Ein einziger Vereinsrammler reicht für die Vielzahl der Rassen längst nicht mehr aus

mlzKaninchenzucht in Schwerte

130 Mümmelmänner präsentierte der Rassekaninchen-Zuchtverein Schwerte bei der Rammlerschau. Er trotzt dem Sterben der Clubs ringsum. Auch wenn immer neue Auflagen das Leben schwer machen.

Schwerte

, 10.02.2019, 17:37 Uhr / Lesedauer: 3 min

Vielweiberei im Karnickelstall. Eine große Wahl blieb den Häsinnen früher nicht in Sachen Paarung. Sie mussten mit dem Vereinsrammler vorlieb nehmen, den der Club gekauft hatte. „Der wurde dann gegen eine Deckgebühr ausgeliehen“, berichtet Hans-Dieter Degwer (60), Vorsitzender des traditionsreichen Rassekaninchen-Zuchtvereins W390 Schwerte. Das Tier schaffte es immer, seiner Mannespflicht nachzukommen, wenn es reihum durchgereicht wurde. Gut einen Monat später tummelten sich dann bis zu acht Kaninchenkinder in den Ställen.

Das System funktionierte, solange es noch nicht so viele verschiedene Sorten gab. „Es wurde damals noch mehr auf Fleisch und Fell gezüchtet“, erzählt Degwer. Wichtig für die Selbstversorgung in schlechten Zeiten. Heute dagegen gibt es mehr als 400 Rassen, wenn man die verschiedenen Fellschattierungen mitzählt.

Moderassen und aussterbene Arten

Einen Einblick in diese Vielfalt bot die Kreisrammlerschau, die der Schwerter Verein am Wochenende im Taubenheim an der Schützenstraße ausrichtete. Statt eines einzigen Vereinsrammlers präsentierten sich dort 130 verschiedene männliche Kaninchen - je nachdem, für welche Sorte sich ihr Züchter entschieden hatte. Von „Moderassen“ wie dem niedlichen Löwenköpfchen bis zum dicken Deutschen Riesenschecken mit den gewaltigen Löffeln, der bis zu 6,5 Kilogramm auf die Waage bringen kann.

Ein einziger Vereinsrammler reicht für die Vielzahl der Rassen längst nicht mehr aus

Die Ausstellungsmacher Hans-Dieter Degwer (l.) und Ulrich Schumacher freuten sich, bei der Kreisrammlerschau in der Taubenhalle an der Schützenstraße 130 Kaninchen präsentieren zu können. © Reinhard Schmitz

Den hat Degwer zusammen mit einem Kollegen nur gekauft, um eine kleine Zucht für Schauen aufzubauen. Denn die großen Kaninchen sind dort kaum noch zu sehen. Sie zählen - wie die einst beliebten Großsilber- und Marder-Kaninchen - zu den vom Aussterben bedrohten Rassen. Nicht allein aus Platzmangel in den Ställen. Sie fressen auch viel mehr Futter als zierlichere Artgenossen. Und erzeugen selbstverständlich mehr Mist, dessen Entsorgung immer schwieriger wird, seit man den nicht mehr einfach zum nächsten Bauern bringen kann.

Ständig neue Vorschriften und Bürokratie für die Landwirtschaft schlagen bis zu den Hobby-Kaninchenzüchtern durch. Sogar das Besorgen von Stroh bereitet Kopfzerbrechen, seit es auf den Feldern fast nur noch zu riesigen Rundballen zusammengepresst wird.

Eigener Käfig muss sein

Da sind die Schwerter froh, einen befreundeten Bauern zu haben, der auch kleine Portionen abgibt. Als duftend und wohlschmeckende Unterlage für die Mümmelmänner, die sich in der Rammlerschau auch mal in kleinen Strohhäufchen verstecken können. Jedes Tier braucht aber unbedingt seinen eigenen Käfig. „Zwei gleichgeschlechtliche würden sich sonst beißen wie zwei Hunde“, erklärt Degwer. Deshalb scheide eine Gruppenhaltung aus.

„Die Auflagen werden immer größer“, klagt Degwer. Neueinsteiger müssen erstmal eine Sachkunde-Prüfung ablegen, für Jugendleiter werden „Unbedenklichkeits-Bescheinigungen“ verlangt. Viele kleine erschwerende Mosaiksteine, die dazu beitragen, dass die Mitgliederzahlen bei den Kaninchenzüchtern schrumpfen: „Es gibt viele Vereine, die haben nur noch zwei oder drei Leute. Die machen keine eigene Ausstellung mehr.“

Immer noch knapp 30 Mitglieder

Die Schwerter dagegen sind mit knapp 30 Mitgliedern noch recht stark. Viel mehr waren es nie, seit „W390“ vor 121 Jahren gegründet wrude. Er ist einer der ältesten Vereine der Stadt überhaupt. Zu seinen Urvätern zählte auch ein Mitglied der Senfmüller-Dynastie Adrian, berichtet Degwer stolz.

Jetzt kommt Zuwachs aus Lünen. Weil sich der dortige Club auflöst, schließen sich drei Züchter den Schwertern an, bei denen auch schon Freunde aus Hohenlimburg mit ausstellen. Junger Nachwuchs ist allerdings mehr als rar. „Momentan haben wir zwei Jugendliche“, sagt Degwer: „Vor ein paar Jahren waren es noch acht bis zehn.“ Aber man muss nicht nur Zeit und Lust haben, sondern auch die Möglichkeit, Kaninchen zu halten. Wer in einer Mietwohnung lebt, hat da trotz aller Tierliebe schon schlechte Karten. Und auf einen Stall im Schrebergarten auszuweichen, ist meist unmöglich: „Es gibt Anlagen wie die ,Amsel’, da darf man keine Tierhaltung haben.“

„Wir sind alle positiv Verrückte“

Manchen Züchtern reichen zwei Pärchen, andere haben bis zu 50 Buchten, wie die Ställe genannt werden. Klar, dass man dann nie den ganzen Nachwuchs behalten kann. Geld könne man damit aber nicht verdienen, erklärt Degwer und verweist allein auf das teure Futter. Jedes Hobby koste eben: „Wir sind alle positiv Verrückte.“

Eintritt wird so auch nicht für die Rammlerschau genommen. Man hofft, die Ausgaben für Raummiete und die Preisrichter-Auslagen durch den Verkauf von Kaffee und Kuchen sowie Tombola-Losen wieder einzuspielen. Die bunten Papierröllchen mit den Glücksnummern drehen sich in einer nostalgischen, fünfeckigen Lostrommel.. „Die hat ein Onkel von mir vor 30 oder 40 Jahren gebaut“, sagt Degwer: „Der war ein Holzwurm.“

Selbst kam der Vereinsvorsitzende aber nicht durch die Familie, sondern über einen Nachbarn aufs Kaninchenzüchten. Längst ist der vielfältig Engagierte auch stellvertretender Kreis-Vorsitzender und Preisrichter. Mit dem dickbauchigen „Standard“, der Bibel für die Bewertung der Rassetiere, ist er viel unterwegs. Nach sieben Kriterien - vom Gewicht über die Körperform bis zum Pflegezustand - können insgesamt 100 Punkte vergeben werden: „Bei 98 ist aber die normale Grenze. Es gibt kein 100-prozentiges Tier.“

Viele Urlaubstage fürs Hobby

100-prozentig ist nur Degwers Einsatz für das Hobby. Es kostet Zeit, viel Zeit. 10 bis 15 Urlaubstage im Jahr gehen dafür locker drauf. Nur zu schaffen, wenn die Ehefrau dafür Verständnis hat. Auch wenn sie manchmal seufzt: „Hätte ich Fell und lange Ohren, dann würde ich mehr Beachtung finden.“

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