Brücke ins Nirgendwo erzählt, wie der Krieg ein technisches Wunderwerk scheitern ließ

mlzHohensyburger Wald

Wie ein Teil von einem Geisterschloss versteckt sich ein Sandsteinbogen im dichten Wald unter der Hohensyburg. Das vergessene Bauwerk war einmal Teil einer Touristenattraktion ersten Ranges.

Westhofen, Syburg

, 31.08.2019, 17:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Wie in einer Tropfsteinhöhle wachsen Stalaktiten zentimeterlang aus der Decke des geheimnisvollen Sandsteinbogens. Unter mächtigen Eichen und Buchen versteckt sich die Brücke ins Nirgendwo im Wald nahe der Naturbühne Hohensyburg. Eine Wegeverbindung ist weder am unteren noch am oberen Ende auszumachen. Der Übergang über ein kleines Tal war auch nie für Wanderer gedacht. Über sie ächzste die legendäre Bergbahn zum Kaiser-Wilhelm-Denkmal hinauf. Die Trasse ist längst von der Natur zurückerobert. Wer noch von einer Ausflugsfahrt in den Waggons erzählen wollte, müsste auch schon jenseits der 100 Jahre sein. Denn bereits im Februar 1923 wurde das technische Wunderwerk stillgelegt und abgebaut. An die Gleise erinnern auf der Brücke nur noch ein paar Schottersteine und eiserne Gewindebolzen im Moos.

Die Fahrt mit der ersten Bergbahn in Westfalen dauerte vier Minuten

Wann der Bogen gebaut wurde, haben Arbeiter in den Schlussstein eingemeißelt. Die Zahl „1903“ kommt am höchsten Punkt des Gewölbes zum Vorschein, als Heimatvereins-Vorsitzender Uwe Fuhrmann den Vorhang aus wilden Efeuranken zur Seite zieht. Darunter sind noch die Buchstaben „E.B.“ zu erkennen - ob sie als Abkürzung für „erbaut“ stehen sollen oder für irgendeinen Namen eines unbekannten Arbeiters? Dieses Geheimnis geben die Quader nicht preis. In den Archiven dokumentiert ist aber, dass die 445 Meter lange Bergbahn am 19. September 1903 an der (heute leerstehenden) Ausflugsgaststätte Haus Weitkamp an der Syburger Straße zu ihrer Premierenfahrt startete. Nur vier Minuten dauerte die Tour nach oben, die den Fahrgästen 93 Meter Aufstieg ersparte. Jeweils 40 Personen konnten mitgenommen werden.

Brücke ins Nirgendwo erzählt, wie der Krieg ein technisches Wunderwerk scheitern ließ

Ungefähr in Höhe des Parkplatzes der Naturbühne Hohensyburg startete die Bergbahn zum Kaiser-Wilhelm-Denkmal und den Ruinen hinauf. Sie fuhr nur 20 Jahre lang. © Repro: Reinhard Schmitz

Weil die Strecke mit einer Steigung von 32 Prozent sehr steil war, hatte man eine Standseilbahn gebaut, wie man sie aus den Alpen kennt. An beiden Enden eines langen Zugseils, das an der Bergstation über eine Antriebsscheibe lief, war jeweils ein Waggon befestigt. Fuhr der eine bergab, wurde der andere gleichzeitig bergauf gezogen. In der Mitte der eingleisigen Strecke begegneten sich die Wagen an einer Ausweichstelle.

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Eine halbe Million Reichsmark hatte der Bau dieser ersten Bergbahn in Westfalen gekostet. Sie war das Prunkstück der Straßenbahngesellschaft „Hörder Kreisbahn“, die ihre Gleise von Dortmund-Hörde aus in die Nachbarstädte vorgeschoben hatte. Eine ihrer Hauptverbindungen führte über den Freischütz zum Schwerter Markt. Dort konnte vor dem Ersten Weltkrieg für 15 Pfennig ein Billett für die Weiterfahrt über Westhofen und am Haus Husen vorbei zum Gasthof Weitkamp gelöst werden, wo man dann in die Bergbahn umstieg. Bequemer ging es in Zeiten von Pferdefuhrwerken und Dampfzügen kaum.

Auch der Viadukt am Radweg bei Haus Husen gehörte zur Bergbahn

Bemängelt wurde nur, dass die Fenster der hölzernen Waggons zu klein waren, um das Panorama so richtig zu genießen. Das war aber nicht der Grund für das Scheitern der Bergbahn. Der 1914 begonnene Erste Weltkrieg und die folgenden Mangeljahre ließen den Menschen nicht mehr den Sinn nach Ausflügen stehen. Im Februar 1923 beschloss der Kreistag Hörde die Stilllegung.

Die verwunschene Brücke geriet in Vergessenheit. Eigentlich kennen nur Eingeweihte den Zugang, der über den Campingplatz an der Hohensyburg und dann durch die Wildnis führt. Ein größerer steinerner „Zwilling“ steht mehr im Rampenlicht. Der Viadukt unterhalb von Haus Husen, über den die Straßenbahn von Westhofen zur Talstation der Standseilbahn ratterte, fand als Radweg für die Kaiserroute neue Verwendung. Kaiser Wilhelm II. hatte übrigens bei seinem Besuch 1909 die Bergbahn verschmäht. Er ließ sich vom Bahnhof Schwerte im Automobil zur Syburg chauffieren.

Brücke ist ein Bodendenkmal
Die noch vorhandenen Reste der Bergbahn (Linie 4a der Hörder Kreisbahn vom Bahnhof Westhofen zur Hohensyburg) stehen unter Denkmalschutz, wie Christian Schön aus der Pressestelle der Stadt Dortmund berichtet. Es handelt sich um ein Bodendenkmal, das unter der Denkmallisten-Nummer B 15 eingetragen ist. Bestandteil des Denkmals sind die erhaltenen Teile des Trassenkörpers und die Brücken. Eine Karte dazu gibt es in dem kleinen Rundgang-Faltblatt „Asenberg“, das der Historische Verein Dortmund im Jahre 2005 veröffentlicht hat.
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