Uwe Görke-Gott: Dieser Mann aus Schwerte lebt seit 27 Jahren mit HIV

mlzTrotz des Virus überlebt

Aids - eine tödliche Seuche. So dachte man vor 30 Jahren. Fast genau so lange lebt Uwe Görke-Gott aus Schwerte (53) mit dem HI-Virus. Er glaubt zu wissen, warum er überlebte.

Holzen

, 28.01.2018, 05:30 Uhr / Lesedauer: 4 min

Als der erste Anti Aids-Weltkongress vor 30 Jahren In London begann, war Uwe Görke-Gott noch eine „Landpomeranze“. Aus Iserlohn war er nach Köln gezogen – dorthin, wo man Homosexualität ausleben konnte. Dass sein Freund das gründlicher machte als er und ihn drei Jahre später anstecken sollte, war damals noch kein Thema.

Die Schwulen-Krankheit, wie sie immer wieder auch in den Medien genannt wurde, war ein Todesurteil. Wer sich mit HIV infizierte, der hatte noch maximal fünf Jahre zu leben. Im fernen London konferierten damals 600 Delegierte, darunter 130 Gesundheitsminister, drei Tage lang über die Bedrohung. Aufklärung und Selbstschutz waren damals die Königwege.

Bis zu 50 Tabletten am Tag – um zu überleben

Als Görke 1991 seine Diagnose bekam, war er überzeugt, dass er die Jahrtausendwende nicht mehr erleben würde. Er nahm einen Kredit auf, bereiste sechs Wochen lang Amerika und bereitete sich dann auf den Tod vor. Doch Uwe überlebte, nicht nur die prognostizierten fünf Jahre. Er klammerte sich an jede Therapie, die es gab. Nahm alle Tabletten, die versprachen, das Virus im Zaum zu halten. „Ende der 90er waren das oft bis zu 50 Tabletten täglich“, erzählt er.

Nach einem strikten Plan wurde um 8, 12, 17 und 21 Uhr gleich eine ganze Handvoll Kapseln und Tabletten runtergewürgt. Medikamente mit harten Nebenwirkungen. Durchfall, Kopfschmerzen, Bluthochdruck und Panikattacken quälten ihn. Und immer wieder Rückschläge. Der Virus vermehrte sich im Blut, die Helferzellen bildeten sich zurück.

Viele Tabletten, die er nahm, erwiesen sich als überflüssig oder sogar Symptom verstärkend. Wie die übermäßig hoch dosierten Vitaminpräparate, die Anfang des Jahrtausends aus den USA importiert wurden. „Wir haben uns an alles geklammert, was Hoffnung versprach.“ Karotingelbe Haut und Magenverstimmungen waren oft die Folge. Und auch die anderen Medikamente schlauchten den Körper. „Es war wie eine andauernde Chemotherapie zu Hause.“

So wurde aus dem Infizierten ein Aids-Aktivist

Düstere Tage waren das. „Am schlimmsten ist die Angst vor der Angst.“ Auch wenn Uwe Görke-Gott damals seine Bestimmung fand. Er zog als privater Aids-Aktivist gegen das Vergessen ins Feld. „Viele, die eine schwere Krankheit haben, wollen Familie und Freunden damit nicht zur Last fallen. Am Ende hast du dann aber keinen mehr, mit dem du reden kannst“, sagt er. Uwe redete mit der ganzen Welt. Denn das Internet gab ihm die Möglichkeit seine Botschaften zu verbreiten. Er besuchte Schulen, warb für Kondome und gab der Krankheit ein Gesicht.

Aber er kehrte auch langsam in ein normales Leben zurück. Bei der Arbeit lernte er seinen Benni kennen, ging eine Lebenspartnerschaft ein und gehört natürlich auch zu den ersten, die die Ehe für alle nutzen. Heute sieht das Leben mit der Krankheit anders aus. Gegen das HIV-Virus nimmt er aktuell drei Tabletten. Und die reichen aus, um das Virus unter die Nachweisgrenze zu drücken. Theoretisch ist er also fast gesund. Allerdings nur, so lange er die Tabletten nimmt. „Ich habe Freunde, die wollten eine Tablettenpause machen, bei denen vermehrte sich das Virus schnell wieder.“ Das kann Uwe nicht passieren. Bei seinen Medikamenten ist er diszipliniert. Sie liegen im obersten Fach des Kühlschranks. Nicht weil sie Kühlung brauchen, sondern damit er sie morgens nicht vergisst.

Der Nachbar starb – nicht am Virus, sondern am schwachen Körper

„Wenn du dich heute infizierst und das schnell diagnostiziert wird, hast du fast dieselbe Lebenserwartung, wie ein Gesunder.“ Aus dem Todesurteil der 90er-Jahre ist eine chronische Krankheit geworden – unangenehm aber beherrschbar. Selbst ungeschützter Sex ist theoretisch wieder möglich, wenn die Medikamente die Viren in Schach halten. Für sich schließt Uwe das aus. Aber es lasse einen schon freier leben. Am wichtigsten sei es aber, dass die Neuinfizierten nicht unter den vielen Symptomen und Nebenwirkungen leiden müssen.

Das gilt für den Langzeitüberlebenden allerdings nur begrenzt. Bei Görke-Gott hat der lange Kampf gegen das Virus Spuren hinterlassen. Eine geschädigte Bauchspeicheldrüse, Folgeerkrankungen und immer noch plagen ihn nach dem Aufstehen Schmerzen. Die bekämpft er dann mit Novalgin-Tropfen. „Ich glaube, da habe ich schon eine Abhängigkeit entwickelt“, schätzt er.

Von seinen Leidensgenossen von damals ist kaum noch einer übrig. Rolf starb im Dezember vor einem Jahr an einer Lungenentzündung. Der Nachbar aus Holzen war auch lange Jahre infiziert. Am Ende war es nicht das Virus, sondern der von den vielen Therapien ausgezehrt Körper, der sich nicht mehr wehren konnte. „Vor so etwas habe ich auch Angst“, sagt Uwe.

„Habe mir oft die Frage gestellt: Warum ich?“

Noch vor ein paar Jahren habe er alles für das eigene Ableben geplant. Geld für die Beerdigung gespart, ein Testament gemacht, damit Benni versorgt ist und so weiter. Natürlich drohe die Gefahr heute immer noch. Aber im Großen und Ganzen sieht sich Uwe als einer, der es überlebt hat. „Ich habe mir auch schon oft die Frage gestellt: Warum ich?“ Dann formuliert er für sich selbst drei Antworten: „Meine Eltern sind relativ alt geworden, ich war gewissenhaft bei der Therapie, und ich fresse nichts in mich rein.“

Letzteres hat ihm Ruhm, Misstrauen und offene Feindschaft eingebracht. Denn auch wenn die Krankheit objektiv viel von ihrem Schrecken verloren hat, ist das auf subjektiver Ebene anders. „Wenn du nur die Zahnarztpraxis wechselst, kann es sein, dass du wieder mit den alten Vorurteilen kämpfen musst.“ Noch schlimmer sei es bei Versicherungen. Ob Lebens oder Unfallversicherung, es gebe immer noch Versicherer, die Infizierte ausschließen. „Als

Diabetiker passiert dir das nicht.“ Und manchmal findet er sogar immer noch Drohbriefe im Postkasten.

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Große rote Aids-Schleife war ein Geschenk vom WDR

Heute gehen Infizierte normal ihrer Arbeit nach, die Probleme liegen mehr im gesellschaftlichen als im gesundheitlichen Bereich. Bei Uwe ist das anders. Die 27 Jahre mit dem Virus haben dem Körper zugesetzt. Als Rentner geht er nur noch einer Nebentätigkeit als Hausmeister für seinen Wohnblock in Holzen nach. Den Balkon seines Hauses erkennt man an der riesigen roten Aids-Schleife. Die hat er vom WDR geschenkt bekommen. Als Talkgast bei Bettina Böttinger im WDR hat er sich gleich die Studiodekoration gesichert. 2008 schrieb er seine Memoiren und sein Internetblog und seine Facebookseite als privater Aids-Aktivist haben auch heute noch zahlreiche Leser.

Seinen Kampf als privater Aids-Aktivist hat er mittlerweile hinten angestellt. Vieles, was heute zur Prävention zählt, ist nicht mehr seine Sache. Da gibt es Tabletten, die man vorbeugend nehmen kann. Die „Prä-Expositions-Prophylaxe“, kurz Preb genannt, schützt angeblich so gut wie ein Kondom. Doch die Pille, die eigentlich als HIV-Medikament Truvada einst auf dem Markt kam, muss vorbeugend genommen werden und ist nicht nebenwirkungsfrei.

„Viele haben mir vorgeworden, mediengeil zu sein“

Die Arbeit in Schulen und in öffentlichen Foren ohne offizielles Mandat und Unterstützung hat ihm zwar auch Feinde, aber auch hohe Auszeichnungen eingebracht. 2004 erhielt er für seine Arbeit die Stadtmedaille und 2013 sogar das Bundesverdienstkreuz.

„Viele haben mir vorgeworfen, mediengeil zu sein“, so der Geehrte. Aber genau das sei eben seine Methode. Einer müsse schließlich den Kopf hinhalten. In Sachen HIV macht Uwe-Görke-Gott das derzeit aber nicht mehr. Da müssten jüngere Leute ran, findet er. Für Toleranz gegenüber Schwulen streitet er aber immer noch. Vor allem Fußballstadien seien eine Hochburg der Homophobie. Und dagegen geht der Schwerter jetzt vor. Mit Aufklärung, Medien und als Vorsitzender des Schwerter Bayern-München-Fanclubs.

Nur als die niederländische Aidshilfe jetzt anfragte, weil man Gesichter von HIV-Positiven für eine Plakatkampagne brauchte, stimmte er noch mal zu. Seitdem ist Uwe auch das Gesicht der Krankheit im Nachbarland.

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