Besorgt blickt Joachim Kockelke auf das Corona-Jahr zurück. Er erklärt, was der lange Lockdown für Auswirkungen hat und fragt sich: „Wer bleibt am Ende übrig?“ © Carina Strauß
Serie: Ein Jahr Corona in Schwerte

Das Corona-Jahr im Einzelhandel: „Wer bleibt am Ende übrig?”

Die Corona-Pandemie hat Schwerte und ganz Deutschland fest im Griff. Wir blicken zurück und sprechen mit Leuten, die im vergangenen Jahr mit dem Virus oder dessen Folgen kämpfen mussten.

Am 11. März 2020 meldete das Kreis-Gesundheitsamt den ersten Corona-Fall in Schwerte. Ein Jahr danach blicken wir in einer Serie zurück auf eine Zeit, die viele Einschränkungen und Probleme mit sich gebracht hat. Schulschließungen, Homeoffice, verwaiste Innenstädte, Menschen mit Existenzängsten – die Corona-Pandemie hat ihre Spuren hinterlassen.

So auch bei Joachim Kockelke. Er betreibt zusammen mit seiner Frau Dagmar das Geschäft „Kettler Geschenke + Schmuck“ an der Hüsingstraße betreibt. 135 Jahre gibt es das Geschäft Kettler jetzt schon. 2021 sollte eigentlich Schluss sein. „Meine Frau und ich haben es sehr gerne gemacht. Aber irgendwann muss man den Absprung schaffen”, erklärte Joachim Kockelke im vergangenen Jahr noch kurz vor dem zweiten Lockdown.

Corona als „Barriere” für Nachfolge

Doch wie so vielem macht Corona auch der Nachfolgeregelung vorerst einen Strich durch die Rechnung. „Das ist eine enorme Barriere”, erklärt Joachim Kockelke. Bis kurz vor dem Lockdown sei er noch sehr positiv gewesen, eine Nachfolge präsentieren zu können. Es seien Gespräche gelaufen. „Aber das ist eben auch ein Einzelhandelsunternehmen. Die können im Moment nicht zusagen, dass sie das Geschäft übernehmen.”

Die interessierte Firma würde wohl liebend gerne nach Schwerte kommen, „aber es fehlt die Liquidität”. Auch bei den Banken hätten Einzelhändler zunehmend Probleme, Geld zu bekommen. „Die sagen auch, das ist uns zu risikoreich, das finanzieren wir nicht.”

Das Geschäft Kettler in der Hüsingstraße um das Jahr 1920: Davor steht die Gründerfamilie. Die 135-jährige Firmengeschichte soll eigentlich 2021 enden. Doch die Corona-Pandemie bringt auch bei der Nachfolgeregelung Probleme mit sich.
Das Geschäft Kettler in der Hüsingstraße um das Jahr 1920: Davor steht die Gründerfamilie. Die 135-jährige Firmengeschichte soll eigentlich 2021 enden. Doch die Corona-Pandemie bringt auch bei der Nachfolgeregelung Probleme mit sich. © privat © privat

Damit werde das Problem drohender Leerstände noch größer: „Die Leerstände können so mittelfristig nicht beiseite geschoben werden.”

„Ich stand total neben mir”

Doch das ist eigentlich nur der Gipfel der Geschichte, die Joachim Kockelke vom Corona-Jahr zu erzählen hat. „Vor einem Jahr hatten wir noch eine Feier mit vielen Leuten. Danach sind wir noch ein paar Tage zur Nordsee gefahren.” Als sie dort waren, hätten sich bereits die Nachrichten verdichtet, dass da noch mehr kommt in Sachen Corona.

„Wir waren so mit die Letzten, die von der Insel runter sind. Danach mussten alle runter. Und über allem stand die Frage, was die Zukunft bringt.”

Zurück zu Hause hätten sie montags noch den Laden geöffnet. „Am Dienstag gab es dann schon erste Schließungen und Mittwoch war dann der Tag, wo unser Laden geschlossen werden musste.” Die Situation war für Joachim Kockelke, der seinem Geschäft sonst nicht sehr lange am Stück ferngeblieben war, nicht einfach.

„Ich stand total neben mir, ich wusste nicht, wie ich damit umgehen sollte.” Dazu kam, dass das Ehepaar Kockelke damals schon im Hinterkopf hatte, den Laden abzugeben. „Ich wusste nicht, wie wird sich die Pandemie auswirken? Muss ich das Schaufenster verbrettern? Ich habe die Heizung ausgeschaltet, die Elektrogeräte ausgestöpselt. Dann haben wir abgeschlossen und wussten nicht, ob wir je wieder aufschließen würden.”

Sicherheitsmaßnahmen schützten nicht vor zweitem Lockdown

Die ersten Tage seien für ihn furchtbar gewesen. Dann kam der Unternehmer in ihm durch. „Wir mussten ja was tun. So wurden Telefonketten aufgebaut, Mails ausgetauscht mit Ideen, was wir machen könnten.”

Und so sei es dann das Jahr über mal rauf und mal runter gegangen. Als man wieder öffnen durfte, wurden die Sicherheitsmaßnahmen erhöht, Spuckschutzwände aufgebaut, Masken angeschafft, Abstandsmaßnahmen getroffen. „Wir waren bestens gerüstet”, sagt Joachim Kockelke.

Immer wieder kleben neue Corona-Vorgaben an der Ladentür.
Immer wieder kleben neue Corona-Vorgaben an der Ladentür. © Reinhard Schmitz © Reinhard Schmitz

Doch dann kam die zweite Corona-Welle und Mitte Dezember der zweite Lockdown. „Wir haben uns gefragt, warum müssen wir mit all diesen Maßnahmen jetzt zu machen? Vor allem: Noch ein paar Tage länger und wir hätten die Gewinnzone erreicht. Viele fragen sich jetzt, wann sie diese Gewinne einfahren”, erklärt Joachim Kockelke die Situation der Einzelhändler.

Große Probleme bei den Einzelhändlern

Bei vielen seiner Kollegen gebe es große Probleme. „Überall liegt noch die Ware von vor Weihnachten. Aber wer kauft jetzt noch dicke Jacken, Schal und Mütze? In der Mode-Branche kommt hinzu, dass die meist ein Jahr im Voraus arbeiten. Wenn da die Lieferanten kommen, können die nicht sagen: ‚Das nehme ich nicht ab’.”

Wenn Ware bezahlt sei, müsse man diese mit teils erheblichen Verlusten verkaufen. Wenigstens die Überbrückungshilfen würden nun langsam fließen. „Aber die fangen die Verluste nicht auf. Und viele Kollegen fragen sich, wovon sie privat leben sollen. Das ist eine extrem gefährliche Situation für den gesamten Einzelhandel”, sagt Joachim Kockelke.

Gefährlich auch für die vielen inhabergeführten Geschäfte. „Es gibt viele Geschäfte, wo der Inhaber noch die Einkäufe tätigt und hinter der Ladentheke steht. Aber die Situation jetzt könnte dafür sorgen, dass damit eine ganze Handelsgeschichte verschwindet. Was dann bleibt, sind Ketten und die gehen mittlerweile auch vermehrt ins Internet”, erklärt der Geschäftsführer. Die Innenstädte könnten sich extrem verändern. „Die Situation ist sehr dramatisch.”

„Wer bleibt am Ende über?”

Nun frage er sich jeden Tag, was morgen kommt, so Kockelke. „Man hofft immer, was zu hören, wie es weitergeht. Wenn der Lockdown immer wieder verlängert wird, stellt sich die Frage: Wer bleibt am Ende übrig?”

In der Nacht zu Donnerstag (4.3.) war es dann endlich so weit. Es wurden stufenweise Lockerungen beschlossen. Und auch wenn es bei Kettler zunächst nur Shoppen mit Termin gibt, zeigte sich Joachim Kockelke am Donnerstagmorgen vorsichtig optimistisch: „Bei uns könnten so drei Kunden gleichzeitig im Laden sein, das wäre schon fast Normalität, nur das man eben vorher einen Termin vereinbaren muss.”

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