Geizige private Bahngesellschaft wollte Gleise und Tunnel sparen

mlzObere Ruhrtalbahn

Vor 150 Jahren fuhr der erste Zug von Schwerte nach Arnsberg. Die Eisenbahnfreunde haben für eine Chronik recherchiert. Sie wissen von geizigen Bahnbauern, Bomben und Schnellzügen.

Schwerte

, 11.07.2020, 17:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

Die „höchsteigenhändige Unterschrift“ ist echt und adlig. Vom König Wilhelm von Preußen. Der ist längst vergessen. Aber das Projekt, dem er mit seiner Feder die „landesherrliche Genehmigung“ erteilte, gibt es immer noch: Die Schienenstrecke von Schwerte nach Arnsberg besteht seit 150 Jahren, wie die Eisenbahnfreunde Schwerte recherchiert haben. Am 1. Juni 1870 dampfte der erste Zug vom Bahnhof über die als „Obere Ruhrtalbahn“ bezeichnete Route.

Die Anfänge für den Sauerland-Tourismus

Sogar auf den Sauerland-Tourismus schien man damals schon zu hoffen. Denn ein Jahr nach der Eröffnung brachte der Arnsberger Verlag H.F. Grote einen Reiseführer auf den Markt. „Das Ruhrthal, Reise auf der neuen Ruhrthal-Eisenbahn mit Ausflügen in die Umgegend“, nannte der Verfasser F.J. Pieler sein Buch. „Der Autor beschreibt die Sehenswürdigkeiten der an der Strecke liegenden Städtchen“, berichten die Eisenbahnfreunde Wolfgang Güttler und Herbert Kluge.

Sogar einen Reiseführer gab es kurz nach der Eröffnung für die Eisenbahn Schwerte-Arnsberg. 1871 erschien das Buch im Verlag Grote in Arnsberg.

Sogar einen Reiseführer gab es kurz nach der Eröffnung für die Eisenbahn Schwerte-Arnsberg. 1871 erschien das Buch im Verlag Grote in Arnsberg. © Wolfgang Güttler

Doch in erster Linie waren Wirtschaftsinteressen die treibende Kraft für das Bahnprojekt gewesen. 1856 hatten die Städte Dortmund und Hamm gemeinsam mit Landkreisen aus dem Hochsauerland ein Komitee gegründet, das sich für den Bau der Gleise einsetzte. Sechs Jahre später - so Wolfgang Güttler - rollte die Bergisch-Märkische Eisenbahngesellschaft (BME) einen Plan für eine Verbindung von Hagen-Hengstey über Schwerte und Arnsberg nach Bestwig aus, der 1866 die „Allerhöchste Konzession“ erhielt. Allerdings mit der Auflage eines Weiterbaus bis Kassel, den sich die private Bahngesellschaft wegen der auf diesem Abschnitt nötigen, teuren Tunnel gerne gespart hätte.

Das zweite Gleis ließ viele Jahre auf sich warten

Die Bautrupps waren zunächst sparsam, wie Wolfgang Güttler berichtet: „Bei der Inbetriebnahme fuhren die Züge durch das obere Ruhrtal zunächst auf einem Gleis, obwohl der Bahndamm für zwei Gleise ausgelegt war.“ Die fehlenden Schienen seien erst vier Jahre später auf die Schwellen geschraubt worden.

Eisenbahn machte Schwerte zu einer Industriestadt

„Den Anfang einer neuen Ära wachsender Größe und frisch aufblühenden Wohlstands“ versprach der Reiseführer-Autor damals neuen Bahnhofs-Orten. Für Schwerte ging der Plan auf. „Das von Landwirtschaft geprägte Städtchen entwickelte sich durch diese Verkehrsanbindungen rasch zu einer Industriestadt“, sagt Wolfgang Güttler: „Eisenverarbeitende Betriebe siedelten sich an und errichteten eigene Gleisanschlüsse.“ Sie brauchten Arbeitskräfte, durch die sich die Einwohnerzahl von 1867 bis 1895 verdreifacht habe.

Die damalige Sicherungstechnik erforderte viele Stellwerke entIang der Strecke. Im Fachwerk-Baustil ausgeführt war die ehemalige Blockstelle in Hengsen.

Die damalige Sicherungstechnik erforderte viele Stellwerke entIang der Strecke. Im Fachwerk-Baustil ausgeführt war die ehemalige Blockstelle in Hengsen. © Eisenbahnfreunde/Sammlung Peters

Die Obere Ruhrtalbahn vernetzte Rheinland und Ruhrgebiet mit dem damaligen Mitteldeutschland. Da immer mehr Güterzüge diese Verbindung nahmen, wurde 1912 in Geisecke ein großer Rangierbahnhof gebaut, und in Schwerte-Ost ging 1922 das Dampflok-Ausbesserungswerk in Betrieb. Im Zweiten Weltkrieg rollte der Nachschub für die Ostfront über die Strecke, die zum Ziel anglo-amerikanischer Luftangriffe wurde. Nach Kriegsende verlor sie durch die innerdeutsche Grenze ihre überregionale Bedeutung. Der völlig zerbombte Güterbahnhof Geisecke wurde nicht wieder aufgebaut, das zweite Gleis zwischen Brilon und Warburg abmontiert. Aber wenigstens gab es bis 2003 noch einen Schnellzug von Düsseldorf nach Willingen.

Jubiläumsfest muss wegen Corona ausfallen

Heute - so die Eisenbahnfreunde - brummt der Regional-Express 17 im Stundentakt nach Warburg und Kassel. Im Güterverkehr gebe es noch Züge nach Neheim-Hüsten, zu einem Holzwerk in Brilon sowie aus den Kalksteinbrüchen im Hönnetal. Da die Obere Ruhrtalbahn nicht elektrifiziert ist, dient sie oft als stilechte Kulisse für Dampfzüge. Die sollten eigentlich auch jetzt zum Streckengeburtstag losstampfen, was durch Corona verhindert wurde. „Bleibt zu hoffen, dass das Jubiläum im nächsten Jahr nachgeholt werden kann“, sagt Wolfgang Güttler.

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