Die Auswirkungen der Pandemie auf Kinder und Jugendliche sind gravierend. Besonders, wenn es sich um Familien mit Problemen handelt. © Martina Niehaus
Jugendarbeit

Corona: „Auswirkungen auf die Kindheit können wir noch nicht begreifen“

In der Pandemie fällt es Familien schwer, den Alltag zu meistern. Dramatisch ist das für Kinder, die ohnehin Hilfe brauchen. Die Helfer kommen trotzdem - und riskieren dabei ihre Gesundheit.

Mal angenommen, es kommt ein Anruf. Eine Gefährdungsmeldung, wie es heißt. Dann gehen die Mitarbeiter hin und schauen nach, ob alles in Ordnung ist. „Wir gehen trotzdem in die Familien, auch in der Pandemie“, sagt Tim Frommeyer. Er leitet in Schwerte das Dezernat für Schule, Soziales, Jugend und Kultur.

Gemeinsam mit Jasmin Leuthner-Beller und Jugendamtsleiter Andreas Pap erzählt Frommeyer, wie Jugendarbeit zu Pandemie-Zeiten funktioniert. Eins ist klar: Einfach ist sie nicht. Und gefährlich ist sie manchmal auch.

Besuche sind selbstverständlich

„Wir haben für alle Fälle in jedem Fahrzeug eine Komplettausstattung für das Team dabei, unter anderem mit Schutzanzügen“, erzählt Andreas Pap. Denn man wisse nie, ob man mit Corona-infizierten Kindern zusammen sei. Für alle Fälle bestehe auch immer eine Rufbereitschaft mit Kontakt zur Feuerwehr.

Jasmin Leuthner-Beller leitet die Abteilung Förderung der Erziehung und Hilfe zur Erziehung. Auch sie betont, dass der persönliche Kontakt zu den Familien in Corona-Zeiten nicht abgebrochen ist. „Selbstverständlich führen wir weiter Besuche durch“, erzählt sie. „Anders kann es gar nicht sein.“

Sie kümmern sich in Schwerte um Kinder, Jugendliche und ihre Familien: Jasmin Leuthner-Beller, Andreas Pap (l.) und Tim Frommeyer.
Sie kümmern sich in Schwerte um Kinder, Jugendliche und ihre Familien: Jasmin Leuthner-Beller, Andreas Pap (l.) und Tim Frommeyer. © Martina Niehaus © Martina Niehaus

Dabei setzen die Mitarbeiter durchaus ihre eigene Gesundheit aufs Spiel. „Zwei Kolleginnen haben sich infiziert, andere waren in Quarantäne. Unser Jugendhilfedienst war zwischenzeitlich extrem geschrumpft“, berichtet Jasmin Leuthner-Beller. Von ursprünglich zehn auf drei Mitarbeiter. Man habe dann alles zusammengezogen, was irgendwie möglich war. „Man musste schon mit dem Personal jonglieren“, bestätigt Andreas Pap.

Immerhin sind die Mitarbeiter des Jugendhilfedienstes voraussichtlich bis Mitte Juni durchgeimpft. Das Thema Impfen hat Tim Frommeyer und Andreas Pap zwischenzeitlich sehr aufgebracht – seit März 2020 sei man „zu dem Thema unterwegs“ gewesen, sagt Pap.

„Wir sind es, die das Kind auf den Arm nehmen“

Was Frommeyer besonders geärgert hatte: „Bei der Priorisierung waren unsere Mitarbeiter nicht mal auf einer Stufe mit der Feuerwehr. Das wäre aber eigentlich richtig gewesen.“ Und Jasmin Leuthner-Beller ergänzt: „Wenn wir gemeinsam mit der Feuerwehr am Einsatzort sind, dann sind wir es, die das Kind auf den Arm nehmen.“

Müssen Kinder aus ihren Familien genommen werden, kommen sie im Normalfall in Einrichtungen oder Pflegefamilien unter. Doch was ist, wenn ein Kind an Corona erkrankt ist? „Für solche Fälle haben wir jetzt eine Wohnung, die komplett eingerichtet ist. Und arbeiten mit einem Leistungsanbieter zusammen, der sich um das Kind kümmert“, erklärt Jasmin Leuthner-Beller.

Kindeswohlgefährdung: „Es ist gut, wenn es Meldungen gibt“

In dem Zusammenhang stellt sich die Frage, wie viele Fälle von Kindeswohlgefährdung in Schwerte eigentlich gemeldet werden – und ob es seit Corona mehr geworden sind. Bevor sie die Zahlen nennt, weist Jasmin Leuthner-Beller darauf hin, dass es sich dabei nur um Meldungen handelt. Die können sich beim ersten Besuch schnell als Irrtum oder Missverständnis herausstellen.

In den vergangenen Jahren ist die Zahl der Meldungen tatsächlich gestiegen – von 29 in 2007 auf 176 Meldungen in 2020. „Es ist ja gut, wenn es Meldungen gibt“, sagt Leuthner-Beller. „Wir können das dann überprüfen.“

So habe im Jahr 2020 bei insgesamt 20 Prozent der Meldungen tatsächlich eine Kindeswohlgefährdung vorgelegen. Die Zahlen seien aber nicht signifikant höher gewesen als in den beiden Vorjahren. Im Jahr 2021 hat es in Schwerte bis Ende Mai 67 Meldungen gegeben.

In den Räumlichkeiten des Jugendamtes treffen sich Familienmitglieder zu sogenannten
In den Räumlichkeiten des Jugendamtes treffen sich Familienmitglieder zu sogenannten „begleiteten Umgangskontakten”. Die finden trotz Corona auch weiter statt. © Martina Niehaus © Martina Niehaus

Und die kommen aus vielen Bereichen: Polizei, Feuerwehr und Gericht, Nachbarn oder Familienangehörige, Schulen und Kitas, Kliniken und Hausärzte sowie andere Jugendhilfeträger: Sie alle melden sich, wenn sie Kinder und Jugendliche in Gefahr sehen. „Die Leute gucken hin, das ist uns sehr wichtig“, sagt Leuthner-Beller.

Schulen und Kitas machen bei den Meldungen knapp 15 Prozent aus – ist das nicht ein Problem, wenn Corona-bedingt lange kein Präsenzunterricht stattfinden konnte? Fallen mehr Kinder durchs Raster, wenn dort niemand aufpassen kann? Die Schwerter Experten sehen das anders. „Kinder aus Familien mit Schwierigkeiten konnten ja mithilfe der Notbetreuung weiter in die Einrichtungen kommen“, sagt Andreas Pap.

Kinder brauchen Regeln und Strukturen

Trotzdem habe der Ausfall des Präsenzunterrichts besonders diejenigen getroffen, die klare Strukturen am meisten brauchen. „Nehmen Sie zum Beispiel eine Pflegefamilie“, sagt Jasmin Leuthner-Beller. Die seien oft am Limit gewesen.

„Die Kinder dort sind auf klare Regeln und Strukturen angewiesen. Diesen Alltag zu bewältigen, fällt zunehmend schwer. In den Pflegefamilien hatten wir einen hohen Beratungsbedarf.“ Kein Tag sei vergangen, an dem Corona nicht das Thema war. „Das war auch wesentlich dramatischer als im vergangenen Jahr.“

Auswirkungen können extrem werden

Jetzt hoffen alle auf eine Erhöhung des Impftempos und den weiteren Rückgang der Inzidenzwerte – damit Schulen und Kitas weiter geöffnet bleiben können – und auch Freizeit-Angebote für Kinder und Jugendliche wiederkommen.

„Gerade im Kitabereich gibt es Kinder, die kennen gar keine Corona-freie Welt mehr“, sagt Tim Frommeyer. Das erste Schuljahr der Grundschüler habe man vergessen können. Und bei Jugendlichen seien so viele Angebote weggefallen. „Das betrifft alle Altersgruppen.“ Die Auswirkungen könne man noch nicht begreifen – sie könnten aber extrem werden. „Das wird eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.“

Mehr Inhalte exklusiv für junge Familien

Ob Steuern, Familienrecht, Ausflugstipps oder Einblicke in den Alltag junger Familien. Auf unseren Internetportalen finden Sie exklusive Inhalte für Eltern und Kinder: Ruhr Nachrichten | Hellweger Anzeiger

Über die Autorin
Redakteurin
Begegnungen mit interessanten Menschen und ganz nah dran sein an spannenden Geschichten: Das macht für mich Lokaljournalismus aus.
Zur Autorenseite
Avatar

Der neue Lokalsport-Newsletter für das Münsterland

Immer dienstags und freitags um 18:30 Uhr das Wichtigste aus dem Lokalsport direkt in Ihr E-Mail-Postfach.

Informationen zur Datenverarbeitung im Rahmen des Newsletters finden Sie hier.