In Schwerte entscheiden die Alten. Die Hälfte der Mitglieder des Rats sind im Rentenalter. Was sind die Gründe? Wirkt sich das auf Entscheidungen aus? Wir haben Ratsmitglieder gefragt.

Schwerte

, 10.11.2019, 17:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Wer entscheidet über die Zukunft der Kommunen? Vor einem knappen Jahr hat das WDR eine Umfrage gemacht, in der die Geburtsjahrgänge von 87 Prozent aller Ratsmitglieder in NRW erfasst wurden. Das Ergebnis ist eindeutig: Von diesen 87 Prozent sind nur elf Prozent 40 Jahre und jünger. Es zeigt also, Kommunalpolitik ist ein Hobby für Ältere.

Auch Schwertes Rat ist überaltert

Auch in Schwerte ist das nicht anders. Von den 38 Ratsmitgliedern sind gerade einmal sechs 50 Jahre alt oder jünger. Die CDU als „älteste“ Fraktion hat einen Altersdurchschnitt von über 61 Jahren (Stand 7. Juni).

Warum sind junge Politiker so unterrepräsentiert? Welche Folgen hat die Altersstruktur für die Gestaltung der Stadt? Und wie kann man junge Politiker und Politikinteressierte besser an der Ratspolitik beteiligen? Wir haben wir bei den jüngsten und beim ältesten Schwerter Ratsmitgliedern nachgefragt.

Jungen Leuten fehlt die Zeit

„Parteien sollten den Mut haben, jungen Menschen einen Wahlkreis zu geben“

Simon Lehmann-Hangebrock (SPD) sieht fehlende Zeit junger Menschen als Hauptgrund für die Überalterung des Stadtrates. © SPD-Schwerte

Der Jüngste im Schwerter Stadtrat ist mit 27 Jahren Simon Lehmann-Hangebrock von der SPD. Er sieht vor allem die fehlende Zeit junger Menschen als Hauptgrund für die Altersstruktur im Stadtrat: „Bei Menschen zwischen 20 und 30 verändert sich im Leben viel durch Studium und Berufsleben. Es fehlt oft die Bereitschaft sich für fünf Jahre an einen Ort zu binden. Auch die Jusos Schwerte haben viele junge Leute nach ihrem Schulabschluss verloren, da sie jetzt in anderen Städten studieren.

Fehlendes Vertrauen für eine „Kampfkandidatur“

Herbert Dieckmann (77), ältestes aktives Ratsmitglied in Schwerte sieht das ähnlich. Für eine Ratskandidatur fehle bei jungen Menschen die Kontinuität, um sich für fünf Jahre politisch und örtlich zu binden. Maximilian Ziel (28) von den Grünen glaubt zudem jüngere Leuten würden sich eine „Kampfkandidatur“ nicht zutrauen, da sie nicht die Kontakte haben, die erfahrenere Politiker über die Jahre für sich gewonnen haben. Außerdem werde einfach verkannt, wie spannend Kommunalpolitik sein kann. Gerade für viele Junge Menschen sei die Bundes- und Weltpolitik interessanter.

„Parteien sollten den Mut haben, jungen Menschen einen Wahlkreis zu geben“

CDU-Ratsherr Herbert Diekmann findet, das Alter des Rates spiele keine Rolle in den Entscheidungen. © CDU-Schwerte

Nimmt das Alter Einfluss auf die Entscheidungen?

Einfluss auf die Gestaltung der Stadt nehme der hohe Altersdurchschnitt nach Herbert Dieckmann jedoch nicht. „Das Alter spielt für die Entscheidungen im Rat keine Rolle. Zudem gehen die jungen Kollegen im Rat sehr verantwortungsbewusst mit ihrem Amt um.“, so Dieckmann.

„Parteien sollten den Mut haben, jungen Menschen einen Wahlkreis zu geben“

Maximilian Ziel (Grüne) findet: Die Stadt muss für junge Menschen attraktiver gestaltet werden. © Maximilian Ziel

Seine jüngeren Kollegen sind da anderer Meinung. Lehmann-Hangebrock findet, dass die Sichtweise junger Menschen in der Kommunalpolitik zu kurz kommt: „Bei gewissen Themen merkt man als junger Politiker schon, dass Entscheidungen anders oder später erst getroffen werden. Mein Lieblingsbeispiel ist hier der Bereich Digitalisierung.“ Er sei in seiner Fraktion der einzige Fürsprecher für die papierlose Ratsarbeit.

Auch eine finanzielle Frage

Maximilian Ziel glaubt auch, dass die Attraktivität Schwertes für junge Menschen ausbaufähig sei. Er sieht den Grund dafür aber nicht unbedingt im Alter der Ratsmitglieder. „Spannend ist die Frage, ob viele Entscheidung für ältere Menschen getroffen werden, weil die meisten Ratsmitglieder älter sind oder weil die Stadt immer älter wird“, erklärt Ziel. Zudem sei die finanzielle Situation der Stadt Schwerte bei der Gestaltung mitentscheidend. Solange die Stadt kein Geld hat, kann man auch kein Geld ausgeben, um sie attraktiver für junge Menschen zu machen.

Schülerhaushalt macht Dieckmann Hoffnung

Wie schafft man es aber jüngere Politiker und Politikinteressierte besser an der Ratspolitik zu beteiligen? Für CDU-Ratsmitglied Dieckmann sind jüngere Leute einfach nicht genug interessiert an Kommunalpolitik. Hoffnung mache ihm hingegen das Beispiel Schülerhaushalt. Dabei haben Sponsoren Geld an Schwerter Grundschulen gespendet. Die Schüler durften per Wahl selbst entscheiden, wofür das Geld ausgegeben wird. „Durch solche Aktionen werden Kinder an den Wahlprozess und die Demokratie herangeführt.“, sagt Dieckmann.

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Das Münsterland als Vorbild

Maximilian Ziel sieht einen guten Schritt im Vorschlag seiner Partei ein Jugendforum einzuführen, um die Jugendlichen näher an die Ratsarbeit zu führen. Die Umsetzung sei bisher nicht an der Politik, sondern an der Verwaltung gescheitert.

Simon Lehmann-Hangebrock nimmt dagegen ein Modell aus dem Münsterland als Beispiel, bei dem Schüler der Klasse 10 ein Praktikum bei Fraktionen des Rats absolvieren. „Dieses Modell finde ich interessant. Gleichzeitig sollten die Parteien aber den Mut haben junge Menschen einen Wahlkreis zu geben und einen aussichtsreichen Listenplatz bereitstellen.“

Trotz der Differenzen zwischen Junior- und Seniorpolitikern ist man sich in einem einig. Die Stadt muss attraktiver für junge Menschen werden.



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