Schwangere haben ein erhöhtes Risiko, schwer an Covid-19 zu erkranken. Trotzdem haben sie aktuell nur geringe Chancen, geimpft zu werden. © picture alliance/dpa
Coronavirus

Corona-Impfung für Schwangere? Gynäkologen: „Wir wissen noch zu wenig“

Kann man sich als Schwangere gegen Corona impfen lassen? Noch empfiehlt es die STIKO nicht. Wir haben bei Gynäkologen und einer Hebamme nachgefragt. Die meisten sind noch vorsichtig.

Eine Infektion mit Corona kann für Schwangere ein hohes Risiko darstellen. Der Grund: Die Gefahr einer Früh- oder Fehlgeburt steigt – und auch das Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf kann für werdende Mütter höher sein. Viele Experten plädieren deshalb für eine Impfung.

Doch wäre eine Impfung für Schwangere überhaupt sicher – gerade auch für das Baby? „Die Impfung wird in Schwangerschaft und Stillzeit nicht empfohlen“, sagt der Schwerter Gynäkologe Dr. Stefan Windhövel. Denn es gebe einfach noch nicht genug Erfahrungswerte, die eine Aussage darüber treffen, ob eine Impfung für Schwangere geeignet ist.

In den USA, Österreich und Israel ist es anders

So teilt es auch das Robert-Koch-Institut (Stand 10. Mai) mit: „Bisher liegen keine Erkenntnisse aus kontrollierten Studien zum Einsatz der Covid-19-Impfstoffe in der Schwangerschaft vor“, heißt es dort. Allein auf Grundlage der kürzlich publizierten Beobachtungen aus den USA werde die STIKO (Ständige Impfkommission) „keine generelle Impfempfehlung für Schwangere“ aussprechen.

In Ländern wie den USA, Österreich, Israel, Großbritannien oder Belgien wird die Impfung in der Schwangerschaft bereits empfohlen. Das weiß auch Dr. Stefan Windhövel. „In anderen Ländern werden Schwangere geimpft. Es wird so sein, dass es dazu auch Untersuchungsergebnisse geben wird. Dann kann man sehen, welche Nebenwirkungen dabei rumkommen könnten.“ Entsprechend ließe sich, so Stefan Windhövel, dann auch beobachten, wie es den Frauen und den Neugeborenen nach der Schwangerschaft geht.

Bei Vorerkrankungen: Aufklärung und Beratung

Es ist Schwangeren jedoch nicht verboten, sich impfen zu lassen. „Schwangeren mit Vorerkrankungen und einem daraus resultierenden hohen Risiko für eine schwere Covid-19-Erkrankung oder mit einem erhöhten Expositionsrisiko aufgrund ihrer Lebensumstände kann nach Nutzen-Risiko-Abwägung und nach ausführlicher Aufklärung eine Impfung mit einem mRNA-Impfstoff ab dem 2. Trimenon angeboten werden“, teilt das RKI mit.

Dr. Windhövel setzt hier auf Aufklärung: „Diejenigen, die sich in einer Praxis impfen lassen wollen, können das tun – vorausgesetzt, sie sind über alle Risiken aufgeklärt und sich dessen zu hundert Prozent bewusst. Dann ist das sicherlich auch sinnvoll. Allerdings sollte diese nicht im ersten Trimester erfolgen.“

Praxis übernimmt die Verantwortung

Denn eine Infektion mit Covid-19 solle in jedem Fall vermieden werden. „Ein schwerer Verlauf ist auch in der Schwangerschaft schon bei Frauen vorgekommen. Wenn man das durch eine Impfung verhindern kann, dann ist das natürlich positiv.“

Doch Stefan Windhövel gibt auch zu bedenken, dass jede Praxis, die eine Schwangere impft, die Verantwortung dafür übernehmen müsse. Käme es zu Risiken, so müsse darauf hingewiesen werden, dass eine umfangreiche Aufklärung der Schwangeren erfolgt sei.

Gynäkologin: „Das Thema ist sehr emotional besetzt“

Die Schwerter Gynäkologin Dr. Ursula Lüsse ist ebenfalls sehr vorsichtig, was Corona-Impfungen betrifft. „Das Thema ist sehr emotional besetzt, aber man muss es wissenschaftlich-medizinisch angehen“, sagt sie. Und ergänzt: „Wir halten uns an die Vorgaben der STIKO und werden erst dann impfen, wenn es eine Empfehlung gibt.“ Zurzeit würden vor allem Kontaktpersonen von schwangeren Frauen in ihrer Praxis geimpft.

Bei Schwangeren mit bestimmten Vorerkrankungen, die im Fall einer Covid-19-Erkrankung mit einem sehr schlechten Krankheitsverlauf rechnen müssten sei eine Impfung denkbar. Und auch bei stillenden Müttern zieht sie eine Impfung in Betracht – wenn das Baby gesund und stabil sei. „Da würde ich es etwas großzügiger handhaben.“

Trotzdem sagt Ursula Lüsse grundsätzlich: „Wir wissen noch zu wenig.“ Und sie betont: „Keine Mutter würde ihr zwölfjähriges Kind impfen lassen, solange die STIKO die Impfung nicht empfiehlt.“ Das gelte auch gegenüber ungeborenen Kindern.

Hebamme: „Vielen ist der Gedanke unheimlich“

Gaby Fiedler ist Hebamme und betreut in ihrer Hebammen-Gemeinschaft in Schwerte seit 2012 schwangere Frauen, junge Mütter und deren Babys. „Meistens sind es so um die 30 Frauen, die ich über einen sehr langen Zeitraum kennenlerne“, erzählt die 51-Jährige.

Eine Corona-Impfung für Schwangere ist in anderen Ländern bereits empfohlen. Doch noch fehlen Erfahrungswerte.
Eine Corona-Impfung für Schwangere ist in anderen Ländern bereits empfohlen. Doch noch fehlen Erfahrungswerte. © picture alliance/dpa © picture alliance/dpa

Auch bei „ihren“ Müttern ist das Thema Corona-Impfung gerade aktuell. „Die meisten sind da allerdings noch sehr vorsichtig, weil die Empfehlung eben noch nicht vorliegt“, erzählt Gaby Fiedler. „Da ist der Gedanke vielen noch unheimlich.“

Die Hebamme weiß aber auch von Müttern, die von ihren Gynäkologen direkte Impfangebote bekommen hätten. „Bei einer Schwangeren hat die Ärztin aus Dortmund ihr eine Impfung angeboten. Sie hat aber abgelehnt, weil die zweite Impfung mit dem Geburtstermin zusammengefallen wäre“, sagt Gaby Fiedler.

Impfungen gegen Keuchhusten und Grippe sind üblich

Sie weist darauf hin, dass es sogar bestimmte Impfungen gebe, die während einer Schwangerschaft dringend empfohlen würden – wenn man sie denn noch nicht hat. Dazu zählen Influenza (Grippe) und Pertussis (Keuchhusten).

Seit 2010 empfiehlt die STIKO die Grippe-Impfung für alle Frauen, die während der Influenzasaison im Winter schwanger sind. Denn Erfahrungen aus der Influenza-Pandemie 2009 hätten gezeigt, „dass Schwangere bei einer Influenzainfektion ein erhöhtes Risiko für schwere Krankheitsverläufe haben“.

Können Corona-Antikörper das Ungeborene schützen?

Beim Keuchhusten bestehe die Gefahr, dass die Mutter ihr Baby nach der Geburt damit ansteckt. „Keuchhusten ist sehr gefährlich in der ersten Säuglingszeit, und eine Impfung schützt auch das Baby“, weiß die Hebamme. Im Infoblatt über die Keuchhusten-Impfung beim RKI lässt sich erkennen, wie das funktioniert: Die Schwangere gibt über die Nabelschnur sogenannte „Immunglobulin-G-Antikörper“ an das Ungeborene weitergibt. Das nennt sich Leihimmunität.

Könnte eine Corona-Impfung nicht auf ähnliche Weise das Ungeborene vor einer Infektion schützen? Dr. Ursula Lüsse kann sich durchaus vorstellen, dass bei einer Corona-Impfung auch schützende Antikörper von der Mutter auf das Ungeborene übertragen werden könnten. Doch sie betont erneut: „Wir brauchen erst Erfahrung, um sicher zu sein. Und bis dahin sollte man als Schwangere oder Mutter mit einem neugeborenen Baby weiter versuchen, Kontakte zu minimieren.“

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Obwohl nicht in Dortmund geboren, bin ich doch eng mit dieser Perle des Ruhrpotts verbunden. Eine Stadt durch die Augen eines Journalisten kennenzulernen, das fasziniert mich. Seit Oktober 2017 arbeite ich für die Ruhrnachrichten und bin seit April 2020 Volontärin.
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Denise Felsch