Dr. Thomas W. Spahn im Video-Interview zur Coronasituation im Dezember 2020. © Marienkrankenhaus Schwerte
Video-Interview zum Nachlesen

Chefarzt Dr. Spahn: „Wir sehen, was die Erkrankung mit unserem Personal macht“

Ein Video-Interview mit dem Chefarzt des Marienkrankenhauses, Privatdozent Dr. Thomas W. Spahn, hat unsere Leser am Montag sehr interessiert. Hier gibt es das komplette Interview noch einmal zum Nachlesen.

Wie viele Intensivbetten sind aktuell in Schwerte durch Corona-Patienten besetzt? Wie bereitet sich die Klinik auf die anstehenden Feiertage vor und was bedeutet aus der Sicht des Mediziners die Mutation des Corona-Virus, die man in England festgestellt hat? Ein Interview mit dem Chefarzt des Marienkrankenhauses, Privatdozent Dr. Thomas W. Spahn.

Gibt es noch Intensivbetten?

Man muss die Situation als angespannt betrachten. Ich habe heute Morgen mit den Leitern der beiden Intensivstationen, wir haben ja zwei Standorte, telefoniert. Wir haben auf den beiden Stationen jeweils drei Corona-Patienten liegen. Wir haben hier elf und drüben (Schützenstraße) acht Betten, wir können weiter behandeln. Man muss aber wissen, auch wenn die Zahl gering ist, dass der pflegerische und medizinische Aufwand für diese Personen besonders hoch ist.

Im ersten Lockdown wurden alle verschiebbaren Operationen verschoben, ist das immer noch so?

Wir entscheiden tagesaktuell in einer Nachmittagsbesprechung, welche Operationen noch gemacht werden können. Es ist schon so, dass der eine oder andere Eingriff, der hinterher eine intensivmedizinische Betreuung notwendig macht, verschoben werden muss, weil weniger Kapazität auf der Intensivstation ist.

Wie belegt ist die Intensivstation denn jetzt generell?

Wir haben in absoluten Zahlen betrachtet an beiden Standorten eine normale Belegung, so 80 bis 90 Prozent der Betten sind voll. Wir wollen aber mindesten ein Bett für Corona-Patienten vorhalten. Wir haben derzeit an beiden Standorten 33 Corona-Patienten. Wenn sie die sechs auf den beiden Intensivstationen davon abziehen ist der überwiegende Anteil auf Normalstationen. Da kommt es auch vor, dass jemand nach Tagen und Wochen der Behandlung dann doch auf die Intensivstation muss. Wir müssen also gewisse Reserven vorhalten.

Wie ist denn die Situation beim Personal? Die sind ja auch gefährdet. Sind überhaupt genügend Mitarbeiter gesund?

In dem Maß, wie wir die Erkrankung besser kennenlernen, sehen wir auch, was die Erkrankung mit unserem Personal macht. Wir haben zwei Dinge, die uns sehr zu schaffen machen. Zum einen haben wir Mitarbeiter, die erkranken, wir haben auch in leitenden Positionen Mitarbeiter, die erkrankt sind, die zum Glück jetzt alle wieder gesund sind, die aber auch an Fieber und Luftnot gelitten haben.

Zum anderen haben wir Mitarbeiter, die Kontakt mit Erkrankten hatten und in Quarantäne müssen. Beides führt zu Ausfällen. Bislang war es immer möglich, diese Lücken zu schließen – durch Krisensitzungen, durch Zusammenziehen von Personal aus anderen Bereichen oder durch Extraleistung. Aber man kommt morgens her und weiß nie, was einem bevorsteht. Das erfordert schon ein intensives Krisenmanagement, aber das ist uns bisher gelungen.

Wie sieht es personell an den jetzt anstehenden Feiertagen aus?

Das erfreuliche ist ja, dass die meisten Patienten über Weihnachten zuhause sein wollen. Und nur wer ein dringendes Problem hat, kommt. Da gibt es traditionell weniger Eingriffe und auch die Patientenzahl ist geringer. Wir haben für Weihnachten einen normalen Dienstplan und können auch die Versorgung gewährleisten.

Kam der Lockdown zu spät, rettet der jetzt noch was?

Ihre Frage hat auch eine politische Dimension. Weil bei dieser Entscheidung die Gesundheitsbelange betrachtet werden müssen, aber auch, dass die Existenzen vieler Menschen durch den Lockdown bedroht werden. Der Versuch, mit mehr Freizügigkeit in einem kleinen Lockdown die Erkrankung in Schach zu halten, ist nicht gelungen. Ich hoffe, dass wir durch den Lockdown eine Verminderung der Fallzahlen sehen.

Wir schieben aber jetzt schon eine so große Bugwelle von Infizierten vor uns her, von denen dann zwei bis drei Prozent hospitalisierungspflichtig werden und ein halbes Prozent auf der Intensivstation landet. Man kann erst ab letzter Woche Mittwoch mit Beginn des Lockdows diese zwei Wochen runter zählen, wann denn Besserung eintritt. Wir haben eine Verzögerung, die sicher, bis Anfang Januar gehen wird, sodass ich fürchte, dass wir noch einen längeren Lockdown brauchen.

Jetzt ist in Großbritannien eine Mutation des Virus aufgetreten, die Menschen von dort dürfen auch nicht mehr in Deutschland einreisen. Was weiß man bisher über die Mutation?

Diese Mutation ist wohl erstmals im September in Südengland, in Kent festgestellt worden. Und es wird berichtet, dass die Infektiosität bis zu 70 Prozent höher ist. Es wird berichtet, dass in London fast jeder, der jetzt neu infiziert ist, diese Mutation in sich trägt. Es wird gesagt, dass die Neuinfektion nicht resistent gegen die Impfung sei, weil die ja das Spike-Protein angreift und diese Oberflächenstruktur durch die Mutation nicht verändert ist.

Das ist Ungewiss, wir müssen sehen, wie das sich weiter entwickelt. Wir müssen vor allem in Zukunft noch vorsichtiger sein. Mit der Bestrebung die Impfung voran zu treiben.

Ist die Mutation auch symptomatisch anders oder nur infektiöser?

Meines Wissen ist es so, dass die Infektiosität gesteigert ist, aber der Verlauf der Erkrankung nicht schwerer ist, als beim Typ, den man in Wuhan entdeckt hat.

Heute legt die Europäische Gesundheitsbehörde ihr Gutachten zum Impfstoff vor, ist schon klar, wann die Krankenhausbediensteten geimpft werden sollen?

Wir wissen noch nicht genau, wann uns der Impfstoff zur Verfügung stehen wird. Wir haben konkrete Impfpläne ausgearbeitet und die Mitarbeiter abgefragt, ob sie sich impfen lassen. In Anbetracht dessen, dass der Impfstoff so neu ist, gab es auch Überlegungen, ob man das tun soll. Wir stehen bereit und haben die Infrastruktur, wenn der Impfstoff dann da ist, dass wir alle, die sich impfen lassen wollen, auch impfen können.

Und Sie selbst lassen sich auch impfen?

Ich habe mich lange mit dieser Frage auseinander gesetzt. Es ist eine Risikoabwägung und Güterabwägung, die man treffen muss. Ich habe mit vielen Personen gesprochen, die diese Erkrankung hatten. Es ist eher unangenehm, die Luftnot ist sehr ausgeprägt. Ich glaube, dass der Nutzen der Impfung die Risiken möglicher Spätkomplikationen weit überwiegt. Deshalb werde ich mich impfen lassen.

Über den Autor
Redaktion Schwerte
Ist mit Überzeugung Lokaljournalist. Denn wirklich wichtige Geschichten beginnen mit den Menschen vor Ort und enden auch dort. Seit 2007 leitet er die Redaktion in Schwerte.
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Heiko Mühlbauer

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