - manchmal

2018 bot Schwerte mir dann sogar eine Bürgermeisterwahl. Mit Wahlkampf natürlich, was in der Regel unter Journalisten nicht als vergnügungssteuerpflichtig gilt. Aber spannend war’s. Schließlich steht unsereins nicht alle Tage auf der Bühne und „bändigt“ vor fast 1000 Zuhörern die Kandidaten bei einer Podiumsdiskussion. Das hat Spaß gemacht.

Apropos Bühne: Zweimal durfte ich mit Redaktionsleiter Heiko Mühlbauer den „Unternehmer des Jahres“ ehren. In der Rohrmeisterei, die zu meiner Lieblingslocation in Schwerte geworden ist. Als Kind des Ruhrgebiets habe ich viele Industriebauten gesehen, für die man eine neue Nutzung gefunden hat. Nicht viele sind so gelungen wie die Rohrmeisterei. Zu gern hätte ich gesehen, wie ein neuer Weg sie mit der idyllischen Altstadt verbindet. Die Berichterstattung rund um diesen Ideenwettbewerb hat mir einst viel Kritik eingebracht.

Hier wird gern der Überbringer der schlechten Nachricht bestraft

In dieser Hinsicht hat Schwerte sich was Antikes bewahrt: Der Überbringer schlechter Nachrichten soll ja damals durchaus mit dem Tod bestraft worden sein. Oder war’s doch im Mittelalter? Egal, im übertragenen Sinn kann das den Nachrichtenmenschen in der Ruhrstadt auch passieren. 37 Jahre nach meinem Start ins Berufsleben hat mich die Heftigkeit der beleidigten Reaktionen auf kritische Berichterstattung doch noch überrascht. Nicht nur in den Sozialen Netzwerken, wo die Hemmschwelle für Hass und Hetze adäquat zum Niveau bekanntermaßen ganz tief liegt, sondern sogar in Politik und Verwaltung, wo Kritikfähigkeit bei vielen Akteuren nicht die herausragendste Tugend ist. Dass ein Leser, der sich von mir auf die Füße getreten fühlte, neulich brüllte „Ich will Blut sehen“, zeigt indes, dass wir alle ein dickeres Fell und manche Zeitgenossen Nachhilfe im Fach bessere Manieren brauchen.

Fünf Jahre Schwerte: Ich habe sie nicht gezählt, die Menschen, die mir als Berichterstatterin großes Vertrauen entgegengebracht und eine Menge sehr Persönliches anvertraut haben. Sie haben mir tolle Geschichten ermöglicht, über den Alltag einer Altenpflegerin, über die Arbeit im Hospizdienst, über Organtransplantationen, über Krankheiten, über Adipositas, über Politik, über die Freizeit im Stadtpark, über Flucht und Neuanfang, über Berufliches und Privates. Sie haben meinen Horizont erweitert.

Hier gibt es mehr Kultur, als man in fünf Jahren miterleben kann

Fünf Jahre Schwerte: Das waren auch interessante Begegnungen mit Menschen, die sich um die Kultur in dieser Stadt verdient machen. Die kann sich nämlich sehen lassen: Welttheater der Straße, Kleinkunstwochen, Ausstellungen, Konzerte, Lesungen – die Schwerter können förmlich ununterbrochen Kultur genießen. Und Zeitungsleute können ohne Unterlass über Veranstaltungen berichten, was auch von ihnen erwartet wird. Und zwar möglichst positiv. Eine Konzertkritik, die Kritik am Konzert übt – da kann der Dirigent allerdings schon mal ungemütlich werden.

Fünf Jahre Schwerte: Dazu gehören auch so erstaunliche Begebenheiten wie der alljährliche Umzug der Hinduistischen Gemeinde zu Ehren der Göttin „Sri Kanakathurka Ampal“, bei dem sich erwachsene Männer Fleischerhaken durch die Haut treiben. Ich durfte staunende Zeugin sein, wie Männer in Trance weder bluten, noch Schmerz verspüren.

Sagen, was andere nicht hören wollen

Sich das Staunen zu bewahren, gehört zu unserem Beruf. Und die Neugierde. Deshalb bin ich jetzt neugierig auf Aufgaben und Themen in einer anderen Redaktion, in einem anderen Verbreitungsgebiet. Aber die „großen“ Schwerter Fragen, die werde ich verfolgen: Wie geht es weiter mit der B236 zum Beispiel, die mich in fünf Jahren so viel Nerven gekostet hat? Wird Schwertes A1-Abschnitt jemals verschwinden aus dem Verkehrsfunk oder werde ich meinen noch nicht geplanten Enkeln eines Tages sagen: „Da kann die Oma auch ein Lied von singen“? Wird Dimitrios Axourgos dann noch immer Bürgermeister sein? Wird der Bahnhofsumbau jemals fertig? Wird das Stadtpark-Problem eines Tages gelöst sein? Ist Buchhändler Olaf Bachmann inzwischen der berühmteste Internet-Star der Republik? Ich werde weiterhin die Schwerter Zeitung lesen und es ansonsten auch künftig mit George Orwell halten: „Freiheit ist das Recht, anderen zu sagen, was sie nicht hören wollen.“

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