Bohrer schiebt Thyssengas-Fernleitung unbemerkt unter dem fließenden Verkehr hindurch

mlzAutobahnauffahrt Schwerte

Um den Ausbau der B 236 in Schwerte vorzubereiten, muss eine 40 Zentimeter dicke Gastransportleitung einen neuen Verlauf erhalten. Der recht kleine Abschnitt erfordert großen Aufwand.

Schwerte

, 05.03.2019, 05:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Die Autofahrer haben gar nichts bemerkt. Aber das 40 Zentimeter dicke Gasrohr liegt schon unter der Auffahrtspur, über die pausenlos der Verkehr zur Autobahn A1 nach Köln rollt. Wenn überhaupt, dann sind im Vorbeifahren nur rechts und links die beiden vier Meter tiefen Gruben auszumachen, in denen Spezialisten der Thysssengas ihr Bohr-Press-Werkzeug angesetzt hatten. „Die Bohrung hat einen Tag und ein paar Stunden gedauert“, berichtet Projektleiter Heinrich Gerlach.

Vier Meter pro Stunde fraß sich der Bohrkopf an der Spitze des Arbeitsrohres in Richtung Zielgrube voran. Praktisch: Ein Schneckengetriebe in dem Rohr beförderte den Aushub gleich nach hinten heraus.

Autobahnauffahrt wird verändert

Es ist schon ein Riesenaufwand, die Ferngasleitung Bochum-Holzwickede etwa zehn Meter näher an die Autobahn heran zu verlegen. Aber es bleibt keine andere Wahl, weil beim B236-Ausbau auch die Autobahnauffahrt verändert wird. „Die Auffahrtspur wird nach Süden verbreitert“, erklärt Thyssengas-Sprecher Gerhard Hülsemann. Genau über den Bereich, in dem bisher das Gasrohr verbuddelt ist.

Deshalb muss es von der Warenanlieferung des Gartencenters Augsburg bis auf die östliche Seite der Hörder Straße einen neuen Verlauf bekommen. Den kennzeichnet ein Graben, schnurgerade als baggerfahrerische Meisterleistung im V-Profil ausgehoben.

Nur die Hörder Straße wird wieder im Bohr-Press-Verfahren unterquert. Die Gruben für diese Maßnahme, die in dieser Woche durchgezogen werden soll, sind ausgehoben.

Gas in Fernleitungen noch geruchslos

Wie eine viele Hundert Meter lange gelbe Schlange säumen - sorgsam auf Holzböcken gelagert - die neuen Rohre den künftigen Trassenverlauf. Die Wände aus bis zu zehn Millimeter dickem Stahl müssen einem Druck von bis zu 70 Bar standhalten. Jedes einzelne trägt eine Kontrollnummer.

Mit Spundwänden gesichert ist die Startgrube, von der aus das neue Gasrohr am Gartencenter Augsburg unter der Auffahrtsspur zur A1 nach Köln hindurchgepresst wurde. Der Verkehr im Hintergrund bemerkte nichts davon.

Mit Spundwänden gesichert ist die Startgrube, von der aus das neue Gasrohr am Gartencenter Augsburg unter der Auffahrtsspur zur A1 nach Köln hindurchgepresst wurde. Der Verkehr im Hintergrund bemerkte nichts davon. © Reinhard Schmitz

Verbunden werden die Röhren unter dem Schutz eines Schweißzeltes. Daneben parkt der Bulli einer Fachfirma, die die Schweißnähte mittels Röntgen prüft. Dann werden diese Stellen ebenfalls mit einer Glasfaser-Kunststoffbeschichtung überzogen, die im Schein von Infrarotstrahlern aushärtet.

Ein Geruch nach Chemie steigt an dieser Stelle aus dem Graben auf. Es ist aber nur das Lösungsmittel. Das Gas in Ferngasleitungen ist geruchslos. „Odoriert“, also mit einem Geruchsstoff vermischt, wird es erst bei der Übergabe an die jeweiligen Stadtwerke.

Unterschrift von Konrad Adenauer

„Wir haben 1.100 Übergabepunkte in NRW“, sagt Bernhard Hülsemann - darunter auch Industriebetriebe: „Unser Lieblingskunde aber ist ein Kloster zu den Heiligen am Niederrhein.“ Als kostbares Dokument hütet das Thyssengas-Archiv auch einen Vertrag mit der Stadt Köln, im Jahre 1920 unterschrieben von einem Oberbürgermeister Konrad Adenauer, der später erster Kanzler der Bundesrepublik Deutschland werden sollte.

Von der Leitung an der A1-Auffahrt gibt es keinen Übergabepunkt nach Schwerte. Sie wurde in den 1980er-Jahren von Bochum nach Holzwickede gezogen und ist Teil eines Versorgungsrings, der Münsterland, Sauerland und Ruhrgebiet umschließt. Deshalb kann der Brennstoff für Holzwickede einfach von der anderen Seite eingespeist werden, wenn der Schwerter Abschnitt Mitte April zum Anschließen der neuen Rohre für seit Tage stillgelegt werden muss.

Vor und hinter dieser Strecke werden an zwei Schieberstationen die Absperrhähne zugedreht, das restliche Gas wird aus dem Rohr entlüftet. Nach den Schweißarbeiten wird alles wieder mit dem Aushub und dem zur Seite geschobenen Mutterboden abgedeckt - so wie es vorher war.

Es gibt ganz andere Dimensionen

Eine aufwendige Baustelle - aber nichts im Vergleich zu der großen Anschlussleitung, die für die aus Russland kommende Ostsee-Pipeline „Nordstream II“ nötig ist, wie Heinrich Gerlach weiß. Von Greifswald bis nach Tschechien werden Rohre mit einem Durchmesser von 1,40 Metern für einen Hochdruck von 100 Bar verlegt.

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